Der Anruf kam, als ich ihn schon nicht mehr erwartet hatte. »Bitte entschuldigen Sie, ich hätte mich früher melden sollen – ich war im Ausland auf Reisen.«
»Es ist ein Notfall, sonst hätte ich mich nicht bei Ihnen gemeldet«, sagte ich. »Es geht um ein Ehepaar, das von der StageBau terrorisiert wird. Der Mann hatte schon einen Herzinfarkt. Und die Frau steht kurz davor. Ein Skandal, eine unglaubliche Story, Sie müssen da was machen. So rasch wie möglich.«
»Was erwarten Sie von mir?«
»Dass Sie den Terror aufdecken und beenden. Wenn Sie das wirklich wollen, können Sie das. Sie haben Macht und Einfluss, erreichen viele Menschen. Und die Fakten liegen schon auf dem Tisch.«
»Ich kann hier nicht schalten und walten, wie ich will. Ich fürchte, Sie überschätzen mich.«
»Vielleicht unterschätzen Sie Ihre Möglichkeiten. Ich werde Ihnen meinen Plan erklären. Können wir uns treffen – noch heute Abend?«
Es wurde still am anderen Ende der Leitung, und ich war auf ein fettes Nein gefasst. Warum sollte jemand, den ich erst einmal gesehen hatte, seine Abendpläne für mich verändern? Doch dann hörte ich zu meiner Freude: »Einverstanden – 21 Uhr im Abaton.«
Das Abaton war ein Kino mit Kneipe, fanden die Kinogänger – oder eine Kneipe mit Kino, fanden die Kneipengänger. Es lag im Grindelviertel, nur einen Steinwurf von der Universität entfernt, die Bar war lang wie ein Elbdeich, und wer sich als Mensch von über dreißig hierherwagte, war entweder Dozent oder frech genug, das Durchschnittsalter ohne Alibi nach oben zu zerren.
Wir saßen gegenüber der Bar am Fenster, ein Stimmengewirr wie auf einem Pausenhof erfüllte den Raum, und schon beim ersten Alsterwasser waren wir zum Du übergegangen. Die rote Mappe hatte ich noch nicht erwähnt, ich wollte erst hören, wie dem Ehepaar Weigel schnell geholfen werden konnte.
Aber Jane Sternberg sprang nicht auf das Thema an: »Die meisten Mietergeschichten sind abgeschmiert. Damit lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen auf unserem eng umkämpften Zeitungsmarkt.«
»Abgeschmiert?«, fragte ich.
»Wir können die Klicks online verfolgen. Ein Mord auf dem Kiez – das funktioniert. Ein entlassener Trainer beim HSV – wunderbar. Aber Mietergeschichten laufen eher schlecht als recht. Das ist so platt und absehbar: Böser Vermieter beutet guten Mieter aus. Kennst du nicht die alte Journalistenregel: Wenn der Hund einen Briefträger beißt, interessiert das niemanden. Aber wenn der Briefträger einen Hund beißt, dann …« Das Ende des Satzes blieb sie mir schuldig, aber ich konnte mir den Rest ausmalen.
»Und ich dachte, ich renne bei dir offene Türen ein. In der Geschichte geht es um Sex, um Geldgier und ums Überleben – da muss ein Boulevardblatt doch frohlocken. Und was ist ›absehbar‹ daran, wenn ein Vermieter ein Bordell eröffnet, um seine Mieter zu schädigen? Und es ist doch nicht ›platt‹, sondern vielmehr dramatisch, wenn ein Mieter fast in den Tod getrieben wird. Unglaublicher Stoff. Diese Story wird eure Leser fesseln.«
Gerne hätte ich hinzugefügt, dass es einer guten Journalistin nicht um Auflage, sondern um Aufklärung gehen sollte – und dass sie ihre Themen nach gesellschaftlicher Relevanz und nicht nach Klickquoten wählen müsste. Aber als langjährige Mitarbeiterin eines Blattes, das dem Bürgermeister nach dem Mund geschrieben hat, war ich in dieser Frage keine Autorität.
Jane Sternberg nippte am Schaum ihres Alsterwassers. »Wir haben ohnehin schon zu viel Sex im Blatt: Affären von Prominenten, Models mit mehr Busen als Kleidung, dazu noch die heißen Storys vom Kiez. Und wenn wir das Mietthema jetzt mit Sex verquicken …«
»Jane, wenn die Wirklichkeit nun mal so ist, musst du es auch so aufschreiben. Es geht hier um Leben und Tod. Das Bordell neben seinem Schlafzimmer hat Hermann Weigel schwer krank gemacht. Und wenn er jetzt aus dem Krankenhaus nach Hause kommt und dieser Stress anhält, dann hat er eine schlechte Prognose. Ein einziger Bericht in eurem Blatt könnte die Sache wenden. Ich stelle mir ein großes Bild von Hermann Weigel im Krankenbett vor, dazu die Überschrift: ›Bordell in Mietshaus: Soll dieser Mann in den Tod getrieben werden?‹ Und dann schreibst du auf, was sich die StageBau in diesem Haus schon alles geleistet hat.«
Sie nippte erneut an ihrem Alsterwasser, etwas Schaum blieb an ihrer Oberlippe kleben. »Aber hältst du es wirklich für eine gute Idee, einen schwer kranken Mann vor die Kamera zu zerren und in der Zeitung zur Schau zu stellen? Der Medienzirkus könnte ihn mehr aufregen als das Bordell.« Ihr Oberkörper pendelte wieder wie bei einer Boxerin, sie kam mir unsicher vor, obwohl sie selbstbewusst klang.
