Als Marion von der roten Mappe aufblickte, hatte ihr südländischer Teint einen grauen Anstrich bekommen. Mit einem Schlürfen sog sie Luft ein. »Das ist ja unglaublich, Susanne! Die beiden Brüder können von äußerstem Glück sagen, dass sie noch am Leben sind.«
»Geplant war das definitiv anders«, sagte ich. »Ein solcher Fehler passiert Handwerkern doch nicht zufällig. Jemand muss ihnen diese Anweisung gegeben haben.«
»Niemand aus unserer Firma würde es riskieren, mehrere Handwerker zu Mitwissern eines Tötungsplans zu machen. Das würde die StageBau erpressbar machen. Nein, es sollte nach einem Unfall aussehen.«
»Aber welcher Ermittler hätte diesen schlichten Plan denn nicht durchschaut? Erst sorgt die StageBau dafür, dass die Bausubstanz des Hauses herunterkommt bis zum Gehtnichtmehr: Wasserschäden, rissige Decken und Schimmelpilz. Ganze Balkone werden den Mietern vor der Nase weggerissen, weil angeblich einsturzgefährdet. Und jemand verschüttet Buttersäure auf dem Flur, das Haus stinkt, dass man es nur noch mit Kotztüte betreten kann.« Ich machte eine Pause, weil mein empfindlicher Magen sich zu heben begann.
»Und der Plan geht auf, Marion: Ein Mieter nach dem anderen kapituliert, die Wohnungen werden frei – nur diese beiden störrischen Brüder, Björn und Lars Ketterer, wollen ihre Wohnung nicht räumen. Also steigt man ihnen im wahrsten Sinne aufs Dach: Handwerker hämmern in der Wohnung oberhalb auf dem Boden herum, vom Morgengrauen bis zum Abend: Lärm als Waffe. Aber die störrischen Brüder räumen das Feld immer noch nicht. Also beschädigt man die Decke, bis sie durchlässig wird. Und dann – ein tragischer Wasserschaden – rinnen den beiden eines Tages Fäkalien durch die Decke, mit schönen Grüßen vom Vermieter. Genau so haben sie es in ihrem Mietertagebuch dokumentiert.«
Marion beugte sich ein Stück nach vorne. »Es wusste ja niemand, dass die beiden Tagebuch führen. Wie hätte man das später sonst nachweisen sollen? Offiziell fanden nur Bauarbeiten im Haus statt. Sicher hat jemand gehofft, die beiden würden die Wohnung lieber räumen, als langsam zu krepieren.«
»Sie wussten ja nicht, dass sie am Krepieren waren!«, sagte ich. »Björn Ketterer beschreibt in seinem Tagebuch, wie er immer antriebsloser wurde, morgens kam er kaum mehr aus dem Bett und hatte mit Schwindelanfällen zu kämpfen. Der Kopfschmerz wurde mit jedem Tag schlimmer, hinzu kam Herzrasen, auch bei seinem Bruder. Am Ende hingen die beiden wie lebendige Leichname in ihrer Wohnung herum. Erklärt haben sie sich das mit psychischen Gründen: Lärm, Gestank, Stress. Und mit ihrer Wohnung hingen sie völlig in der Luft. Niemand dachte an eine schleichende Vergiftung. Bis der Schornsteinfeger kam und es kaum glauben konnte, dass die Abgase nur noch in den Schornstein rein zogen, aber oben nicht mehr raus.«
»Ich sage dir ja, es sollte nach einem Unfall aussehen. Ich vermute, die Handwerker im dritten Stock wussten gar nicht, dass die Wohnung unter ihnen noch bewohnt ist – sonst hätten sie den Schornstein nicht zugemauert, auch nicht auf Befehl. Ein Missverständnis auf dem Bau, so steht es ja auch im Entschuldigungsbrief an die beiden Brüder. Den hat unser oberster Projektentwickler, Daniel Steinkamp, persönlich unterschrieben.«
Eine Sache brannte mir auf der Seele. »Marion, wir müssen Heiner Stagemann einschalten. Jetzt haben wir einen Mordanschlag dokumentiert. Er muss diesen Leuten in seiner Firma das Handwerk legen, auf der Stelle! Ich habe dir doch von Paula und Hermann Weigel erzählt – es gibt zwischen den beiden Fällen viele Parallelen. Ich will nicht warten, bis ihr Kamin auch noch zugemauert wird.«
»Ich werde ihn informieren, versprochen.«
