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Als ich das Geräusch in der Wohnung hörte, das Knarren der Dielenbretter, war es weit nach Mitternacht. Der Knallfrosch in meiner Brust erwachte. Ich spürte, wie mein Puls nach oben schoss und mein Hals sich zuzog. Tief atmen, Susanne, tief atmen.

Schlich da jemand über den Flur? Tastete er sich zum Gashahn vor? Wusste er überhaupt, dass Tante Martha neuerdings eine Mitbewohnerin hatte? Die Schritte waren verstummt, ich hielt den Atem an. Sollte ich die Nummer der Polizei wählen? Wie lang würde ein Streifenwagen wohl brauchen?

Dann rauschte es. Die Spülung der Toilette, Tante Martha! Das hätte ich mir denken können. Ihr Schlafzimmer lag auf der anderen Seite der Wohnung, dorthin tapsten die Schritte dann zurück. Wie hätte auch jemand reinkommen sollen? Auf meine Anregung hatte Martha ihr Türschloss austauschen lassen.

Ich schloss meine Augen wieder, aber mein Herz raste weiter, und die Bilder von der Brücke drängten sich nach vorne. Es war gut, dass ich ihn von der Brücke befördert hatte, er war ein Zerstörer, ein Charakterschwein gewesen. Ohne ihn war die Welt besser und ungefährlicher. Es gab Menschen, die sterben mussten, damit andere in Frieden leben konnten.

Ich zwang mich, andere Dias vor den inneren Projektor zu legen. Ich dachte über die StageBau nach. Mein Auftraggeber mit der blau gespiegelten Sonnenbrille, Heiner Stagemann: War er wirklich ein Vorkämpfer der Gerechtigkeit? Ging es ihm um das Wohl seine Mieter? Oder verfolgte er doch Interessen, die zu einem Milliardär passten, ging es ihm vielmehr um Geld und Macht?

Und wie würde er darauf reagieren, wenn ich demnächst vor seiner Tür stünde – obwohl er mir doch eingebläut hatte, dass ich keinen Fuß in die Nähe seiner Villa setzen sollte? Würde er verstehen, dass ich so handeln musste, seit ich die rote Mappe kannte, die Geschichte vom zugemauerten Kamin und das Drama der Weigels? Oder würde er seine Bodyguards anweisen, mich vom Grundstück zu beseitigen?

Ich hatte den Journalismus nur aus einem Grund aufgegeben: Ich wollte etwas Gutes bewirken, so wie einst mein Vater. Wenn ein Patient mit einem entzündeten Blinddarm zu ihm kam, hatte er ihn operiert und gesund entlassen. Er verbesserte das Leben der Menschen, statt nur ihr Leid zu dokumentieren.

Als Journalistin war es mein Job gewesen, Missstände zu beschreiben. Aber die Aufgabe, das Kritisierte zu verändern, hatte ich anderen überlassen. Die Politiker sollten es richten, die Verbraucherschützer, die Welthungerhilfe. Bloß ich, die Journalistin, machte keinen Finger dafür krumm. Vom Tippen mal abgesehen.

Hatte Jane Sternberg nicht auch gesagt, sie habe mit ihrem Artikel nichts bewirkt? Offenbar eine Berufskrankheit unter Journalisten. Ich hatte ihr für diese Aussage keinen Applaus gespendet, aber nur, weil ich jetzt so dringend einen Artikel über die faulen Machenschaften der StageBau brauchte. Ob ich ihn bekommen würde, war ungewiss, aber die letzten Signale weckten Hoffnung.

Diesmal ging es um mehr als um einen Zeitungsbericht: Ich würde nicht nur einen Artikel auf den Weg bringen, sondern durch Heiner Stagemann ins Steuerrad des Geschehens greifen und es in eine bessere Richtung drehen.

Ich kämpfte für eine gute Sache, das musste ich mir immer wieder in den Kopf hämmern, denn mein inneres Teufelchen zischte:

Wie tief bist du gefallen, Susanne! Jetzt stehst du auf der Lohnliste einer kriminellen Immobilienfirma. Jetzt gibst du dich als Journalistin aus, obwohl du keine mehr bist. Jetzt haust du Leute, die dir vertrauen, eiskalt übers Ohr. Du hast deinen Charakter verkauft. Nur weil du bis zum Hals in Schulden steckst. Du willst den Armreif deiner Mutter zurückersteigern, ein Flugticket nach London kaufen, deine Rechnungen bezahlen. Die gute Sache, für die du hier kämpfst, heißt »Susanne«. Es geht dir nur um dich.

