»Heute Nacht war wieder ein Eindringling in der Wohnung, Susanne! Hast du es denn nicht gehört?«
Ich schnitt mein Frühstücksbrötchen auf und bestrich es mit Himbeermarmelade. Meine Nase sog den vertrauten Duft aus Zitrone, Jasmin und Vanille ein, Tante Marthas Chanel N° 5, vermischt mit dem süßlichen Geruch des Lung-Ching-Tees. Draußen vor dem Fenster, durch den Nebel der Alster, glitt ein einsames Kajak mit einem Mann in oranger Schwimmweste, ein Farbklecks im Schwarz-Weiß-Bild.
»Ich habe Schritte in der Küche gehört, ja«, antwortete ich.
»Voilà! Dann haben wir es also beide gehört. Ich glaube, ich bin sogar aufgestanden.«
»Ich weiß, ich habe deine Schritte gehört. Erinnerst du dich nicht mehr: Wir sind uns in der Küche begegnet und haben geredet?«
Ich biss in mein Brötchen und hörte, wie die Krümel auf meinen Teller rieselten. Martha stellte ihren Ellbogen auf den Tisch und ließ ihr Gesicht in den Handteller sinken. »Wir haben eine Konversation in der Küche geführt? Bist du dir ganz sicher? Du hast großen Kummer im Moment.«
»Ich habe dich gefragt, was du um diese Zeit in der Küche machst. Und du hast mir gesagt, dass du den Gashahn kontrollieren willst.«
»Fürwahr, ich wollte den Gashahn kontrollieren. Aber vorher, Susanne, vorher musst du doch andere Schritte gehört haben, vom Flur in die Küche. Dein Gästezimmer liegt doch direkt daneben.«
»Ich habe nichts gehört«, sagte ich und war unsicher, wie deutlich ich werden durfte, ohne sie zu verletzen.
»Dann hast du aber einen gesegneten Schlaf, Kind.«
»Im Gegenteil, Martha: Ich bin um zwei Uhr aufgewacht, konnte nicht mehr einschlafen und habe gelesen. Ich war die ganz Zeit hellwach.«
Ihr Gesicht hellte sich auf: »Dann waren es deine Schritte auf dem Flur! Dann hast du dir die Beine vertreten, und ich habe das gehört.«
»Ich lag mucksmäuschenstill im Bett – bis du in die Küche gekommen bist.«
Sie kniff die Augen zusammen. »Willst du deiner alten Tante unterstellen, dass sie sich von ihrer Wahrnehmung narren lässt? Dass sie Schritte hört, obwohl da gar keine sind?«
Was sollte ich antworten? Vor einer Woche war ich bei Tante Martha eingezogen, und rasch merkte ich, dass sie Dinge durcheinanderbrachte. »Kommt Sebastian denn ohne dich in Reinstadt klar?«, erkundigte sie sich – dabei hätte sie wissen müssen, dass er gerade in London war. Sie holte die Zeitung vom Briefkasten hoch – und lief eine halbe Stunde später wieder runter, um sich zu beklagen: »Jemand hat meine Zeitung mitgenommen.« Und nach meiner dritten Nacht im Gästezimmer strahlte sie mich morgens an: »Na, wie war die erste Nacht im neuen Heim?«
Es erschien mir immer unwahrscheinlicher, dass sich tatsächlich ein Fremder in ihre Wohnung geschlichen hatte. Zumal Tante Marthas Haus vom Mietermobbing offenbar nicht betroffen war, was auch daran liegen konnte, dass eine Etage höher ein Senatsabgeordneter wohnte.
Was, wenn mich Heiner Stagemann auf eine falsche Fährte angesetzt hatte? Was, wenn der Mord an der 94-Jährigen nichts mit der StageBau zu tun hatte?
Über Marion Römer – ich musste ja über Bande spielen – hatte ich ihn fragen lassen: »Wie kommen Sie darauf, dass die StageBau in den Mord an der 94-Jährigen verwickelt ist?« Als Antwort kam zurück: »Ich habe das im Gefühl.« Diese Auskunft war erstaunlich windig für einen Mann, der im Immobiliengeschäft nicht reich geworden wäre, ohne sich exzellent mit Fakten und Details auszukennen.
