Das Haus, in dem Elfriede Jaspers ermordet worden war, schien einen Trauerflor zu tragen: Eine schmutzigtransparente Plane war über die komplette Fassade gehängt. Und das Geräusch der Schlagbohrer klang, als heulte das Haus seine Schmerzen in den Wind hinaus.
Ich stand vor einer Baustelle, lärmend und verhängt. Die Kombis der Handwerker hatten die Straße fast zugeparkt. Gerade fädelte sich der braune Lieferwagen eines Paketdienstes wie in Zeitlupe durch die verbliebene Lücke. Eine Krähe krächzte von einer Laterne. Am Himmel peitschte der Wind tiefschwarze Wolken in Richtung Süden.
Erst als ich über Putzbröckchen hinweg an die Haustür trat, wurde mir klar, dass hier noch Menschen wohnten: Fünf der zwölf Klingelschilder waren beschriftet. Ich schlüpfte durch die angelehnte Haustür. Es war finster wie in einer Kirche und stank bestialisch. Waren auch hier »versehentlich« ein paar Eimer mit merkwürdiger Flüssigkeit umgekippt, wie im Haus der Weigels?
Ein Mann mit Schottenmütze und Weste, Mitte sechzig, kam gerade in Hausschuhen die Treppe hinabgeschlurft. Wie ein Schlafwandler ging er auf die Briefkästen zu und pickte mit einer mechanischen Bewegung seine Zeitung heraus. Auf mich reagierte er nicht, obwohl ich direkt vor ihm stand.
Als er sich wieder umdrehte, entglitt ihm die Zeitung. Ich bückte mich und hielt sie ihm hin: »Guten Tag, mein Name ist Susanne Mikula.«
Er nahm mir die Zeitung ab und nickte. »Was ist los in diesem Haus, wird gerade renoviert?«, fragte ich – in Anbetracht des Hämmerns und Bohrens eine ziemlich lächerliche Frage.
»Angeblich«, sagte er.
»Das muss fürchterlich sein, den ganzen Tag diesen Lärm um die Ohren zu haben. Ich glaube, ich würde das nicht aushalten.«
»Wer sagt Ihnen, dass ich das aushalte?«
»Aber Sie wohnen hier noch, wie ich sehe.«
Seine Augen verengten sich zu Schießscharten. »Und ich werde auch bleiben. Sie kriegen mich hier nicht raus!«
»Ich habe mit Ihrem Vermieter nichts zu tun«, versicherte ich rasch und hängte eine Lüge an, die mir immer leichter über die Lippen ging: »Ich bin Journalistin und will ein paar Dinge aufdecken.«
»Mir reicht es schon, wenn Sie die Plane aufdecken.«
»Wie lange hängt die schon da?«
»Seit vier Tagen – keiner weiß, wann sie wieder abgenommen wird. Sie glauben nicht, wie finster es jetzt in unseren Wohnungen ist.«
Fünf Minuten später saßen wir an seinem Wohnzimmertisch, er hieß Peter Heuser. Die Wohnung roch nach Hund – ich sah einen Napf – und nach Chemie. Ein beißender Farbgeruch hing in der Luft, der offenbar den Renovierungsarbeiten geschuldet war. Der Blick aus dem Fenster zur Straße erweckte den Eindruck, man sei von einer Lawine verschüttet: nur noch schmutziges Grau. Die Plane filterte das Tageslicht. Ich kam mir vor wie in einer dunklen Höhle und dachte: Bloß wieder raus hier! Aber vorher hatte ich noch meinen Job zu erledigen.
Peter Heuser erzählte mir die nun schon vertraute Geschichte, dass die StageBau das Haus zur Hölle machte: mit Lärm, mit Gestank und zuletzt mit Verdunkelung. Nur das Bordell und der zugemauerte Kamin fehlten. Bis jetzt.
»Haben Sie eine Ahnung, was mit Elfriede Jaspers passiert ist?«, wechselte ich das Thema.