Ich tastete nach meiner Nachttischlampe und knipste das Licht an, als wollte ich meine düsteren Gedanken aufhellen. Was wäre denn die Alternative? Dass ich meine Hände in meinen Schoß lege und zusehe, wie die nächsten Menschen in Herzinfarkte getrieben, die nächsten Kamine zugemauert, die nächsten Gashähne aufgedreht werden? Ja, eine moralisch verkommene Firma bezahlte mein Gehalt – aber deshalb war ich noch lange nicht verkommen. Nur offiziell arbeitete ich für dieses Unternehmen, heimlich jedoch dagegen. Ich trug das Trikot der Guten.

Und gab es nicht auch Lichtblicke in der StageBau? Marion Römer – sie wuchs mir immer mehr ans Herz – stand hinter mir wie eine Eins, trat als meine Anwältin bei Heiner Stagemann auf und hatte Kopf und Kragen riskiert, um mir vertrauliche Dokumente auf einen Stick zu ziehen. Und etliche Kollegen, mit denen ich zu Mittag aß, waren bestimmt anständige Leute, die selbst mit den hohen Mieten in Hamburg zu kämpfen hatten. Sie machten einfach nur ihren Job. Wahrscheinlich wussten sie so wenig von den kriminellen Machenschaften ihrer Firma, wie ich einst von den Verbrechen meines Chefs Hans-Otto Gleim gewusst hatte.

Die ganze Zeit fragte ich mich: Von wem ging die kriminelle Energie in der StageBau aus? Waren es mittlere Manager, die sich eigenmächtig von der Kette des Gesetzes losgerissen hatten? Oder war die oberste Chefin, Patricia Stagemann, selbst die Schmutzschleuder? War ihr die Rendite so wichtig, dass sie dafür tote Mieter in Kauf nahm? Falls ja, was trieb sie zu diesem Wahnsinn? Geld musste sie doch genug besitzen, auch wenn mir ihr Name noch nie in einer Milliardärsliste aufgefallen war.

Sie war sehr ehrgeizig, vielleicht war es das: Was, wenn sie unbedingt so viel Geld anhäufen wollte, um zu ihrem Bruder aufzuschließen? Was, wenn hier ein Konkurrenzkampf unter Geschwistern, ein zynisches Rennen der Superreichen, auf dem Rücken einfacher Mieter ausgetragen wurde?

Seit ich Patricia Stagemann im Fahrstuhl getroffen hatte, traute ich ihr alles zu. Von ihr ging eine Kälte aus, wie ich sie selten verspürt hatte, eine Seelenlosigkeit. Schon beim Gedanken an sie bekam ich eine Gänsehaut. Ich erinnerte mich noch, was sie zu mir gesagt hatte: »Zurücktreten!« Was war damit gemeint? Wirklich nur: Gib die Fahrstuhltür frei!? Oder eher: Geh mir generell aus dem Weg und lass meine Firma in Ruhe! Sie hatte meinen Namen gekannt. Woher? Wusste sie eben doch, in welcher Mission ich unterwegs war? Falls ja, lebte ich gefährlich.

Und noch immer gab mir Friedhelm Ganter Rätsel auf. Erst hatte ich in seine grünblauen Murmelaugen geschaut und einen Moment lang – ich musste es später vor mir selber zugeben – den Wunsch verspürt, mich tief in ihnen zu verlieren, in seinen blonden Wuschellocken zu wühlen und eine Runde Cat Stevens mit ihm zu hören. Er war ein Robin Hood, der tapfer gegen die bösen Vermieter anritt und mich in ihre fiesen Tricks einweihte.

Doch als ich die StageBau ansprach, sprang Robin vom Pferd, und Friedhelm legte jedes Wort auf die Goldwaage. Warum? Hatte er schlechte Erfahrungen mit der StageBau gesammelt, ihre Anwälte auf den Hals gehetzt bekommen? Oder was sonst ließ ihn so zurückschrecken?

Ich griff zu meiner Wasserflasche auf dem Nachttisch und nahm einen Schluck. Mein Funkwecker zeigte 3.16 Uhr. Ich musste an Björn und Lars Ketterer denken, die beiden wären von der StageBau fast ins Jenseits befördert worden. Warum hatten sie dieses Unrecht erst in die Welt hinausgeschrien, aber wollten jetzt nichts mehr davon wissen, vor allem Björn? Wer brachte die beiden zum Schweigen? Die StageBau? Oder gar der Mieterschutzverein, wo jetzt eine rote Mappe fehlte?

Ich rieb mir über beide Schläfen. Es waren zu viele Fragen, um die Antworten noch in dieser Nacht zu finden. Immerhin war es mir gelungen, die Bilder von der Brücke zu vertreiben und den Galopp meines Herzens zu bremsen.

Ich schlüpfte tiefer unter die Decke und knipste das Licht aus. Am nächsten Morgen wollte ich einen Tatort besuchen, wo vielleicht der Schlüssel aller Rätsel lag. Mal schauen, ob der »Oma-Mörder« im Mietshaus Spuren hinterlassen hatte.