Ich war sicher, ein älterer Herr würde mich erwarten, denn »Friedhelm Ganter« klang nach mindestens sechzig Lebensjahren, erst recht beim Geschäftsführer eines Mieterschutzvereins. Doch anstelle einer grauhaarigen Autorität, die sich Schuppen vom Jackett schüttelte, sauste ein Wirbelwind von höchstens vierzig Jahren auf mich zu.
Seine blonden Naturlocken kringelten sich frech in alle Richtungen. Sein Dreitagebart war mindestens fünf Tage alt, und das viel zu große Jackett schlackerte an seinem drahtigen Körper wie ein Umhang. Er war der Typ Mann, der gut aussah, ohne gut aussehen zu wollen.
Auf Turnschuhen kam er aus seinem Büro gesprungen, dessen enger Gang wie eine Spalte im Gletscher aussah, links und rechts ragten die Bücherregale bis zur Decke. Auf dem Schreibtisch am Ende des Büros, direkt vor dem Fenster, türmten sich Ordner, Akten und Zeitschriftenstapel, so willkürlich formiert, als hätte sie gerade ein Taifun dorthin geblasen.
Nachdem wir uns begrüßt hatten, bat er mich an den Besuchertisch im Vorraum, seine Bürotür ließ er offen. Sein Blick vermaß mich. »Und Sie sind Journalistin, Frau Mikula?«
»Ja, seit zwanzig Jahren«, versuchte ich locker zu erwidern, obwohl seine Frage klang, als habe er mich schon als StageBau-Mitarbeiterin in der Höhle des Löwen durchschaut.
Sein Gesicht blieb regungslos. »Das glaube ich Ihnen nicht.«
Ein Zucken in meiner Brust verriet, dass der Knallfrosch in Bewegung kam. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Ich hielt seinem Blick stand. »Wollen Sie meinen Journalistenausweis sehen?«
Er lächelte. »Die Journalistin glaube ich Ihnen schon, aber nicht die zwanzig Jahre. Oder haben Sie schon bei der Schülerzeitung angefangen?«
Er zwinkerte mir zu und ließ einen Blick aufblitzen, der mir schmeichelte. Seine Augen strahlten in einem rätselhaften Grünblau, das mich an die Lieblingsmurmel aus meiner Kindheit erinnerte.
»Und wie schafft man es, schon mit Ende zwanzig Geschäftsführer zu werden?«, fragte ich genauso kokett zurück.
Er lachte. »Das ist eine lange Geschichte, die kann ich Ihnen gern mal in schönerem Rahmen erzählen.«
Wie sollte ich das jetzt verstehen? Wollte er mir ein Date anbieten? Oder meinte dieser Satz nur: Lassen Sie uns endlich zum Thema kommen?
»Ich recherchiere über die Mietpreise in Hamburg. Ich möchte von Ihnen wissen: Mit welchen Tricks treiben die großen Firmen ihre Mieten nach oben? Wie servieren die langjährige Mieter ab? Welche schmutzigen Geschäfte werden auf dem Rücken der einfachen Leute ausgetragen?«
»Darf ich fragen, für welche Zeitung Sie schreiben?«
»Ich arbeite am ›Schwarzbuch Vermieter‹, das wird nächstes Jahr bei Goldmann erscheinen. Der Mietmarkt in Hamburg wird einer der Schwerpunkte sein.« Diese Ausrede hatte ich mir nach der peinlichen Situation mit Paula Weigel zurechtgelegt.
Seine grünblauen Murmelaugen leuchteten. »Das finde ich mega! Ein solches Buch können die Mieter wirklich gebrauchen. Werden Sie auch Adressen von Mieterschutzvereinen darin nennen?«
»Von allen, die mich effektiv unterstützen.«
Er lachte. »Sie wollen, dass ich mich anstrenge? Also gut, dann fange ich mal mit dem Nebenkostenbetrug an. Das ist ein zwei- bis dreistelliges Millionengeschäft in Hamburg.«
»Aber müssen die Nebenkosten nicht auf den Cent dokumentiert werden? Wie will ein Vermieter da mehr verlangen, als tatsächlich angefallen ist?«
Er schabte mit dem linken Zeigefinger übers Kinn, seine Bartstoppeln knisterten leise unter seinem Fingernagel. »Der Trick geht so: Die großen Immobilienfirmen betreiben kleine Unterfirmen, die zum Beispiel Hausmeisterdienste anbieten, handwerkliche Arbeiten verrichten oder Gärtnerarbeiten erledigen. Also stimmen die Abrechnungen auf den Cent – nur werden den Mietern für diese Dienstleistungen völlig überhöhte Summen in Rechnung gestellt.«
»Aber die Mieter müssen doch durchschauen, dass diese Preise überteuert sind und dass die Firma sich das Geld von einer Tasche in die andere schiebt.«