»Die ist ermordet worden, das wissen Sie doch.«
»Und von wem?«
Er verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich hab ein Alibi: Ich war in Heidelberg bei meiner uralten Mutter.«
Wie kam er darauf, dass ich ihn verdächtigte? Hatten andere das getan? »Aber die Polizei hat sich dennoch sehr für Sie interessiert – stimmt’s?«, bluffte ich.
»Ist ja auch kein Wunder: Elfriede und ich waren eng befreundet. Sie hat sich um meine Wohnung gekümmert, wenn ich weg war.«
»Dann hatte Frau Jaspers einen Schlüssel zu Ihrer Wohnung?«
»Ja, natürlich.«
»Und hatten Sie auch einen …« Ich stockte, denn meine Frage würde ihn in Verlegenheit bringen.
»Ja, ich hatte auch einen Schlüssel zu Elfriedes Wohnung. Das war der eine Grund, warum die Polizei so ausführlich mit mir gesprochen hat.«
»Und der andere?«
Er schwieg und starrte in den vermeintlichen Schnee vor dem Fenster. »Das soll ich für mich behalten. Das stand nicht mal in der Zeitung. Die haben was erzählt von ›ermittlungstaktischen Gründen‹. Und daran halte ich mich auch.«
»Ich kenne den zweiten Grund«, bluffte ich weiter, »Sie müssen ihn nicht aussprechen.« Ohne Zwang würde er vielleicht doch reden.
»Der Typ muss völlig irre sein«, sagte er nach einer kurzen Pause. »Ein Psychopath wie aus dem Horrorfilm. Ich könnte jetzt noch losheulen. Wie kann man nur so was tun? Das mit Elfriede war doch schon schlimm genug.«
Es klang, als hätte der Täter noch mehr als den Mord an der alten Dame auf dem Gewissen. Aber was genau? Ich schoss erneut ins Blaue: »Haben Sie Fotos davon gesehen?«
Seine Lippen pressten sich zusammen. »Es gab ja nichts mehr zu fotografieren! Alle haben das Geräusch gehört. Und Frau Reiser aus dem ersten Stock hat durch ihren Spion geschaut und es beobachtet.«
»Was genau hat sie gesehen?«
Er begann zu lachen. Es war ein gespenstisches Lachen, das immer lauter wurde, bis es in ein Wehklagen überging. Und dann weinte er, heulte so richtig los, schüttelte den Kopf dabei, und seine Tränen flogen in alle Richtungen wie Funken beim Schweißen. Sein leises Wimmern wechselte sich ab mit lautem Aufheulen.
Ich zog ein Papiertaschentuch hervor und hielt es ihm hin. Er winkte ab. »Gehen Sie! Ich will nicht mehr darüber reden. Es tut zu sehr weh.«
»Ich kann Ihnen helfen. Mein Artikel wird die Wahrheit ans Licht bringen.«
»Tot ist tot«, sagte er mit einer blechernen Stimme wie aus großer Ferne. »Und jetzt gehen Sie. Ich will alleine sein.«
Ich stand auf. Er machte keine Anstalten, mich zur Tür zu begleiten. »Ich vermute, Sie haben Frau Jaspers lang gekannt«, sagte ich. »Es muss sich anfühlen, als ob man einen Angehörigen verliert.«
»Es fühlt sich nicht nur so an«, sagte er. »Ich hab einen Angehörigen verloren.« Sein Kopf sank auf die Tischplatte, und seine Hände pressten sich auf die Ohren.
Nena Reiser war nicht zu Hause. Dreimal hatte ich nun im ersten Stock geklingelt, aber in ihrer Wohnung rührte sich nichts. Ich musste erfahren, was sie durch ihren Türspion gesehen hatte. Es musste ein entsetzliches Bild gewesen sein, so viel stand für mich fest.
