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Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet – dass der Knallfrosch in meiner Brust am laufenden Band explodiert, dass mich Panikattacken schütteln und dass mich meine Gedächtnislücken von einer Verlegenheit in die nächste stürzen. Aber nach zehn Tagen in Hamburg fiel die Bilanz positiv aus.

Der Faden meiner Psyche, zuletzt hauchdünn, schien wieder tragfähiger. Ich wühlte in Recherchematerial, führte Gespräche als »Journalistin«, kurvte durch die Stadt, hämmerte Notizen in meinen Laptop und ging ran wie in alten Zeiten, als ich Powerfrau statt Patientin war.

Nur nachts, wenn ich im Bett lag, trieben meine Gedanken in die Vergangenheit ab, auf die Autobahnbrücke. Spätestens im Traum kam der alte, schreckliche Film wieder ins Laufen. Aber oft lag ich wach, grübelte über die Ereignisse des Tages und lauerte auf Schritte im Flur. Denn seit ich die rote Mappe studiert hatte, wusste ich, dass die StageBau über Leichen ging. Und ich sah mich in der Pflicht, Tante Martha und mich – und viele andere Mieter – vor dem Schlimmsten zu beschützen.

Mein Büro im Firmengebäude lag am Ende eines Flurs im vierten Stock, eine Besenkammer, die mal ein Druckerraum war. Kleines Fenster, wenig Tageslicht. Ein billiger Schreibtisch, ein Laptop, ein quietschender Bürostuhl, ein verstaubtes Regal und eine Blume auf der Fensterbank, die schon beim Anschauen zerbröselte, aber vor Jahren mal eine Grünpflanze war.

In der Nachbarschaft gab es nur ein paar Sitzungsräume, keine anderen Büros. Ich war weitgehend von den Kollegen abgeschottet. Niemand sollte mir auf die Finger schauen, hatte Marion Römer gesagt. Nur bei der Mittagspause saß ich gelegentlich mit Kollegen zusammen und sperrte die Ohren weit auf.

Meine Position war als Stabsaufgabe unter Marion Römer aufgehängt, ich berichtete direkt an sie. Bei einer Teamrunde hatte sie mich flüchtig vorgestellt: »Das ist Susanne, sie ist unser neuer Mieter-Relationship-Consultant«. Diesen Anglizismus ließ sie so beiläufig fallen, als müsse ihn jeder kennen, der kein Volltrottel war. Alle nickten ergriffen, niemand wollte sich durch eine Rückfrage – »Was macht sie eigentlich genau?« – blamieren. Wahrscheinlich gab es Tausende von Jobs mit klangvollen englischen Titeln, die nur aus heißer Luft bestanden.

Meine Legende lautete so: »Ich führe Umfragen unter den Mietern durch und leite daraus Maßnahmen ab, wie wir die Kundenzufriedenheit steigern, auch durch die Schaffung neuer Positionen.« Der letzte Teil der Erklärung rechtfertigte, dass meine Stelle direkt der Personalchefin zugeordnet war. Und die Jobbeschreibung erklärte, warum ich so oft außer Haus war, diverse Immobilien der StageBau besuchte und bevorzugt Gespräche mit unzufriedenen Mietern führte.

Im Grunde war meine Antwort nicht mal gelogen, auch wenn ich meine »Maßnahmen zur Steigerung der Mieterzufriedenheit«, so hoffte ich, bald an einen leitenden Hamburger Staatsanwalt würde delegieren können.

Kannte ich Marion Römer wirklich erst seit so kurzer Zeit? Sie brauchte mich nur anzuschauen, schon wusste sie, was in mir vorging. Ich hatte ihr aus meinem Leben erzählt, bei einem langen Mittagsspaziergang, von Sebastian, von Markus, von Heiko, von Tante Martha – es war ein Erlebnis, mit ihr zu sprechen, denn sie hörte wirklich zu. Ihr Blick ruhte auf meinem Gesicht, und jedes Wort, das ich sagte, schien wie flüssiges Gold in ihre Ohrmuscheln zu tropfen und sich sofort in ihren Augen zu spiegeln. Erzählte ich Trauriges, wurden ihre Augen matter, wie seelisch bewölkt; erzählte ich Fröhliches, blitzten sie vor Glanz, wie bei Sonnenschein. Und fortwährend regte mich ihr sanftes Nicken an, den Erzählfaden fortzuführen. Sie war Momo, die geborene Zuhörerin.