»Ach was! Diese kleinen Unterfirmen heißen anders als die Mutterfirma, man stellt gar keinen Zusammenhang her. Und woher soll ein Hochhausbewohner wissen, wie oft der Gärtner da war, ob zwanzigmal im Monat, wie abgerechnet, oder nur zweimal. Und die wenigsten Mieter haben eine Vorstellung davon, was ein Hausmeisterservice kosten darf. Die Summen werden ja auf alle Mieter verteilt. 75 Euro zu viel im Monat fallen niemandem auf.«
»Aber lohnt sich das denn für die großen Firmen? 75 Euro sind ja recht überschaubar.«
Sein Zeigefinger raschelte erneut über die Bartstoppeln auf seinem Kinn. »Immerhin sind das 900 Euro im Jahr. Und wenn eine große Firma 1,5 Millionen Mieter in Deutschland hat, sprechen wir von 1,35 Milliarden Zusatzgewinn. Milliarden! Finden Sie das immer noch ›überschaubar‹?«
Ich schnappte nach Luft. »Das ist ja ungeheuerlich. Dann verdienen die Immobilienfirmen zweifach: offiziell an der Miete und heimlich an den überteuerten Nebenkosten, die sie nur scheinbar im Auftrag anderer berechnen.«
»Und jetzt stellen Sie sich vor, welche Zusatzgewinne herauskommen, wenn Firmen ihren Wohnraum modernisieren, alte Mieter abservieren und die Miete dann neu ansetzen. Aus 750 Euro werden schon mal 1.500 Euro – macht ein Plus von 750 Euro pro Monat und 9.000 Euro im Jahr. Ahnen Sie jetzt, welche Megasummen solche Tricks am Jahresende ergeben?«
»Aber es gibt doch die Mietpreisbremse«, wandte ich ein. »Und ich habe gelesen, dass ein Vermieter, der modernisiert hat, jetzt nur noch eine Erhöhung von acht Prozent an seine neuen Mieter weitergeben darf. Acht Prozent von 750 sind unter 75 Euro – und keine weiteren 750.«
Sein Zeigefinger schnippte gegen die Bartstoppeln. »Ach ja, die schöne Theorie. Aber dann wird die Wohnung am Markt eben doch für 1.500 Euro angeboten. Und Sie wissen, wie knapp der Wohnraum in Hamburg ist. Also quetschen Sie sich bei der Besichtigung mit neunundvierzig weiteren Interessenten durch die Wohnung. Die Chance, dass Sie den Zuschlag bekommen, ist minimal. Wenn es doch klappt, fühlt sich das für Sie wie ein Lottogewinn an. Kämen Sie dann noch auf die Idee, sich die bisherige Miete nachweisen zu lassen? Zumal juristische Schlachten mit dem Vermieter, die schon vor dem Einzug beginnen, nicht gerade die Wohn- und Lebensqualität beflügeln.«
»Das heißt, die Gesetze sind gut, aber die Umsetzung ist es nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Die Gesetze sind megamiserabel. Die Mietpreisbremse lässt sich locker umgehen. Zum Beispiel gilt sie nicht für möblierte Wohnungen. Also stellen die Vermieter ein paar Möbelstücke in eine Wohnung, die bislang unmöbliert war – und schon ist das Gesetz ausgetrickst. Und die Mietpreisbremse setzt auch dann aus, wenn die Sanierungsmaßnahme mehr als ein Drittel eines vergleichbaren Neubaus kostet. Das bekommt man als große Immobilienfirma locker hin – erst recht, wenn man sich völlig überhöhte Rechnungen von eigenen Unterfirmen stellen lässt.«
Ich atmete tief durch. »Und was passiert, wenn ein Vermieter bei einem Verstoß gegen die Mietpreisbremse doch erwischt wird?«
Sein Zeigefinger fuhr bedächtig über die Bartstoppeln. »Halten Sie sich gut fest: Der Gesetzgeber betrachtet einen Verstoß gegen die Mietpreisbremse nicht als strafbare Handlung. Das Schlimmste, was einem Vermieter passieren kann: Er muss die zu viel verlangten Beträge wieder zurückerstatten. Das ist so, als wäre Taschendiebstahl zwar verboten. Aber wer erwischt wird – was selten genug passiert –, muss lediglich seine Diebesbeute ab diesem Zeitpunkt wieder rausrücken.«
»Moment mal! Wenn mich mein Vermieter über Jahre mit einer zu hohen Miete abzockt – sagen wir, er kassiert zu Unrecht 15.000 Euro –, dann muss er mir dieses Geld doch zurückbezahlen, sobald das auffliegt.«
»Muss er eben nicht! Der Taschendieb muss nur jene Beute zurückgeben, bei deren Diebstahl jemand protestiert hat. Alles, was er früher unbemerkt an Land gezogen hat, bleibt in seinem Besitz – auch wenn sich die Diebstähle nachweisen lassen. Keine Polizei, kein Prozess, keine Strafe. Was meinen Sie: Würde ein solches Gesetz Taschendiebe abschrecken oder anziehen?«
Ich war fassungslos, denn diese Lücke des Mietrechts hatte ich nicht gekannt.
