Die Bettfedern quietschten wie der Stoßdämpfer eines uralten Autos, das über eine Schotterpiste fährt und immer schneller wird. Die Stimme des Mannes, der diese Fahrt hörbar genoss, hatte erst noch »oh, ohhh, ohhhh!« gestöhnt, immer wieder »oh, ohhh, ohhhh!« Jetzt, offenbar bei höherem Tempo, brüllte er »jahhh, jahhhhhh, jahhhhhhhhh!« – die Lautstärke steigerte sich, jedes neue »Ja«, das er ausstieß, zog sich länger hin, stieg in eine höhere Tonlage, näherte sich dem Ziel der Reise, der vollkommenen Ekstase.
Mit einem Schlag setzte vollkommene Stille ein, ich dachte schon: Ziel erreicht! Doch dann winselte der Mann wie von Sinnen: »Schlag mich, schlag mich! Auf den Arsch, ja, auf den Arsch! Gib’s mir, ich hab’s verdient, gib’s mir.« Ein Klatschen, laut wie ein Teppichklopfer, hallte in meinen Ohren, schneller und schneller.
»Der Junge war unartig«, rief eine Frau mit sonorer Stimme. »Der Junge hat seine Hausaufgaben nicht gemacht! Der Junge kriegt jetzt seine Prügel von seiner Lehrerin! Ich verdresche dir den Arsch, bis er blau wird. Sag, dass du einen blauen Arsch willst, sag es!«
»Ja«, brüllte der Mann, während der Teppichklopfer niederfuhr.
»Du kleiner Bastard!«, fuhr sie ihn an, und der Teppichklopfer schwieg wieder. »Du kleiner Bastard sollst nicht ›Ja‹ sagen – du sollst sagen, was du willst! Sag, was du willst!«
»Einen blauen Arsch«, presste die Männerstimme zitternd hervor, »einen blauen Arsch. Oh, bitte, bitte – einen blauen Arsch!«
Der Teppichklopfer fuhr nieder, dass es nur so klatschte, der Stoßdämpfer setzte wieder ein, der Wagen schaukelte sich in ein höheres Tempo, die Stimme des Mannes ebenfalls: »Jah, jahhh, jahhhhhh, jahhhhhh, jahhhhhhhhh!«
Jetzt quiekte er seine »Jas« so schrill, als wollte er eine Glasvitrine in Scherben legen. Und seine Stimmbänder zitterten im Abgang wie die hohe E-Saite einer E-Gitarre, kurz davor, mit einem lauten Knall zu reißen.
Mit einem Schrei, der wie ein akustischer Stich durch die Wand fuhr, direkt in meine Ohren, endete das Spektakel. Ich war sicher, dass dieser Lärm aus dem zweiten Stock durchs ganze Haus gedrungen war. Instinktiv rieb ich mit meinen Handflächen über die Ohren, als könnte ich den Lärm wegwischen.
Paula Weigel, eine grauhaarige Frau mit geblümter Schürze und rosigem Gesicht, die bei meiner Ankunft noch Kartoffeln fürs Abendessen geschält hatte, zog eine angeekelte Grimasse. »Und so treiben die’s den ganzen Tag, wie die Viecher im Stroh. Zu zweit, zu dritt, zu viert. Hier kriegen Se kein Auge mehr zu, in dieser Wohnung. Hier können Se die Ohren vollstopfen mit Wattezeugs, aber hören doch diesen Schweinekram, diesen ganzen.«
Ich stand da wie unter Schock und wusste nicht, was ich sagen sollte.
Sie sah mich an mit einem flehenden Blick. »Das müssen Se in die Zeitung reinschreiben, das alles hier. Und schreiben Se das mit meinem Mann auch rein, dass er ’nen Herzschlag hatte.«
Nun fand ich meine Worte wieder: »Es tut mir wirklich leid, dass Ihr Mann noch immer im Krankenhaus liegt. Ich hoffe, er erholt sich von seinem Herzinfarkt und kommt bald wieder auf die Beine.«
»Und dann, was ist dann? Dann soll mein Hermann-Schatz hier wieder in die Bude ziehen? Da kriegt er doch den nächsten Herzschlag. Das war immer ’nen anständiges Haus hier, leise und so. Mein Mann hat das nicht mehr ausgehalten, das mit diesem Lärm und diesen Schweinereien. Keine Nacht ham wir geschlafen. Aufgeregt hat er sich, tagelang. An die Wand geklopft hat er, mit dem Gehstock, gebrechlich ist er ja auch. Aber das hat keinen geschert. Am Ende ist der Hermann rüber, der hatte so was von Angst, aber trotzdem hat er geklingelt.«
Sie machte eine Pause und fuhr mit einem Taschentuch über ihre Stirn. Ihr rosiges Gesicht war eine Spur bleicher geworden. »Dann hat eine von diesen Frauen aufgemacht, splitternackt – das müssen Se sich mal vorstellen, splitternackt! – und gesagt: Fick dich, Alter! Das hat noch nie jemand zu ihm gesagt, sein ganzes Leben nicht. Und er hat auf der Werft gearbeitet, da ham die Klartext geschnackt. Und am nächsten Morgen liegt er da. Und fasst sich an die Brust. Und kriegt keine Luft mehr. Und dann, mit Tatütata, geht’s ab ins Krankenhaus.«
Sie hatte mir erzählt, dass sie vor 42 Jahren »frisch verliebt« mit ihrem Mann in diese Wohnung in Winterhude eingezogen war; dass sie hier dreimal schwanger war, zwei Söhne und eine Tochter bekam, »alle gut geraten und in dieser Wohnung groß geworden«; und dass sie und ihr Mann keine Sekunde daran gezweifelt hatten, in diesen vier Zimmern in Ruhe alt zu werden.
