Es sah aus, als hätte jemand ein leeres Krankenhausbett in eine Privatwohnung gerollt. Erst auf den zweiten Blick nahm ich sein blasses Gesicht wahr, das fast mit dem weißen Kissen verschmolz. Die Bettdecke wölbte sich kaum, er musste ausgemergelt sein. Auf seinem Kopf verloren sich die letzten weißen Haarbüschel wie winzige Schneeinseln in der Frühjahrssonne. Seine Augen waren geschlossen.
»Das is er, mein Hermann-Schatz«, sagte Paula Weigel mit Stolz, aber auch Sorge in der Stimme, nachdem sie mich ins Schlafzimmer geführt hatte. »Und glauben Se mir, das war mal ein Mannsbild, aber hallo! Umgedreht ham sich die Frauen nach ihm. Ist doch wahr, Hermann-Schatz, oder?«
Ihr Mann lag immer noch regungslos da. Sie beugte sich zu ihm runter: »Hermann-Schatz, wir ham Besuch. Die Frau Mikula, die hilft uns, das hat se versprochen. Ist doch wahr, dass Se uns helfen, Frau Mikula? Hermann-Schatz, Augen auf.«
Sie beugte sich zu ihm und drückte ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange. Hermann blinzelte, und als er seine Frau erkannte, deutete er ein Lächeln an. Paula Weigel fuhr das Kopfteil des Bettes nach oben, jetzt saß er mir fast aufrecht gegenüber. Seine Augen hatten sich tief in ihre Höhlen zurückgezogen. Und sein Gesicht verkrampfte sich jedes Mal, wenn die Geräusche aus der Nachbarwohnung wieder anschwollen.
Das Stöhnen, das durch die Wand drang, schien mir so nah, als könnte ich den heißen Atem des Keuchens spüren. Das uralte Auto durchfuhr wieder die Schotterpiste, der Stoßdämpfer quietschte wie verrückt und schaukelte sich in ein immer höheres Tempo. Ich fand es ohnehin peinlich, Zeuge von fremdem Sex zu sein, sogar in Filmen. Aber noch peinlicher fand ich es, gekauften Sex in Gegenwart zweier alter Menschen zu belauschen.
Ich schämte mich für das, was auf der anderen Seite der Wand geschah – und dafür, dass ich es noch immer nicht unterbunden hatte. Heiner Stagemann lobte die Ergebnisse meiner Recherchen, wie ich von Marion Römer hörte. Aber eingreifen wollte er erst, wenn ich ihm Greifbares lieferte, Namen und Fakten. Anders gesagt: Er ließ mich hängen. Und er ließ die Weigels hängen. Und er ließ alle Mieter hängen, die ihn gebraucht hätten. Dafür, dass er angeblich ein so sozialer Mann war, verfügte er über eine erstaunlich dicke Haut.
»Jetzt erzähl der Frau Mikula doch mal, wie’s dir auf den Senkel geht, dieses Gestöhne da«, sagte Paula Weigel. Sie nickte zur Wand hin. »Sach ihr mal, dass du keine Nacht mehr schlafen kannst, seit du wieder hier bist, nicht mal mit dem ganzen Schlafmittelzeugs.« Er schien kurz nachzudenken, seine spröden Lippen bewegten sich schon, um eine Antwort zu geben. Doch gerade als sich sein Mund öffnete, ließ ein Schlagbohrer die Decke erzittern. Das schrille Aufheulen jagte mir einen Riesenschrecken ein. Kurz schwieg das Gerät – Herr Weigel sah mich fragend an, als wollte er noch mal ansetzen –, dann kreischte der Bohrer erneut auf.
Ich dachte daran, wie das Auge reagiert, wenn es überraschend geblendet wird – es schließt sich einfach. Aber gegen überraschenden Lärm können die Ohren nichts tun, sie sind ihm ausgeliefert. Wütend sah ich zur Decke hinauf, wo der Bohrer nicht müde wurde. Es war, als fräste er sich durch die Ohren direkt in mein Gehirn. Und nicht nur in meines.
