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»Wir müssen äußerst vorsichtig sein«, flüsterte Marion Römer und zog die Tür ihres geräumigen Büros hinter sich zu. »Wir wissen nicht, wer Freund und wer Feind ist. Niemand darf erfahren, in welcher Mission Sie hier sind.« Mit einer galanten Handbewegung lotste sie mich am Schreibtischensemble vorbei zum Besuchertisch, wo ein bunter Blumenstrauß leuchtete. Wir nahmen Platz.

»Ich hatte nicht vor, mich den neuen Kollegen als Undercover-Agentin Ihres Chefs vorzustellen«, sagte ich.

Marion Römer lächelte, ich hatte sie auf Anhieb gemocht. Sie sah aus wie eine Südländerin, ohne es zu sein, dunkler Typ mit großen Kulleraugen, die Zähne schneeweiß, ein rotes Tuch elegant um den Hals geschwungen. Ihre Figur war so straff, als betriebe sie jeden Tag Sport, und so sinnlich, als hätte sie es überhaupt nicht nötig. Nur die winzigen Fältchen in ihren Augenwinkeln ließen mich ahnen, dass sie nicht Mitte 20, sondern Mitte 30 war. In noch jüngeren Jahren hätte sie es wohl kaum zur Personalchefin der StageBau und offenbar auch zur engsten Vertrauten Heiner Stagemanns gebracht.

Sie sah mich freundlich an. »Es hat einen Vorteil, dass niemand Ihren Auftrag kennt: Die Kollegen werden äußerst arglos sein. Sicher schnappen Sie vieles auf, was sehr interessant ist. Der Nachteil ist: Sie können niemanden zur Mitarbeit zwingen. Wer nicht kooperiert, kooperiert nicht.«

»Und was passiert, wenn Patricia Stagemann mich als lästig empfindet und vor die Tür setzt? Dann kann ihr Bruder ja wohl kaum seine schützende Hand über mich halten.«

»Warum sollte Frau Stagemann das tun? Sie redet schon lange davon, dass wir als Aktiengesellschaft mehr auf unser öffentliches Image achten müssen. Eine klassische Presseabteilung reicht da nicht aus. Wir müssen, wie sie es neulich formuliert hat, ›die Bomben im eigenen Keller kennen – nur dann können wir sie entschärfen‹.«

Für mich klang das unlogisch. »Warum sollte sie Bomben entschärfen lassen, die sie selbst in den Keller gerollt hat? Damit würde sie doch nur ihre eigene Autorität in die Luft sprengen.«

Marion Römer senkte ihre Stimme, als hätten die Wände Ohren: »Wir wissen nicht, wer hinter den Vorfällen steckt. Heiner Stagemann vermutet, dass Patricia eingeweiht ist, aber dafür gibt es keine Beweise. Vielleicht handelt da jemand auf eigene Faust. Jedenfalls hat unser Image enormen Schaden genommen.«

»Das ist mir nicht entgangen. Ich habe in einigen Internetforen recherchiert. Schon heftig, was langjährige Mieter der StageBau vorwerfen.«

»Solche Dinge und vor allem Medienberichte will Patricia Stagemann künftig verhindern. Und das geht nur, wenn die Mieter nicht zuerst mit der Zeitung, sondern mit uns sprechen. Das leuchtet doch ein.«

»Knallen die Mieter nicht sofort die Tür zu, wenn ich als Vertreterin der StageBau bei ihnen anklopfe? Die haben doch miese Erfahrungen mit der Firma gesammelt.«

»Eben! Darum werden Sie sich den Mietern gegenüber als Journalistin ausgeben, die einen kritischen Artikel über die StageBau recherchiert. Dann erfahren Sie genau, wo der Schuh drückt. Und wir können interne Lösungen suchen, die keinen öffentlichen Lärm machen. Dafür wurde Ihre Planstelle geschaffen.«