Und welcher vernünftige Mensch würde aufgrund eines »Gefühls« einen Mordverdacht gegen seine eigene Firma erheben und eine verdeckte Ermittlerin anheuern, es sei denn, er litte unter Verfolgungswahn?
Vielleicht hatte Stagemann gedacht, dass mich der Auftrag mehr reizen würde, wenn es um Mord ging, nicht nur um das Rausekeln von Mietern. Das wäre jedoch eine völlige Fehleinschätzung gewesen; denn dass man Mieter vor die Tür scheuchte, sie in die Verzweiflung oder in Herzinfarkte trieb, war für mich auch eine Art von Kapitalverbrechen.
Seit dem Gespräch mit Paula Weigel brachte ich nachts kaum mehr ein Auge zu. Ich malte mir ihren gebrechlichen Mann aus: Was würde geschehen, wenn er in diese Wohnung zurückkäme, Wand an Wand mit einem Bordell, Völkerwanderungen im Treppenhaus und den ganzen Tag Baulärm in den Ohren?
Am schwersten wog die Last auf meinem Gewissen: Wie hatte ich Paula Weigel nur mein Ehrenwort geben können, alles in ihrem Haus in Ordnung zu bringen? Mein alter Philosophielehrer hätte das als »Hybris« bezeichnet, als anmaßende Selbstüberschätzung. Ich war eben keine kraftstrotzende Superheldin, die Bordelle schließen, Bauarbeiten beenden und profitgierige Immobilienfirmen in gemeinnützige Vereine umwandeln konnte. Ich war die angeschlagene Susanne mit einem Knallfrosch in der Brust, die bereits mehrere Nachrichten auf einer Mailbox hinterlassen, aber noch immer keinen Rückruf bekommen hatte.
Ich schnitt das zweite Brötchen auf, Tante Martha hatte noch keinen Bissen gegessen. Tiefe Sorgenfalten gruben sich in ihre Stirn. Ihr Blick tastete mich ab, als suchte sie in meinem Gesicht etwas, das sie auf Anhieb nicht fand. Ihre Augenbrauen fuhren wieder einmal wie eine Jalousie nach oben. »Ich mache mir große Sorgen um dich, Susanne.«
»Weil ich nachts wach liege, aber dennoch keine Schritte auf dem Flur höre?«
»Ich glaube, du bist sehr mit dir selbst beschäftigt, mit deiner Vergangenheit. Und dafür habe ich Verständnis, du hast viel mitgemacht. Aber …« Sie stockte und schien nach Worten zu suchen.
»Aber?«, ermunterte ich sie.
»Aber das Leben ist immer noch lebenswert. Glaub mir, Kind, ich hatte finstere Momente nach dem Tod von Baldur. Ich war so traurig und niedergeschlagen. Aber ich habe immer dieses winzige Licht am Ende des Tunnels gesehen, und ich bin in seine Richtung gelaufen. Und wahrlich, mit jedem Tag wurde es etwas größer, bis ich dann wieder im Hellen stand. Und so wird das bei dir auch sein.«
Ich wunderte mich, dass sie so melodramatisch wurde. »Aber ich hab den Tunnel doch gerade verlassen. Ich bin nach Hamburg gekommen und hab hier einen Job angenommen. Für mich ist das ein wirklich großer Schritt gewesen: Jetzt packe ich mein Leben selbst wieder an, statt nur am Spielfeldrand als Zuschauerin zu stehen.«
Tatsächlich hatte ich die letzten Tage so viel zu tun gehabt, dass für Selbstmitleid kaum Zeit geblieben war. Es tat mir gut, eine Beschäftigung zu haben, sogar der Knallfrosch in meiner Brust verhielt sich ruhiger als sonst.
Tante Marthas Augen ließen mich nicht los, und ihre Brauen fuhren erneut nach oben. »So sind die Mikulas, das hast du von deinem Vater gelernt: nach außen immer stark sein. Aber ich spüre wahrlich, wie es in dir aussieht, da ist so viel Verzweiflung. Mag sein, das Leben erscheint dir sinnlos, jetzt im Moment. Aber …«
»Nun mach aber mal einen Punkt, Tante Martha!«, unterbrach ich sie. »Ich hab schon genug Lasten an mir hängen, da musst du mir nicht noch eine akute Depression andichten.«
Ihr Gesicht hellte sich auf. »Susanne, ich bin so froh, dass du das Wort jetzt selbst gesagt hast. Depression ist eine Krankheit wie jede andere, sie kann den Stärksten ins Straucheln bringen. Niemand muss sich dafür schämen.«
Allmählich wurde mir das Gespräch unheimlich. Entweder war sie geistig verwirrt – oder ich machte auf sie einen Eindruck, der sich absolut nicht mit meiner Selbstwahrnehmung deckte.