Aber dann kündigte die StageBau umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an, drohte mit deutlich höheren Mieten und legte den Altmietern nahe, sich nach »alternativem Wohnraum« umzusehen. Bauarbeiten »von ungewisser Länge« stünden an. Los ging es im Keller, wo jemand mit einem Presslufthammer den Boden bearbeitete, angeblich mussten Kabel freigelegt werden. Das ganze Haus erzitterte tagelang, die Alten fühlten sich an die Hamburger Bombennächte im Juli 1943 erinnert. Der Keller war kaum mehr zu betreten, überall Staub, überall Löcher, überall schweres Werkzeug.
Dann hämmerten zwei Handwerker auf dem Dach herum, als wollten sie das Haus einreißen, morgens um sieben ging das los, bis in die Abendstunden, über Wochen, über Monate. Dann wurde – »versehentlich« – ein Stromkabel durchtrennt, die Mieter saßen im Dunkeln, mehrere Tage lang. Dann setzte die Heizanlage aus, mitten im Winter, die Mieter wickelten sich in Decken ein und trugen drinnen Anoraks. Dann spann das Licht im Flur, ging immer wieder aus, während man auf der Treppe lief. Ein Mieter aus dem dritten Stock stürzte und riss sich dabei die Bänder.
Dann kippte einer der Bauarbeiter »versehentlich« zwei Eimer mit auffällig stinkendem Schmutzwasser um, der eine schwappte unter der linken, der andere unter der rechten Wohnungstür hindurch. Das Wasser wurde im Rahmen einer nervenaufreibenden »Schadensbegutachtung«, zu der eine halbe Fußballmannschaft auflief, weggewischt – aber der bestialische Gestank blieb in den Wohnungen. Die beiden Mieter der einen Wohnung, ein beruflich eingespanntes Paar, bekamen starke Kopfschmerzen, waren dauernd krankgeschrieben, zitterten um ihre Jobs. Am Ende kündigten sie ihren Mietvertrag und zogen Hals über Kopf in eine neue Wohnung in einem Vorort.
Eine Schikane nach der anderen, so ging es über ein Jahr lang. Die Mieter schrieben lange Briefe an die StageBau, worauf ein Anwalt jeden Vorsatz der Firma von sich wies und scheinheilig betonte, man habe die Mieter vor genau solchen Beeinträchtigungen gewarnt.
Je mehr Mieter flohen, desto mehr Wohnungen konnten in neue Baustellen umfunktioniert und als Lärmquellen genutzt werden. Und immer wieder passierten kleine »Unfälle« auf dem Flur, die für Feuchtigkeitsschäden sorgten und dieses Wohnhaus noch unbewohnbarer machten.
Aber einige Mieter, darunter das Ehepaar Weigel, ließen sich von diesem Sperrfeuer nicht vertreiben, also legte die StageBau nach: Eine verlassene Wohnung, direkt neben den Weigels, wurde nicht renoviert, sondern erneut vermietet – an mehrere junge Frauen, die mit vollem Körpereinsatz arbeiteten. Nun fanden auf dem Flur regelrechte Pilgerwanderungen statt, mal waren die Bauarbeiter unterwegs, mal die Freier, mal beide zusammen. Und nachts, wenn die Bohrer und Hämmer schwiegen, eroberten die Lustschreie und das Stöhnen die akustische Hoheit über das Haus.
Die Weigels beschwerten sich, es werde ein Bordell in ihrem Haus betrieben, sie zogen sogar den Mieterschutz-Verein hinzu. Aber die StageBau ließ durch einen Anwalt verkünden, eine gewerbliche Nutzung der Wohnung lasse sich nicht nachweisen und man fühle sich an den abgeschlossenen Mietvertrag gebunden. Auf einmal also doch!
Paula Weigel stemmte die Hände in ihre beachtlichen Hüften, die Tränen aus ihren Augenwinkeln waren verschwunden.
»Wie soll’s jetzt weitergehen, mit Ihnen und Ihrem Mann?«, fragte ich.
