Als ich wieder auf den Flur trat, war ich nicht ganz bei mir. Ich wandelte die Treppenstufen hinab, ohne sie zu sehen. Ich atmete den Gestank des Flurs ein, ohne ihn zu riechen. Und falls die Hämmer und Bohrer am Werk waren, so prallte der Lärm von meinen Ohren ab.
Mein Kopf war belagert von dem, was Nena Reiser mir gerade erzählt hatte. Frisch zu Hause von ihrer Nachtschicht – zuvor war sie drei Wochen im Urlaub gewesen –, hatte sie ein furchtbares Geräusch gehört, war zu ihrer Tür geeilt und hatte durch den Spion eine surreale Szene gesehen: Ein bärtiger Mann rennt aus dem Haus und löscht bei seiner Flucht ein weiteres Leben aus, nachdem er Elfriede Jaspers schon umgebracht hatte. Darüber war in den Zeitungen kein Wort verloren worden.
Auf den letzten Treppenstufen, kurz vor den Briefkästen an der Wand, nahm ich unterbewusst plötzlich eine Regung wahr: Jemand hatte das Haus betreten, lief auf mich zu, stand mir fast schon gegenüber, aber drehte sich dann um und sprang mit hallenden Schritten die Kellertreppe hinab. Als hätte ihn mein Anblick erschreckt.
Ich hatte diesen Menschen wie durch einen Vorhang gesehen: ohne richtig hinzuschauen. Aber ich hatte ihn gesehen! Und eine Stimme in mir flüsterte: Du hast diesen Menschen erkannt. Du bist ihm schon mal begegnet. Und er hatte hier absolut nichts zu suchen. Darum seine Flucht!
Ich schloss die Augen, aber ich konnte mich an kein Gesicht erinnern. Mann oder Frau, alt oder jung? Keine Ahnung. Wieder mal hatte mir der Wolf einen entscheidenden Fetzen aus meinem Gedächtnis gerissen.
Der Knallfrosch in meiner Brust hüpfte. Meine Luftröhre glich einem Strohhalm mit Knick. Die Bilder von der Brücke fluteten auf mich ein, alles roch nach Gefahr. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Die Schritte im Keller waren verhallt. Kauerte der Geflüchtete jetzt dort unten? Hoffte er, dass ich ihn nicht erkannt hatte? Der Ausgang des Hauses lag vor mir. Niemand würde mich abhalten, ich schob die Haustür auf. Der Himmel war noch immer schwarz wie ein Kohleschacht, und doch schien mich das Licht zu blenden. Ich hatte vergessen, wie düster es in diesem verhüllten Mietshaus war. Der Herbstwind pfiff durch die Straßenschlucht und trieb eine Plastiktüte vor sich her, hilflos rollte sie die Straße hinab.
Vom Gehsteig aus betrachtete ich noch einmal das Haus mit der Plane, das vor mir wie ein gemauertes Rätsel stand. Welches Geheimnis verbarg es vor mir? Wen hatte ich im Flur gesehen? Warum war er vor mir geflüchtet? Was, wenn der Mörder an den Tatort zurückgekehrt und mir zufällig in die Arme gelaufen war? Wer saß dort unten im Keller?
Ich durfte kein Feigling sein, ich war viel zu oft feige gewesen in meinem Leben, damals auf der Brücke hatte ich Mut bewiesen. Ich drehte mich um und schlüpfte zurück ins Haus, vom Tageslicht in die Dämmerung. Ich blinzelte die Stufen der Kellertreppe hinab, sie schien direkt in die Nacht zu führen. Ich drückte den Lichtschalter, nichts geschah. Stimmt, in den Häusern der StageBau spann das Licht ja, bis die Mieter freiwillig das Feld räumten.
Aus einem oberen Stockwerk kreischte eine Bohrmaschine, wie ein Wolfsheulen, wie eine Warnung. Sollte ich nach oben gehen und einen Handwerker bitten, mich in den Keller zu begleiten? Einen kräftigen Kerl, der seinen Hammer für alle Fälle mitnahm? Aber wer garantierte mir, dass der Geflüchtete den Keller in der Zwischenzeit nicht verließ? Außerdem schienen mir Handwerker, die Lärm als Terror nutzten und Schornsteine zumauerten, keine ideale Begleitung bei Gefahr zu sein. Und bislang hatte ich mich immer gut ohne Mann an der Seite behauptet. Ich war kein Feigling mehr, wirklich nicht.
Ich fasste den Handlauf und zwang mich, die Treppe hinabzugehen. Mörtel knirschte unter meinen Sohlen. Irgendwo tropfte Wasser. Je weiter ich nach unten ging, desto finsterer wurde es. Schattenhaft erkannte ich die Kellerparzellen, sie lagen links und rechts des Ganges, hinter hölzernen Verschlägen. Es roch nach Schimmel und Altöl.