»Es stimmt, dass ich krank bin: Ich habe eine posttraumatische Belastungsstörung. Und ich habe dir von meinen Panikattacken erzählt. Aber eine Depression habe ich definitiv nicht.« Ich dachte daran zurück, wie es mir vor knapp eineinhalb Jahren den Boden unter den Füßen weggerissen hatte. Damals war ein Redaktionskeller ausgebrannt und ich wäre als vermeintliche Täterin fast gekreuzigt worden. Der Vorfall hatte eine schwere Depression bei mir ausgelöst.
Ich fuhr fort: »Mein Leben hat mich im letzten Jahr angeödet und frustriert. Aber keine Sekunde habe ich daran gedacht, alles hinzuwerfen. Ich hänge am Leben, an Sebastian, an dir, an allem.«
Martha sah mich hilflos an. »Susanne, man muss sich wahrlich nicht für eine Depression schämen. Ich wünsche mir so sehr, dass du offen mit mir über diese vermaledeite Krankheit sprichst. Ich dachte immer, wir vertrauen einander. Und jetzt merke ich, dass du diesen Kampf ganz alleine durchstehen willst. Sei doch vernünftig, Kind!«
Mit einem Ruck schob ich meinen Frühstücksteller beiseite. »Martha, jetzt rede bitte mal Klartext: Wie kommst du auf die Idee, dass ich eine Depression habe?«
»Überleg doch mal, was du in meine Schreibtischschublade gesteckt hast. Ich sollte das gewiss finden. Das war ein Hilferuf von dir. Und jetzt reagiere ich darauf, und du ruderst wieder zurück.«
Ich rollte mit den Augen. »Was zum Teufel soll ich denn in deine Schublade gesteckt haben?«
Sie stand auf, tippelte ins Wohnzimmer und kam mit einem Buch in der Hand zurück, das sie wortlos vor mir auf den Tisch legte. Das Cover zeigte ein Licht am Ende eines Tunnels, die Titelzeile lautete: Warum Selbsttötung keine Lösung ist – Erste Hilfe bei Depression.
»Ich habe dieses Buch noch nie gesehen«, sagte ich.
»Susanne, willst du mich kränken? Jetzt sei doch endlich ehrlich zu mir.«
»Ich bin ehrlich, ich schwöre es.« Mir kam ein Gedanke. »Bist du sicher, dass du dieses Buch nicht selbst …«
»So gewisslich, dass ich es sofort bei meiner Liebe zu Baldur schwören würde. Zum Glück hatte ich noch nie eine Depression.«
»Aber kann es nicht sein, dass dieses Buch schon viele Jahre unentdeckt in dem Sekretär liegt? Vielleicht stammt es noch von Baldur selbst.«
»Ausgeschlossen, vor zwei Wochen habe ich meine Kontoauszüge in den Sekretär sortiert. Da war das Buch noch nicht dort, deshalb dachte ich …«
»… dass ich es dort abgelegt habe? Aber das habe ich nicht. Wenn ich ein Buch vor dir verstecken wollte, würde ich es doch nicht in deine Schublade stecken. Es sei denn, ich wollte, dass es schnell gefunden wird.«
In diesem Moment fiel der Groschen: Was, wenn letzte Woche doch jemand nachts am Gashahn gedreht hatte? Es wäre ein teuflischer Plan: Morgens läge eine tote Frau im Bett – und man fände schon bald das Buch Warum Selbsttötung keine Lösung ist. Klarer Fall: Die alte Frau war depressiv, trug sich mit Selbstmordgedanken, und nun war sie zur Tat geschritten. Fremdverschulden ausgeschlossen, Ermittlung unnötig, Tod abgehakt.
Falls es diesen Plan gab, war er mehr als teuflisch – und noch nicht abgeschlossen.