Es war dumm von mir gewesen, dieses Haus an einem Vormittag um kurz vor elf Uhr zu besuchen. In meinem Jahr als Sofabewohnerin hatte ich fast vergessen, dass der normale Mensch seinen Tag am Arbeitsplatz verbrachte. Bei den anderen Wohnungen hatte ich nach meinem Besuch bei Peter Heuser schon vergeblich geklingelt. Oder gingen die Menschen nicht zur Arbeit, sondern rannten weg vor Dunkelheit und Lärm? Ich hätte es hier keinen Tag ausgehalten: Die Bohrer kreischten sich in mein Gehirn, die Hämmer schienen direkt auf meine Schädeldecke zu klopfen.
Vor Schrecken sprang ich ein Stück zurück, als jemand die Tür vor mir aufzog. Durch den Baulärm hatte ich kein vorwarnendes Geräusch gehört. Vor mir lehnte eine hellblonde Frau mit Kurzhaar im Türrahmen, etwa 25 Jahren alt. Sie hatte einen Bademantel übergeworfen und pulte sich gerade Watte aus dem rechten Ohr.
»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte ich.
»Was wollen Sie?«
»Ich möchte mit Ihnen darüber sprechen, was Sie in der Todesnacht von Elfriede Jaspers beobachtet haben.«
»Wer sind Sie überhaupt?«
»Ich bin Journalistin und schreibe an einem Artikel über ungeklärte Mordfälle in Hamburg.« Ich hatte beschlossen, die StageBau diesmal zu verschweigen, dieser Hinweis hatte bislang nur Schweigen erzeugt.
»Ich komme von der Nachtschicht«, brummte sie.
»Sorry, wenn ich Sie geweckt habe. Können wir uns kurz unterhalten?«
»Das haben wir bereits.«
Sie trat einen Schritt zurück. Meine neue Rolle fühlte sich miserabel an: Ich war eine Haustürvertreterin, die von den Menschen abgewimmelt wurde, wie zuletzt von den Brüdern Ketterer, oder nach kurzem Gespräch rausgeworfen, wie gerade von Peter Heuser. Fieberhaft überlegte ich, wie ich ein vorzeitiges Ende des Gespräches verhindern konnte.
»Sie haben der Polizei durch Ihre Beobachtung sehr geholfen. Aber ich möchte nicht aus dem Protokoll zitieren, dort werden Sie in hölzernem Amtsdeutsch wiedergegeben. Ich will direkt mit Ihnen reden – damit Sie wie ein Mensch klingen.«
»Sie kennen das Polizeiprotokoll?«
»Offiziell natürlich nicht«, sagte ich vieldeutig.
»Das ist ja ein Ding! Ich mach eine vertrauliche Aussage, und die Polizei fleht mich an: Bloß nichts weitersagen, Täterwissen gehört nicht in die Zeitung. Und jetzt sagt mir eine Journalistin: ›Ätsch, ich weiß ja doch alles!‹ Ich glaub, ich ruf jetzt direkt bei der Polizei an und blas denen mal den Marsch. Wie heißen Sie noch mal?«
Ich ruderte zurück: »Wenn Sie nicht sprechen wollen, ist das völlig in Ordnung. Dann wünsche ich Ihnen, dass Sie trotz dieses fürchterlichen Lärms weiterschlafen können.«
»Danke, das ist nett«, sagte sie.
»Ich weiß übrigens, wie das mit den Nachtschichten ist. Ich habe lange in einer Redaktion Nachtdienst geschoben. Wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, braucht man erst mal ein paar Stunden, bis man schlafen kann. Der ganze Tagesrhythmus kommt durcheinander.«
»Genau so ist es! Einige Leute denken ja, man kann sich gleich hinlegen. Banane!«
»Und vor allem wird man bei Glühbirnenlicht nicht so müde wie bei Tageslicht.«
»Das merke ich jede Nacht«, sagte sie und schob die Tür ein Stück weiter auf. »Eigentlich sind Sie ja ganz nett. Dann kommen Sie doch auf einen Nachtschichtlerplausch rein, ich werd mir jetzt ohnehin ’nen Kaffee machen.«
Auf dem Dach hämmerte jemand in schnellem Rhythmus, es klang wie Applaus für diese Einladung. Voller Neugier betrat ich ihre Wohnung. Es wurde ein spannendes Gespräch.