Vor mir lag Hermann Weigel, ein Schatten von einem Menschen, gefesselt an sein Bett, während es von nebenan stöhnte und quietschte, von oben heulte und bohrte. Er versuchte sich an einem tapferen Lächeln. »Es ist gar nicht so schlimm. Laut ist es hier, ziemlich laut, meinetwegen. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles. Ich reg mich nicht mehr auf, reg mich einfach nicht mehr auf, dann geht’s mir doch gut. Solange ich nur nicht im Krankenhaus sein muss. Wenn ich nur«, er drehte den Kopf zu seiner Frau, »wenn ich nur bei dir sein kann.«
Langsam und tastend schob er seine Hand unter der Decke hervor. Seine Frau griff sofort danach und umklammerte sie. Die beiden sahen sich an, tief und innig, ich spürte, wie viel sie verband: all die gemeinsamen Jahre, Glück und Leid. Ich dachte an Markus, den ich mit einer großen Liebe verwechselt hatte. Wer würde meine Hand halten, wenn ich eines Tages schwer krank auf einem Bett lag?
Als der Bohrer pausierte, schien ein Gespräch zu entstehen. Hermann Weigel erzählte von seiner Krankheit, von seiner Fahrt in die Klinik, von Stents, die gesetzt worden waren. Doch dann fuhr ein Aufschrei durch die Wand, eine animalische Explosion der Lust. Unser Gespräch erstarb, Paula Weigel ließ die Hand ihres Mannes fahren. Sie schüttelte sich angeekelt und drohte der Wand mit einer geballten Faust.
»Ist schon gut, Schatz«, sagte ihr Mann. »Ich hör das nicht mehr, das kann mich nicht kirre machen, nicht mehr. Auf der Werft, da war’s viel lauter, jeden Tag ein Wahnsinnskrach. Ich kann viel einstecken, Paula, das kann ich wirklich. Mach dir keine Sorgen, nicht um mich, hörst du?«
»Aber Hermann-Schatz, was soll die Frau Mikula denn jetzt schreiben? Dass der Lärm dich nicht stört? Das würde denen so gefallen, diesen Pappnasen von der StageBau. Sach ihr, dass du ’ne Krise kriegst, wenn das hier so weitergeht!«
Hermann Weigel rang seinem müden Gesicht ein Lächeln ab. »Ach Paula, deine Kraft möchte ich haben, du kannst noch kämpfen, kämpfen kannst du. Aber ich bin müde, ich hab schon so viel gekämpft, ich will schlafen.«
»Aber wir ham doch Besuch! Ne Journalistin is extra gekommen. Du musst doch erzählen, was die uns antun!«
Er drehte den Kopf zur anderen Seite. »Lass mich schlafen. Bitte. Richtig geschlafen hab ich schon so lang nicht mehr.«
Paula Weigel sah mich entschuldigend an und klappte das Kopfteil des Bettes nach unten. Kaum war ihr Mann in der Horizontalen, hörten wir auch schon seine ruhigen Atemzüge – bis ein neues Aufheulen des Schlagbohrers seinen Körper zucken ließ.
Ich erinnerte mich an einen Bericht über Guantánamo Bay, das umstrittene Lager in Kuba, wo die USA angebliche Terroristen gefangen hielten. Als eine der schlimmsten Foltermethoden galt Schlafentzug. Ein Mensch war einfach zu brechen: Man musste ihn nur lang genug am Schlafen hindern. Dann verlor er seine Willenskraft und tat, was man von ihm verlangte. Das funktionierte sogar bei bärenstarken Kerlen. Wie wirkte Schlafentzug dann erst bei einem alten, schwer kranken Mann?
Als ich mich im Flur verabschiedete, umfasste Paula Weigel mit beiden Händen meinen Unterarm. »Er is so tapfer, aber ich nehm’s ihm nicht ab. Helfen Se uns, ach bitte! Se ham’s doch versprochen.«
»Ich werde Ihnen helfen«, sagte ich. »Verlassen Sie sich darauf.«
Ich wusste jetzt, was zu tun war: Ich musste mit Heiner Stagemann persönlich sprechen – ich kannte die Adresse seiner Villa in Blankenese.