»Aber es gibt einen Unterschied: In euer Blatt von heute wird morgen schon der Hering unten am Fischmarkt gewickelt. Der Medienrummel ebbt rasch ab. Das Bordell hingegen wird so lange bleiben, bis dieser alte Mann nicht mehr kann. Du musst darüber schreiben. Dann entsteht Druck, und der verändert alles.«
»Tut er das? Ich habe über Gewalt bei Demos geschrieben – es wird nach wie vor geknüppelt. Ich habe über pfuschende Ärzte geschrieben – es wird nach wie vor gepfuscht. Und ich habe über Kinderschänder geschrieben – es wird nach wie vor geschändet. Ich kann mit meinen Artikeln das Blatt füllen, aber ansonsten …«
»Du kannst einer Aktiengesellschaft ordentlich Feuer unterm Hintern machen. Was wird die StageBau tun, wenn diese fiese Masche öffentlich wird? Sie wird das für ein fürchterliches Missverständnis erklären – und das Bordell rasch räumen lassen: ›StageBau ist entsetzt – und reagiert unverzüglich.‹ Die sind auf ihr Ansehen sehr bedacht – so gut kenne ich den Laden mittlerweile.«
Jane Sternberg merkte auf. »Du kennst den Laden mittlerweile? Wie meinst du das? Was hast du mit der StageBau zu tun?«
Mist, jetzt hatte ich mich verplappert. Zu Beginn unseres Gespräches hatte ich ihr erzählt, ich verbrächte ein paar Tage bei meiner Tante in Hamburg – und sei im Rahmen einer Recherche zufällig auf diesen Fall gestoßen.
»Lass uns nicht in solche Details gehen, sondern bei der Grundsatzfrage bleiben.« Solche hohlen Ausweichphrasen hatte ich hundertfach von Politikern nach kritischen Interviewfragen von mir gehört und in meinen rhetorischen Notfallkoffer aufgenommen.
Sie kratzte sich an ihrer sommersprossigen Nase. »Ein bisschen mehr Offenheit wäre schon hilfreich. Oder misstraust du mir?«
Das war eine gute Frage, denn mir fiel kein vernünftiger Grund ein, warum sie ein so brisantes Thema ablehnte. »Du hast mir gerade eine Tür gegen den Kopf geknallt. Und ich steh jetzt draußen, obwohl ich ein tolles Thema im Gepäck habe. Und es fühlt sich wie eine große Beule an. Aber dir misstrauen? Nein, nein.«
Sie starrte auf die Tischplatte, und ich spürte: Wenn unser Gespräch so weiterging, würde ich dem Ehepaar Weigel nicht helfen können. Ich musste sachlich bleiben, auch wenn es in mir brodelte.
»Was ist jetzt, Jane, wirst du das Thema deinem Chefredakteur vorschlagen? Wie hieß er noch gleich – Frank von Leibringen?«
»Ich würde ja. Aber ich werde damit nicht durchkommen, das weiß ich definitiv.«
»Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.« Das war eines meiner Lieblingszitate.
Sie wischte sich den Schaum von der Lippe. »Aber wer kämpft, obwohl er keine Chance hat, der riskiert …«
Es nervte mich, dass sie ihre Satztüren dauernd offen stehen ließ. Ohnehin war meine Geduld am Ende. »Du Ärmste! Dann ist gar nicht der Mann mit dem Herzinfarkt in Gefahr, dessen Wohnung nach Jahrzehnten unter dem Hintern wackelt – sondern du, wenn du in deiner warmen Redaktionsstube einen Themenvorschlag machst! Was kann dir denn schlimmstenfalls passieren? Wirft er dich raus? Stürzt er sich mit scharfen Zähnen auf dich wie der böse Wolf auf Rotkäppchen?«
Ihr Oberkörper pendelte jetzt so heftig, als müsste sie meinen verbalen Schlägen ausweichen. »Ich bitte dich, Susanne. Werd doch nicht gleich zynisch.« Ihre Stimme klang piepsig wie die einer Fünftklässlerin.
»Zynismus ist ja wohl dein Ressort: Was bist du denn für eine Journalistin, wenn du nicht mal für deine Überzeugungen kämpfst? Oder hast du gar keine? Was für ein Glück, dass ich nicht in deiner Redaktion angefangen habe.«
»Susanne, ich mag dich. Ich bin nicht hier, um mit dir zu streiten. Ich wollte dich kennenlernen und …«
Ich dachte an die rote Mappe. »Und ich wollte dir von einem Mordanschlag erzählen. Ja, einem Mordanschlag hier in Hamburg, gerade erst passiert! Aber so, wie du drauf bist, würdest du mir wieder unter die Nase reiben: ›Das ist auch nur ein Mieterthema‹.«
Ich zog meine Jacke an und legte einen Geldschein auf den Tisch.
»Bleib hier, Susanne. Erzähl mir davon: Was war das für ein Anschlag? Vielleicht kann ich ja doch …«
Ich drehte mich um, stapfte auf die Treppe zu und hörte, wie sie meinen Namen rief. Mit schnellen Schritten ging ich hinab und dann durch den Vorhang nach draußen. Ein schneidend kalter Herbstwind pfiff mir entgegen und wirbelte trockenes Laub durch die Grindelallee. Ich eilte in Richtung Dammtor-Bahnhof, wütend auf die Welt und wütend auf mich selbst.
Auf Höhe der Universität holte sie mich ein.