Ich sah sie ernst an. »Das genügt mir nicht. Ich möchte selbst mit ihm sprechen. Ich muss ihm sagen, wie ernst die Angelegenheit ist.«
»Du erinnerst dich an die Abmachung: Der Kontakt soll über mich laufen.«
»Wenn’s der Sache dient, lege ich mir für das Gespräch einen Schleier übers Gesicht, damit uns niemand zusammen erkennt. Aber ich muss ihn sprechen.«
»Susanne, was willst du ihm denn sagen? Er wollte wissen: Wer hat diese Rentnerin, wer hat Elfriede Jaspers umgebracht? Bis jetzt hast du dazu noch nichts Konkretes herausgefunden. Und er wird sofort fragen: Wer hat den Kamin zumauern lassen? Oder: Wer hat die Prostituierten in die Nachbarwohnung der Weigels geholt? Wenn du hier keine Namen nennst, gewinnst du sein Vertrauen nicht, sondern verlierst es.«
»Aber bis ich die Namen kenne, kann es zu spät sein. Er hätte die Macht, alle Verdächtigen in die Mangel zu nehmen – ich darf nicht mal ihre Büros betreten.«
»Aber ich habe dir doch die internen Daten auf den Stick gezogen, alle Protokolle und Compliance-Sachen. Ich bin sicher, du wirst Spuren finden, wenn du es gründlich auswertest.«
»Das sind riesige Datenmengen, über fünf Gigabyte. Da kann die nächste Eiszeit mich links überholen, bis ich da was gefunden habe.«
»Fang einfach mal mit den vertraulichen Sitzungsprotokollen und den Compliance-Dokumenten an. Du musst dir Compliance wie eine interne Polizei vorstellen: Läuft irgendwo in der Firma was Ungesetzliches, beschweren sich die Leute dort. Möglich, dass nichts unternommen wird. Aber Beschwerden gibt es dennoch. Dann hast du endlich Namen und Fakten in der Hand, auch für die Presse. Herr Stagemann hat doch gesagt, dass er sich kritische Artikel über die Firma wünscht, vor allem zum Tod der Rentnerin.«
»Ich arbeite daran, dass die Presse aufspringt«, sagte ich und dachte an das Gespräch mit Jane Sternberg.
»Was ist mit dem Haus der ermordeten Rentnerin: Hast du schon mit den anderen Mietern gesprochen? Wäre doch äußerst spannend, zu erfahren, wie sie die Mordnacht erlebt haben.«
»Das ist geplant. Heute bin ich mit den Ketterer-Brüdern verabredet. Für einen Artikel braucht es O-Töne.«
Sie nickte zustimmend. Aber dass ich mit den Brüdern »verabredet« war, stimmte nicht ganz – ich hatte ihre neue Adresse durch eine Meldeanfrage herausgefunden und wollte einfach vorbeischneien.
Das rote Schwedenhäuschen duckte sich am Rand einer Siedlung, umstanden von ähnlichen Häusern. Hier draußen, an der Grenze zwischen Poppenbüttel und Duvenstedt, zeigte Hamburg sein dörfliches Gesicht. Hier gab es noch Felder, die einfach Felder waren und nicht gleich als Bauplätze zu Geld und Beton gemacht wurden. Und die Alster, in Hamburg ein stattlicher Fluss, rauschte noch als Bächlein durch den Wald. Sogar Bachforellen tummelten sich hier – hübsche Fische mit roten und schwarzen Punkten, die viel Sauerstoff brauchten und im Unterlauf der Alster jämmerlich eingegangen wären.
Das passte ja: Vielleicht hatten sich die Brüder Ketterer nach dem Abgasanschlag hierher zurückgezogen, um wieder Luft zu bekommen. Ich fragte mich, ob das Haus gemietet oder gekauft war – wobei der Kauf eines Hauses, sogar hier am Stadtrand, kaum ohne Lottogewinn zu bewerkstelligen war. Unter einer halben Million Euro ging wenig. Das waren Beträge, die mir unglaublich hoch erschienen, seit ich nicht mal mehr meine Müllgebühren bezahlen konnte und so viele Mahnverfahren gegen mich liefen, dass ich längst den Überblick verloren hatte.
An der Tür des Schwedenhauses hing ein Stück Treibholz, in das ein Nachname geschnitzt war: KETTERER. Eine Katze mit schwarz-goldenem Fell thronte hinterm Flurfenster, als bewachte sie das Haus, hob den Kopf und sah mich neugierig an. Die Sonne ließ ihre Augen aufleuchten, rätselhaftes Grün. Im Flur hinter ihr stapelten sich leere Umzugskartons.