»Moment mal«, sagte ich. »Ich soll den Leuten vorgaukeln, dass ich einen kritischen Artikel schreibe, und als Dank dafür, dass sie sich mir anvertrauen, verhindere ich die negativen Schlagzeilen dann? Ich hatte meinen Job so verstanden, dass ich die Wahrheit ans Licht bringe.«

»Inoffiziell sorgen Sie natürlich dafür, dass die Missstände aufgedeckt werden. Heiner Stagemann wünscht sich ausdrücklich, dass Sie den öffentlichen Druck erhöhen. Erst wenn die negativen Schlagzeilen so dramatisch sind, dass der Aktienkurs wackelt, werden hier bessere Sitten einziehen. Gibt es da nicht eine Journalistin bei der Hamburger Allgemeinen, mit der Sie kooperieren können?«

Ich erinnerte mich, dass ich Heiner Stagemann empfohlen hatte, Jane Sternberg an meiner Stelle anzuheuern. Aber meine Tipps zur Personalauswahl hatte er ja allesamt in den Wind geschlagen. Interessant, dass er sogar dieses Detail seiner Personalchefin erzählt hatte.

Eine Frage ging mir schon die ganze Zeit durch den Kopf: »Aber wenn krumme Dinger der StageBau ans Licht kommen und der Aktienkurs sinkt, dann reduziert sich doch auch das Vermögen von Herrn Stagemann? Dann steht er bald nicht mehr auf der Liste der reichsten Deutschen. Das kann doch nicht sein dringendster Wunsch sein.«

»Er sieht das anders: Je später die Wahrheit ans Licht kommt, desto heftiger wird es die Firma treffen. Ein solcher Skandal könnte das ganze Unternehmen ausradieren, wenn er von Strafermittlern oder Journalisten aufgedeckt wird.«

»Und Sie meinen ernsthaft, es trifft die Firma weniger hart, wenn ich das aufdecke?«

»Die Börsen legen auf Compliance äußersten Wert, das leuchtet doch ein. Unternehmen sollen sich selbst kontrollieren, aus eigener Initiative. Wer den Finger hebt und einen Fehler zugibt, hat schon wieder Punkte bei den Aktionären gesammelt. Um eine Selbstreinigung, eine Aufklärung von innen, geht es Herrn Stagemann. Dafür hat er Sie angeheuert.«

Mittlerweile hatte ich den Vertrag unterschrieben und freute mich schon aufs Monatsende: 7.500 Euro, von denen netto gut 4.250 bleiben würden. Das erste Mal seit über einem halben Jahr würde mein Girokonto wieder ins Plus springen. Ich war von der Abgestellten zur Angestellten aufgestiegen.

»Wie schätzen Sie ihn eigentlich so ein, den Herrn Stagemann?« Kaum hatte ich die Frage gestellt, war mir klar: Ich hätte besser den Mund gehalten! Was sollte sie auch antworten, ohne sich oder ihren Chef in Verlegenheit zu bringen?

Doch Marion Römer lachte fröhlich. »Man kann ihm vollkommen vertrauen. Er verspricht wenig, aber hält viel. Ein richtiger Ehrenmann. Und kein bisschen arrogant, trotz seines ganzen Geldes. Solche Menschen sind selten, Frau Mikula. Oder darf ich Susanne sagen? Wir können uns gern duzen.«

Ich war einverstanden und spürte, dass ich in ihr eine Verbündete in der Firma hatte. Und in meinem Übermut schob ich noch eine Frage nach: »Meinen Sie, äh, meinst du denn, er schreitet ein, falls mein Kopf in einer Schlinge steckt?«

»Ganz sicher, Susanne. Er ist verantwortungsbewusst und hat noch nie jemanden hängen lassen. Er spendet viel Geld, ohne Lärm darum zu machen.«

»Und Patricia?«, fragte ich vorsichtig.

Sie blies ihre Wangen auf. »Nimm dich vor ihr in Acht – sie ist eine Schlange!«