Und sie las meine Gedanken, als würden wir uns schon eine halbe Ewigkeit kennen. Wenn ich im Gespräch kurz stockte und abwesend war, sagte sie: »Du denkst an deine Tante, stimmt’s?« Und ich hatte an meine Tante gedacht. Oder: »Du vermisst deinen Sohn.« Und ich hatte Sebastian vermisst. Weiß der Kuckuck, woher sie das wusste.

Sobald ich ihr Büro betrat, war sie ganz für mich da, wie ein Laserstrahl, der sein Licht auf einen Punkt konzentriert. Sie ließ das Telefon klingeln, vertröstete Besucher und gab mir das Gefühl, für sie der wichtigste Mensch der Welt zu sein. Beim Zuhören nahm sie jede Schwingung zwischen den Zeilen wahr. Wenn ich sagte, es sei »eigentlich alles in Ordnung«, fragte sie: »Und was, Susanne, müsste geschehen, damit wirklich alles in Ordnung ist?«

Danach hatten wir uns mehrfach zum Abendessen getroffen, wunderbare Gespräche geführt, und jede hatte der anderen ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie war Diplomatentochter, das klang beeindruckend, aber hatte bedeutet, dass sie – so ihre Worte – »wie ein Gepäckstück« von Land zu Land transportiert worden war, meist in Afrika. Kaum hatte sie sich auf einer Schule eingelebt, Freunde gefunden und Wurzeln geschlagen, wurden schon wieder die Koffer gepackt. Ihr Vater liebte es, neue Länder zu erobern, und sie hasste es, alte Länder zu verlassen – anders als ihr großer Bruder Vincent, der mit seinen Cliquen stets so zerstritten war, dass die Umzüge für ihn eine Befreiung waren. Ständig lag er seinen Eltern mit dem Satz »Es wird langweilig hier, wir müssen was Neues sehen!« in den Ohren.

Schon ein Jahr vor dem Abitur hatte sich Marion von ihrer Familie nach Hamburg abgesetzt, in Altona in einer WG gewohnt und aus Stolz kein Geld mehr angenommen. Das letzte Schuljahr und ihr BWL-Studium finanzierte sie durch einen Nebenjob als Model, bei dem sie ihren langjährigen Freund, einen Starfotografen, kennenlernte. »Mittlerweile ist er mit einem anderen Model zusammen, einer Jüngeren«, hatte sie gesagt. Sie deutete an, dass sie für ihn mit hohen Summen gebürgt habe und deshalb »finanziell noch keine großen Sprünge« machen könne. Diese Geschichte kam mir bekannt vor, nur dass ich meine Misere selbst zu verantworten hatte.

Aktuell war Marion Single, und wenn sie von etwas schwärmte, dann für »Frisches Wasser für Afrika« – eine Aktion, die sie ins Leben gerufen hatte und ehrenamtlich leitete. Sie hatte Menschen sterben sehen, weil ihnen das gefehlt hatte, was wir durchs Klo spülen: Trinkwasser. Und sie wollte etwas dagegen tun. Wäre ich nicht pleite gewesen, hätte ich ihr sofort eine dicke Spende überwiesen.

Jedes Mal, wenn wir uns sahen, fühlte ich mich absolut verstanden. Wir begegneten uns als Herzensmenschen. Bislang hatte ich im Leben nur eine wirklich enge Freundin gefunden, und das war Iris. Sie tanzte seit unserer Journalistenausbildung leichtfüßig an meiner Seite durchs Leben, riss mich durch überschäumende Herzlichkeit mit und hatte es mir sogar verziehen, dass ich sie im Auftrag unseres intriganten Verlegers vor die Tür gesetzt hatte – ein furchtbarer Fehler.

Iris war fast genauso alt wie ich, fühlte sich aber wie eine deutlich jüngere Schwester an: Sie war ungestüm, ungeduldig, chaotisch – früher, ohne Knallfrosch in der Brust, hatte ich für sie mitgedacht statt umgekehrt. Marion dagegen war sieben Jahre jünger, hatte aber das Zeug zur älteren Schwester. Ich kam mit einem vollen Herzen zur Arbeit, aber sobald ich mit ihr gesprochen hatte, wurde es leicht in meiner Brust. Unsere Seelen standen in Funkkontakt, das war mir schon lange nicht mehr passiert. Zuletzt mit Markus. Aber der hatte sein Funkgerät über Nacht weggeworfen, ich hatte ihn zu sehr an jene Patientinnen erinnert, mit denen er sich als Psychologe täglich herumschlug.