Aus dem Haus wehte leise Musik, »How can I tell you«, ein altes Lied von Cat Stevens, zu dem man prima knutschen konnte. Das wusste ich aus Zeiten, als ich bei Partys noch geknutscht hatte, und das war ewig her. Damals sind mir die Jungs noch hinterhergelaufen, und ich konnte nach jeder Party sagen, wie viele Küsse ich pro Abend gewechselt hatte. Ich erinnere mich an siebenundsechzig Tequila-Sunrise-Küsse mit Clemens. Alle mit Zunge, ich war ja schon fast siebzehn. Und die Küsse waren immer nach dem Getränk benannt, nach dem sie schmeckten.
Dass ich alles zählte, die Küsse genauso wie die Tequilas, war ein Mitbringsel aus dem Tenger Forst. Ich war fünfzehn gewesen, als dort ein Hund beim abendlichen Joggen über mich hergefallen war, er hatte meine Beine fast zerfleischt. In blutiger Schockstarre blieb ich am Waldboden kleben, eine Ohnmächtige bei vollem Bewusstsein, bis die Feuerwehr mich in tiefer Nacht fand. Damals war es losgegangen: Ich hatte meine Herzschläge gezählt, einen nach dem anderen, Zahl auf Zahl, um mich an etwas festzuhalten. Der Zählzwang hatte mich durch mein Leben begleitet, ich zählte Schritte, zählte Büroklammern, zählte Autos, zählte einfach alles, was mir unter die Augen kam, um meine Welt berechenbar zu machen.
Diese Arithmomanie, wie es die Ärzte nannten, hatte mich vor einem Jahr auf die Autobahnbrücke geführt, wo es dann zu dem Duell auf Leben und Tod gekommen war. Seither wurde ich zwar von schrecklichen Bildern gequält, aber mein Zählzwang und meine Hundephobie waren von mir abgefallen, als hätte der neue Schock den alten überlagert und egalisiert.
»It always ends up to one thing, honey. When I look and you’re not there«, flüsterte mir Cat Stevens durch die Haustür zu. Ich erinnerte mich, wovon der Song handelte: von einem Mann, der sich einer Frau nahe fühlte – aber sobald er aufblickte, war sie nicht mehr da. Jene Nähe und Innigkeit, die er in Gedanken fand, blieb ihm die Wirklichkeit schuldig. So ging es auch mir mit meinen »Traummännern«: Am Ende blieb nur der Mann übrig, aber der Traum zerplatzte. Nein, schlimmer noch: Auch der Mann war weg. Siehe Markus.
Ich klingelte. Die Katze schoss von der Fensterbank, es polterte im Haus. Schritte näherten sich der Tür. Ein Mann mit Bürstenschnitt und buschigen Augenbrauen, so Anfang fünfzig, sah mich neugierig an: »Ja, bitte?«
»Herr Ketterer?«, fragte ich.
»Lars Ketterer«, sagte er zögernd. Sein linkes Auge flackerte wie eine Glühbirne, kurz bevor sie den Geist aufgibt. »Worum geht es?«
Ich stellte mich als Journalistin vor und erzählte, dass ich einen Artikel darüber schreiben wollte, wie die StageBau ihm und seinem Bruder mitgespielt hatte.
Er zuckte mit den Schultern. »Weil wir die Wohnung räumen mussten? Das war halb so schlimm, ich habe mich in der Stadt nie so richtig wohlgefühlt. Hier draußen leben wir besser. Ich mache jeden Abend um kurz nach neunzehn Uhr einen wunderbaren Spaziergang an der frischen Luft.«
»Ich meine die Umstände, unter denen Sie Ihre Wohnung räumen mussten. Ich weiß, was die StageBau mit Ihnen getrieben hat. Davon soll mein Artikel handeln – damit anderen Mietern so etwas erspart bleibt.«
»Es war natürlich unangenehm, auf einer Baustelle zu wohnen. Viel Lärm und so. Aber mein Bruder und ich, wir haben das ganz gut weggesteckt. Alles halb so wild.«
Sprach hier derselbe Mann, der in seinen Mails verzweifelte Vorwürfe gegen die StageBau erhoben hatte? Derselbe Mann, dem die Fäkalien durch die Decke in seine Wohnung tropften? Derselbe Mann, der am Ende apathisch in seiner Wohnung verharrte und um ein Haar mit seinem Bruder dort erstickt wäre? Vielleicht war er verängstigt und fürchtete, von der StageBau endgültig zum Schweigen gebracht zu werden.
