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Der Rückruf kam, als ich meine zweite Angelrute gerade abgelegt hatte. Im Licht des späten Vormittags funkelte der kleine Waldsee wie frisch poliert. Auf die glatte Oberfläche hatte der Herbst rote und gelbe Farbkleckse getupft, treibende Blätter. Die frische Waldluft füllte meine Lunge mit neuem Leben. Hier draußen, unter freiem Himmel, erschienen mir meine eigenen Sorgen kleiner als sonst. Hier bekam ich einen freien Kopf, wie früher mein Vater, den ich nie glücklicher als am Wasser gesehen hatte.

Die Nummer war unterdrückt, doch ich ahnte, wer es war. Als ich ihn angerufen hatte, lautete die Nachricht, der Teilnehmer sei im Moment nicht erreichbar. Hätte ich mir denken können, dass Milliardäre nicht einfach so ans Telefon gingen. Oder gar ihren ruhmreichen Namen auf eine banale Mailbox sprachen.

Es war tatsächlich Heiner Stagemann. Ich schlug vor, er solle Iris einstellen, doch er antwortete: »Ich will das Original, keine Kopie.« Ich sagte, ich hätte in Reinstadt noch sehr viel Privates zu regeln, er meinte: »Dann regeln Sie es.« Schließlich wies ich ihn auf meine labile Gesundheit hin, doch er sagte: »Für einen Versuch reicht Ihre Gesundheit aus.«

So sprach ein Mann, der immer bekam, was er wollte. Und in diesem Fall wollte er mich. Weiß der Kuckuck, warum es ausgerechnet ich sein sollte, aber offenbar hatte er nicht vor, sich mit einem Plan B zu begnügen.

In Hamburg hatte ich ihm einen Korb gegeben, aber mittlerweile lagen die Dinge anders: Meine Tante hatte womöglich nächtlichen Besuch im Auftrag der StageBau bekommen. Der Mord an der 94-Jährigen, ausgerechnet ihre Nachbarin, ging eventuell doch nicht aufs Konto eines durchgeknallten Oma-Killers. Und dass rechtschaffene Mieter der StageBau um ihr Dach über dem Kopf bangen mussten, offenbar gemobbt und gezielt aus den Häusern vertrieben wurden, rüttelte die Kämpferin in mir wach. Schon in der Schule hatte ich mich immer hinter die Schwachen gestellt.

In der letzten Nacht hatte ich mir ein schlimmes Szenario ausgemalt: Angenommen, Stagemann nimmt Iris nicht, und ich bleibe bei meiner Absage – wie geht es mir dann, wenn furchtbare Nachrichten aus Hamburg kommen, fette Schlagzeilen, womöglich sogar Tante Martha betreffend? Dann hätte ich genau gewusst: Du hattest die Chance, all das zu verhindern, aber hast nichts unternommen. Das wäre Gift für meine Gesundheit gewesen, Öl ins Feuer meiner Panikattacken.

Außerdem war dieser Job der einzige Weg, den goldenen Armreif meiner Mutter zurückzuholen, das wollte ich unbedingt. Und die Idee, die Rechnungen in meiner Schublade gegen Zahlungsbelege auszutauschen, gefiel mir auch nicht schlecht.

Ja, meine Gesundheit war noch immer wacklig, aber eine Stimme in mir flüsterte: Es wird dir guttun, endlich einen anderen Hauptberuf als Kranksein auszuüben, wieder eine Aufgabe zu haben, die über Selbstmitleid für Fortgeschrittene hinausgeht.

»Sind Sie noch dran?«, fragte Heiner Stagemann.

»Ich mache es«, antwortete ich. »Zum 1. Oktober fange ich an.«

Er bedankte sich knapp.

Und dann rückte er mit Bedingungen raus, die mir so gar nicht schmeckten: Es sollte keine Treffen zwischen ihm und mir mehr geben.

»Aber ich muss Ihnen doch berichten, was ich herausfinde. Sonst ist meine Arbeit für die Katz.«

»Ihre Nachrichten werden mich zeitnah erreichen – über unsere Personalchefin Marion Römer. Sie ist eingeweiht, als Einzige in der Firma. Und zwischen uns gibt es einen direkten Draht.«

»Ich habe aber nicht vor, Stille Post mit Ihnen zu spielen. Sie erteilen mir diesen Auftrag persönlich – also will ich auch persönlich mit Ihnen sprechen.«

»Nichts fände ich besser, liebe Frau Mikula – aber ich muss davon ausgehen, dass meine Villa überwacht wird. Keinesfalls dürfen Sie dort vorsprechen, okay?«

»Wir könnten uns wieder an einem neutralen Ort treffen, zum Beispiel im Atlantic. Wenn ich mit der U-Bahn statt der Stretchlimousine anreise, wäre das sogar diskret.« Diesen kleinen Seitenhieb konnte ich mir nicht verkneifen.