Ich kniff die Augen zusammen, um mich an die Finsternis zu gewöhnen. »Ich habe Sie erkannt!«, rief ich, und meine Stimme hallte von den Wänden wider. »Kommen Sie aus der Deckung und lassen Sie uns reden. Ich möchte wissen, wie Sie in die Sache hier verstrickt sind.«
Ich hielt den Atem an und wartete auf eine Reaktion. Doch alles, was ich hörte, war tropfendes Wasser. Jetzt, da der Baulärm gerade mal verstummt war, schien mir das Tropfen ebenso laut wie die Hammerschläge.
Ein Rascheln, irgendwo vor mir im Dunkeln, ließ mich zusammenzucken. »Wir sind nicht allein in diesem Haus«, rief ich. »Hier ist alles voll mit Handwerkern, Dummheiten lohnen sich nicht; es gibt Zeugen.« Eine Bohrmaschine heulte auf, aber das beruhigte mich nicht, im Gegenteil: Der Baulärm würde meine Stimme überdecken, niemand mich hören, wenn ich hier unten um Hilfe schrie. Wie damals, auf der Brücke.
Der Knallfrosch in meiner Brust überschlug sich. Mein Puls fühlte sich an, als triebe jemand eine Spitzhacke in meinen Hals, kurze, heftige Schläge. Und um meinen Oberkörper schien sich ein Stahlseil zuzuziehen. Ich schnappte nach Luft wie als Mädchen, wenn ich im Schwimmbad zu lang getaucht war und mit schon hochrotem Kopf die Oberfläche durchbrach.
Als Kind hatte ich oft im finsteren Keller unseres Hauses gespielt, zwischen den Weinregalen meines Vaters. In jeder finsteren Ecke, wo fette, schwarze Spinnen ihre Netze webten, schien ein böser Geist zu lauern. Ich hasste es, starr vor Angst in diesem Keller zu stehen, und liebte es, weshalb ich immer wieder runterschlich. Und wenn meine Angst so groß wurde, dass ich kaum mehr atmen konnte, schloss ich die Augen – ich dachte, dann sähe mich niemand mehr.
Na prima, Susanne, diese Methode wendest du auch heute wieder an: die Augen vor der Gefahr schließen! Bist du wirklich noch genauso naiv wie als Sechsjährige? Was machst du hier unten?
Auf einmal kam es mir sehr fahrlässig vor, dass ich allein hier runtergegangen war. Hatte ich vergessen, was vor wenigen Wochen in diesem Haus passiert war? Vergessen, was ich über die StageBau schon herausgefunden hatte? Vergessen, dass jedes Kartenhaus ein Massivbau war, verglichen mit meiner Psyche? Spätestens die Geschichte von Nena Reiser hätte mich von diesem finsteren Keller fernhalten müssen.
Ich tastete mich vorwärts. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Ich konnte die Umrisse eines Fahrrads erkennen, eines Wäscheständers, einer elektrischen Heizung. Gestapelte Eimer, die nach Mörtel rochen, standen neben Gerüstbauteilen. Offenbar hatten sich die Bauarbeiter auch hier schon ausgebreitet.
Und dann sah ich ihn! Er trug einen Poncho und hatte sich an die Wand einer Kellerparzelle gelehnt, regungslos. Der Holzverschlag stand offen, durchs Kellerfenster fiel eine Spur von trübem Licht.
Meine Angst war so groß geworden, dass sie in Mut umschlug. Ich tastete in meine Handtasche und umklammerte einen Gegenstand. Ganz egal mit wem ich es zu tun hatte, ob Mann oder Frau: Ich würde kämpfen. So eine Nagelfeile war zwar kein richtiger Dolch, aber auch nicht harmlos.
Mit dem leisen, federnden Gang eines Raubtiers bog ich in die Parzelle ab und näherte mich der Gestalt. Meine Muskeln waren angespannt, mein Atem stockte. Ob er mich auch sah? Ob er wegrennen oder mich angreifen würde? Es war wie beim Duell im Western: Ich musste schneller sein! Mit einem Sprung stürzte ich nach vorne, umklammerte seine Arme und riss ihn zu Boden. Ein lautes Ratschen begleitete meine Attacke, er leistete kaum Widerstand.
Irritiert tastete ich das alte Kleidungsstück ab. Der Nagel, an dem der Poncho aufgehängt war, hatte einen Riss in der Kapuze hinterlassen.
Tief atmen, Susanne, tief atmen. Hier unten ist niemand. Du siehst Gespenster. Der Wolf, der dir sonst Fetzen aus dem Gedächtnis reißt, hat dir diesmal ein Trugbild ins Gehirn geheult. Alles nur Einbildung. Niemand wäre so blöd, sich in diesem Keller zu verstecken, ohne Fluchtweg. Wer sollte vor dir davonlaufen? Die Angst macht dich ja ganz verrückt, geh wieder nach oben, ans Licht.
Ich saß immer noch am Boden, da spürte ich einen Luftzug im Nacken. Mit einem Pfeifen sauste ein Gegenstand nieder. Der Schlag traf meinen Hinterkopf, ich sackte zur Seite weg. Jemand rannte an mir vorbei. Und dann hallten schnelle Schritte die Treppe hinauf.