»Ich brauch ’ne andere Wohnung, ich such ja schon wie verrückt. Aber uns will ja keiner, zu alt sind wir. Und wir haben nicht genug Pinke, so ’ne Rente ist kein Vermögen. Hier konnten wir die Miete wuppen. Die durften sie nicht so richtig erhöhen, weil wir schon so lange da sind. Drum wolln se uns ja auch rausekeln.«
Wut loderte in mir wie ein Stichfeuer auf. Ich bekam Lust, die Verantwortlichen der StageBau mal mit einem Presslufthammer zu bearbeiten, nicht nur akustisch. »Ziehen Sie nicht um, Frau Weigel«, bat ich sie. »Bleiben Sie in der Wohnung, halten Sie noch etwas durch! Es kann doch nicht sein, dass sich dieses Unrecht durchsetzt.«
Sie seufzte. »Ich bin im Eimer. Ich kann nicht mehr. Und wenn mein schwer kranker Mann nach Haus kommt, was meinen Se – der hält das doch keinen Tag mehr aus.«
Ich musste an meinen Vater denken, wie er meine todkranke Mutter gepflegt hatte, wie die Verzweiflung ihn packte, wie er hilflos an ihrem Bett stand, wie der Krebs sie ihm unter den Händen wegfraß. Schon in einem friedlichen Haus war ein schwer kranker Ehepartner kaum zu ertragen. Wie musste sich das erst hier anfühlen, inmitten einer Baustelle und in Nachbarschaft eines Bordells?
»Ich werde mich dafür einsetzen, dass Sie in dieser Wohnung wieder in Frieden leben können«, sagte ich.
»Und wie, zum Teufel, wollen Se das hinkriegen, Schätzchen? Hier war schon mal ’ne Reporterin, die hat versprochen: Wir machen denen Feuer unterm Hintern und so. Aber dann ist nie was erschienen, nicht mal ’ne lausige Zeile.«
Der Knallfrosch in meiner Brust sprang auf und ab. Ich spürte, dass mein Hals sich verengte. Die Bilder der Brücke warteten nur darauf, vor den Lichtstrahl des inneren Projektors zu rutschen. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Diese Frau hatte mir ihr Herz ausgeschüttet, und was tat ich? Ich missbrauchte ihr Vertrauen. Ich hatte mich als kritische Reporterin ausgegeben, hatte Hoffnungen auf einen Artikel geweckt, aber wurde von ihrem größten Feind bezahlt, der StageBau.
Und doch: Ich war in guter Absicht hier. Ich wollte ihr helfen. Und der einzige Weg, ihr Vertrauen zu gewinnen, war eine Lüge gewesen. Vielleicht war es moralisch sogar in Ordnung, was ich getan hatte.
Skeptisch sah sie mich an. »Warum kriegen Se jetzt ’nen roten Kopf? Da stimmt doch was nicht, das riech ich doch ’ne Meile gegen den Wind.«
Mein Oberkörper quetschte mein Herz zusammen. Ich musste mich anstrengen, Luft zum Sprechen zu bekommen. »Ich verspreche Ihnen, dass ich Himmel und Hölle für Sie in Bewegung setzen werde. Sie haben es verdient, dass sich jemand für Sie engagiert.«
Sie trat einen Schritt zurück und sah mich skeptisch an. »Für welche Zeitung schreiben Se denn überhaupt? Darüber ham Se noch kein Wort gesagt. Das ist doch mein gutes Recht, dass ich das erfahre. Geben Se mir mal ’ne Visitenkarte.«
»Ich bin … ich bin freie Journalistin«, stammelte ich.
»Ich hab gefragt, für wen Se schreiben.«
»Das weiß ich noch nicht. Oder noch nicht so genau.«
»Is ja interessant! Und Ihre Visitenkarte? Auch ’ne freie Journalistin hat ’ne Visitenkarte!«
Ich senkte meinen Blick. »Ich hab grad keine dabei.«
»Raus hier«, rief sie, »raus hier, aber zackig.«
»Ich verstehe, dass Sie aufgebracht sind. Und ich versichere Ihnen, Frau Weigel …«
»Raus!«
Sie hielt die Tür auf, während ich im Rückwärtsgehen noch versuchte, sie zu beschwichtigen. Im Flur prallte ich gegen ein Hindernis und zuckte zusammen. Ein dicker Mann mit Lederjacke und Halbglatze motzte: »Jetzt passen Sie doch auf, wo Sie hintreten, beinahe hätten Sie mich zu Fall gebracht.«
Ich kannte seine Stimme, und es rutschte mir einfach so raus: »Ihr Arsch ist doch ohnehin schon blau.«
Verlegen, ohne eine Antwort, schlich er die Treppe hinab. Frau Weigel kicherte und warf mir einen überraschend herzlichen Blick zu. Ich sagte zu ihr: »Ich beende diesen Spuk, ob mit oder ohne Reportage. Ihr Mann soll wieder ein Zuhause haben, wenn er aus dem Krankenhaus kommt.«
»Jetzt merk ich, dass Se doch ehrlich sind«, sagte sie. »Helfen Se mir, bitte, helfen Se mir!«
Ich spürte, wie das Stahlseil um meine Brust sich entspannte, und sagte: »Das verspreche ich Ihnen, Frau Weigel!«
»Großes Indianer-Ehrenwort?«, fragte sie.
»Großes Indianer-Ehrenwort.«
Keine Frage, hier lag ein Notfall vor. Und ich wusste, wessen Handynummer ich anrufen würde.