»Geh Patricia Stagemann aus dem Weg«, hatte mir Marion mehrfach eingebläut. »Die wittert überall Lüge und Verrat, jedes Gespräch mit ihr wäre riskant. Wenn die rausfindet, dass du hier im Auftrag ihres Bruders bist, dann brennt der Busch.«

Doch am Ende meiner zweiten Arbeitswoche, gegen 7.45 Uhr, passierte es: Ich hatte gerade im Fahrstuhl den Knopf mit der »4« gedrückt, da hörte ich das Trommelfeuer hoher Absätze auf dem Marmorboden klacken, und in letzter Sekunde – die Tür war schon am Schließen – schlüpfte eine hagere Frau in den Fahrstuhl. Sie war groß, mindestens 1,80 Meter, eine spitze Nase dominierte ihr Gesicht. Das dunkelblonde Haar, einen Tick zu streng nach hinten gebunden, verlieh ihr etwas Gouvernantenhaftes. Ihr graues Kostüm war nicht grau genug, dass ich die Handschrift eines Designers hätte übersehen können.

Ich kannte ihr Gesicht von der Firmenhomepage, dort war Patricia Stagemann abgebildet, anders als ihr scheuer Bruder.

Sie hatte den Blick gesenkt und wischte auf ihrem Smartphone herum, während sie mit dem Daumen ihrer linken Hand auf die »8« hämmerte. Mich nahm sie nicht zur Kenntnis. Regungslos stand ich in der Ecke des Fahrstuhls, der mir wie ein Eisschrank vorkam, seit sie ihn betreten hatte. Mit einem Ruck begann die Fahrt. Es schien ewig zu dauern, bis die Anzeige von der »1« auf die »2« sprang. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst.

Fieberhaft ging ich meine Möglichkeiten durch: Entweder trat ich die Flucht nach vorne an und stellte mich vor. Aber damit hätte ich gegen den Rat Marions gehandelt. Oder ich schlich mich im vierten Stock einfach aus dem Fahrstuhl, in der Hoffnung, weiter von Stagemann ignoriert zu werden. Aber damit hätte ich mich gegen die Regeln der Höflichkeit entschieden.

Der Fahrstuhl nahm mir die Entscheidung ab: Mit einem Ruck hielt er im vierten Stock. Patricia Stagemann hatte immer noch nicht aufgeschaut. Mit vorsichtigen Schritten bewegte ich mich zum Ausgang. Ich war fast schon draußen, da räusperte sie sich, tief wie ein Donnergrollen – und hielt mich mit ihrer schneidenden Stimme in der Tür fest: »Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?«

»Ähm, ja – ich glaube schon.«

»Das ist gut so«, sagte sie. »Und weiß ich eigentlich, wer Sie sind?«

»Ähm, nein – ich glaube nicht.«

»Das ist schlecht so. Warum haben Sie sich nicht vorgestellt? Ich möchte jedes Gesicht hier im Haus zuordnen können. Hier soll sich nicht jeder rumtreiben können. Drücke ich mich deutlich genug aus?«

»Ähem, ja – ist gut.« Ich kam mir vor wie ein Schulmädchen, das seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

Ihr erneutes Räuspern fuhr mir durch Mark und Bein. »Keine Sorge, ich habe Sie schon im Blick. Und mir ist aufgefallen, dass an Ihnen etwas nicht stimmt, Frau Mikula.«

Ihre zusammengekniffenen Augen fixierten mich. Der Knallfrosch in meiner Brust führte wilde Sprünge auf. Woher kannte sie meinen Namen?

Sie kniff die Augen zusammen. »Und jetzt raus hier, aber dalli! Verstanden?« Ich sprang einen Schritt nach hinten. Die Tür begann sich zu schließen, und Stagemann sagte: »Sie haben eine Laufmasche – links an der Wade.«

Jetzt war die Tür zu, ich blickte an meinem linken Bein hinab. Tatsächlich, da war eine Laufmasche. Wie hatte sie das nur gesehen, ohne hinzuschauen?

Patricia Stagemann nahm mehr wahr, als ich es für möglich hielt – kein sehr beruhigender Gedanke.