Er sprach weiter: »Vor allem gibt es keine Preisbremse beim Verkauf von Immobilien. Und ein großes Haus ohne Mieter kann viele Millionen mehr wert sein als eines mit. Drum bekommen so viele Mieter den Boxhandschuh zu spüren.«
Auf dieses Stichwort hatte ich gewartet. »Zu welchen Schweinereien sind Immobilienfirmen denn bereit, um ihre alten Mieter loszuwerden?«
»Vieles davon ist krimireif.« Er stockte einen Moment und schien mit sich zu ringen. Dann sprach er weiter, denn offenbar gefiel es ihm, mich zu beeindrucken: »Gerade jetzt liegt ein Fall auf meinem Tisch, da haben zwei Mieter einen Anschlag ihres Vermieters nur knapp überlebt.« Er deutete in sein Büro: »Die rote Mappe da auf meinem Schreibtisch, ein Megaskandal.«
Ich wurde hellhörig. »Einen Anschlag aufs Leben der Mieter? Das klingt heftig. Was genau ist da passiert?«
Sein Finger auf dem Kinn verharrte. »Jetzt muss ich vorsichtig sein, denn wir dürfen uns als Mieterschutzverein keine juristischen Klagen einhandeln. Die großen Firmen prozessieren uns in Grund und Boden. Ich sag’s mal neutral: Die Mieter wurden einer gesundheitlichen Belastung ausgesetzt, die lebensbedrohlich war.«
»Einer Belastung welcher Art?«
Er wich am Tisch ein Stück zurück und ließ seine Hände unter den Tisch fallen. »Das will ich jetzt nicht konkretisieren.«
»Sie haben von einer großen Firma gesprochen. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die StageBau meinen?«
Hektisch schüttelte er den Kopf. »Wie kommen Sie denn gerade auf die StageBau? Es gibt viele skrupellose Immobilienfirmen hier in Hamburg. Nehmen Sie doch mal die Omnor AG unter die Lupe. Und auch mit den städtischen Wohnungen wird viel Schindluder getrieben.«
Mir fiel auf, dass er meine Frage nach der StageBau nicht beantwortet und stattdessen andere Vermieter ins Spiel gebracht hatte. Woher kam diese plötzliche Vorsicht?
»Der Fall mit dem Anschlag interessiert mich sehr. Können Sie mir die Kontaktdaten dieser Mieter geben? Ich möchte direkt mit ihnen sprechen.«
»Tut mir leid, Datenschutz, Sie verstehen.«
»Aber wie soll ich über den Fall schreiben, wenn ich nicht weiß, was geschehen ist und wen es betrifft?«
»Sorry, das ist Ihr Job. Ich kann nur den meinen machen.«
Mir fiel auf, dass seine Antworten immer kürzer wurden, seit ich die StageBau erwähnt hatte.
»Dann geben Sie doch einfach meine Handynummer an diese Mieter weiter. Das verstößt nicht gegen den Datenschutz.«
»Die Mieter sind umgezogen. Ich glaube, ich habe ihre aktuellen Kontaktdaten gar nicht mehr. Aber Sie können mir Ihre Nummer ja mal aufschreiben.«
Das Klingeln seines Handys verhinderte die Fortsetzung unseres Gesprächs. »Entschuldigung, es dauert nur eine Minute. Ich muss raus in den Flur. Hier drinnen ist der Empfang so schlecht.«
Nachdenklich blieb ich im Vorraum seines Büros zurück. Was hatte es mit diesem Anschlag auf sich? Gab es vielleicht eine Parallele zu der ermordeten Rentnerin? Oder zu dem, was in der Wohnung meiner Tante womöglich hätte geschehen sollen?
Ich schaute zu seinem Schreibtisch. Die rote Mappe, die Dokumentation des Anschlags – da lag sie, nur sieben, acht Meter entfernt. Ob die Zeit ausreichen würde, um …
Ich huschte in sein Büro, durch die Gletscherspalte, umstanden von hohen Regalgebirgen. Mit zitternden Fingen blätterte ich die rote Mappe auf, sah eine ausgedruckte Mail und hielt mein Handy drüber. Rasch ein Foto!
Ich drückte den Auslöser. Einmal, zweimal, dreimal. Aber das Handy schwieg, statt zu klicken, und auf dem Display stand: »Speicher voll«. Verdammt.
Also musste ich mit den Augen fotografieren. Ich überflog den Text und blieb an einem Wort hängen, das sofort eine Gänsehaut bei mir auslöste: »Gas«.
Da hörte ich aus der Ferne, wie Friedhelm Ganter seine Stimme auf dem Flur anhob. »Also gut, dann lassen Sie uns so verbleiben.«
Gleich würde er mich in seinem Büro erwischen, beim Spionieren in einer vertraulichen Mappe. Ich sah schon, wie er mich im hohen Bogen rauswarf, als besonders widerliches Exemplar einer Schnüffeljournalistin.
Ich rannte los durch die Gletscherspalte. Im selben Moment, als er die Tür öffnete, plumpste ich auf meinen Stuhl. Etwas Kaltes, mit scharfen Kanten, pikste zwischen Hosenbund und Bauch. Jetzt lautete die Frage nur: Würde ich hier wegkommen, ehe er die rote Mappe auf seinem Schreibtisch vermisste?