»Ich muss damit rechnen, dass ich rund um die Uhr beschattet werde. Das Risiko für Sie wäre viel zu groß. Sobald jemand bemerkt, dass Sie in direktem Kontakt zu mir stehen, sind Sie aufgeflogen. Sie wissen, was das bedeutet.«

»Sie sind der Chef dieser Firma«, erinnerte ich ihn. »Und es soll Chefs geben, die gelegentlich mit einer Mitarbeiterin sprechen, ohne deshalb Verdacht zu erregen.«

Er lachte kurz auf. »Mit Verlaub, liebe Frau Mikula, nur eine Handvoll Mitarbeiter haben mich je persönlich getroffen. Ich gelte als menschenscheu, vielleicht bin ich das ja auch. Alle wissen, dass der Austausch mit mir über zwei, drei Kontaktleute stattfindet, okay?« Er schwieg kurz und fügte hinzu: »Oder stattgefunden hat, denn in den letzten Jahren habe ich die operativen Geschäfte komplett Patricia überlassen.«

Ich sah hinaus auf den See, sah, wie die rote Antenne meines Schwimmers ein Stück nach unten gezupft wurde. Offenbar hatte sich eine Schleie an meinem Maiskorn zu schaffen gemacht. Meine rechte Hand schwebte über der Rute, um rechtzeitig anschlagen zu können.

Ich wurde aus Stagemann nicht schlau. Zwar nahm ich ihm ab, dass er in seiner Firma aufräumen wollte. Aber so menschenscheu, wie er sich darstellte, kam er bei mir gar nicht rüber. Und war ihm die Macht in der Firma wirklich so unwichtig, wie er es behauptete?

»Sie sagen, dass Sie mit Ihrer Firma fast nichts mehr am Hut haben, sich zurückgezogen haben. Warum sollte dann jemand aus Ihrer Firma ein Interesse daran haben, Sie überwachen zu lassen? Das kapiere ich nicht.«

»Weil bekannt ist, wie kritisch ich die Praktiken gegenüber den Mietern sehe. Ich habe das gegenüber meiner Schwester durchblicken lassen, leider erfolglos.«

»Wie sieht es mit telefonischem Kontakt aus – kann ich Sie wenigstens anrufen?«

»Ich muss damit rechnen, dass auch mein Telefon überwacht wird.«

Ich schaute auf die Schatten der Tannen, die den See umstanden und sich im Wasser spiegelten, als wollten sie ihre Äste bis auf seinen Grund strecken.

»Na prima«, sagte ich, »dann werden die Lauscher unseres Telefonats meine Ankunft in der Firma ja bereits sehnsüchtig erwarten. Vielleicht knotet in dieser Sekunde schon jemand eine maßgeschneiderte Schlinge für meinen Hals.«

Einen Moment schwieg er. »Keine Sorge, aktuell ist mein Handy noch sauber. Ich habe es erst gestern prüfen lassen. Aber das kann sich rasch ändern.«

»Jetzt noch mal zum Mitschreiben: Ich soll für Sie an vorderster Front in Ihrer Firma den Kopf hinhalten, aber habe nicht einmal die Möglichkeit, Sie persönlich zu erreichen? Das ist keine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dann müssen Sie sich doch eine andere suchen. Was, wenn ich mal dringend Ihre Hilfe benötigen sollte?«

»Diese Vorsichtsmaßnahmen dienen doch nur Ihrer eigenen Sicherheit, liebe Frau Mikula. Und selbstverständlich gibt es eine Ausnahme.«

Mein Schwimmer auf dem Wasser hörte zu zittern auf. Offenbar hatte die Schleie den Braten gerochen und vom Köder abgelassen. Schade, denn ich hatte noch nichts gefangen und war nun schon seit über zwei Stunden am Waldsee.

»Wie sieht diese Ausnahme aus?«, fragte ich.

»Wenn Sie das Gefühl haben, in großer Gefahr zu sein, dann wählen Sie meine Nummer, und sei es mitten in der Nacht, okay? Und ich verspreche Ihnen: Ich setze sofort alle Hebel in Bewegung, um Ihnen zu helfen.«

Dieses Angebot klang ernst gemeint und besänftigte mich. Und doch hoffte ich, seine Nummer niemals bei Nacht wählen zu müssen.

Nachdem ich aufgelegt hatte, kurbelte ich meinen Schwimmer ein. Das Maiskorn war abgefressen, der Fisch hatte mich zum Narren gehalten.