Ich musste konkreter werden – und sein Vertrauen gewinnen. »Ich spreche von dem zugemauerten Kamin. Sie wären um ein Haar in Ihrer Wohnung vergast worden.«
Sein flackerndes Auge schlug jetzt so schnell mit der Wimper wie ein flatternder Vogel mit dem Flügel. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.«
»Die StageBau hat eine Abreibung verdient, diese Firma geht über Leichen. Sie können ganz offen sprechen, ich bin auf Ihrer Seite. Andere Menschen sind in Gefahr – helfen Sie ihnen.«
Er fasste sich an den Mund, als müsste er Worte zurückhalten, und sagte: »Wenn Sie einen Artikel schreiben, wie läuft das ab? Müssen Sie Namen nennen?«
»Keine Sorge, ich kann Ihre Namen verändern. Kein Mensch wird Sie erkennen. Es geht nicht um Sie persönlich – es geht um die Methoden der StageBau. Und die können jeden treffen.«
»Ich weiß nicht. Journalisten übertreiben gern. Am Ende schreiben Sie Dinge, die gar nicht stimmen.«
»Sie können den Artikel lesen, ehe er erscheint. Und falls Ihnen etwas nicht gefällt, streichen Sie es weg. Kein Wort wird gegen Ihren Willen erscheinen.«
Ich konnte mich gerade noch beherrschen, mein großes Indianer-Ehrenwort zu geben, denn damit war ich zuletzt leichtfertig umgegangen. Das Versprechen, das ich dem Ehepaar Weigel gegeben hatte, lastete tonnenschwer auf meinem Gewissen.
Lars Ketterers Augenflackern hatte aufgehört, das angestrengte Nachdenken ließ seine Gesichtszüge erstarren. Ich spürte, dass er mit sich rang, mit mir sprechen wollte.
Eine tiefe Stimme aus dem Inneren des Hauses drang zur Tür: »Lars, mit wem sprichst du denn da so lang?«
»Mit einer Journalistin. Sie will was über die StageBau schreiben.«
»Was?«, rief es aus dem Haus. Ein fülliger Typ kam zur Tür geschossen, sein Gesicht war gerötet, ein Bäuchlein hing über den Gürtel seiner Jeans. Er schob seinen Bruder nach hinten und baute sich vor mir auf.
»Sie müssen Björn Ketterer sein«, sagte ich und hielt ihm meine Hand hin. Doch er hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und ließ meine Hand in der Luft hängen.
»Hören Sie gut zu! Wir sagen kein Wort zur StageBau, der Presse nicht und auch niemandem sonst. Da gibt es nichts zu sagen.«
»Wirklich nicht?«, fragte ich. »Sie und Ihr Bruder wären fast umgebracht worden.«
»Unfug!«, sagte er. »Wir haben unsere Wohnung freiwillig gekündigt. Wer was anderes behauptet, der lügt.«
»Dann stimmt also kein Wort in Ihrem Mietertagebuch? Und dann waren Ihre Hilferufe an den Mieterschutzverein nur ein Scherz? Ihr Bruder hat diese Mails geschrieben, ich kenne jedes Wort. Ich habe gelesen, wie hilflos und verzweifelt Sie waren. Wir können ehrlich miteinander reden – ich will Ihnen helfen.«
»Sie helfen mir, wenn Sie jetzt gehen. Mein Bruder und ich haben nichts mehr zu sagen.«
»Mit Ihrem Bruder hatte ich gerade besprochen, dass Ihre Namen in dem Artikel verändert werden. Alles läuft völlig anonym, kein öffentliches Aufsehen – es geht nur um die Sache.«
Er funkelte Lars einen finsteren Blick zu. »Mein Bruder und ich, wir wollen beide, dass Sie kein Wort über uns schreiben. Egal welchen Namen Sie verwenden.«
Er schob die Tür zu, doch ich stellte meinen Fuß hinein. »Augenblick noch. Sagen Sie mir bitte, was Ihnen so viel Angst macht. Fühlen Sie sich bedroht?«
»Ja«, sagte er und schob mich ein Stück nach hinten, »bedroht von Ihrer Aufdringlichkeit!«
Das Letzte, was ich sah, ehe die Tür zufiel, war ein entschuldigender Blick seines Bruders Lars.