Wo waren wir stehen geblieben? Richtig, ich hatte Ihnen erzählt, dass ich mich vor dem Bett des Mütterchens verneigte und ihm mit meiner zärtlichen Enkelhand über die Straße half. Nach einem ersten Zucken – es kam mir wie eine Begrüßung vor, ein freudiges Aufmerken – hatte sie sich bereitwillig in ihr Kissen zurückgelehnt. Und je tiefer sie hineinsank, desto mehr näherte sie sich der anderen Straßenseite. In Gedanken hakte ich schon die zweite Phase des Hinübergleitens ab und rechnete mit dem Einsetzen der dritten, einer präterminalen Atempause.
Dann geschah das Unerwartete: Von hinten, aus der Finsternis, stürzte jemand auf mich zu. Einen Moment lang befürchtete ich, ein unbemerkter Gast des Mütterchens griffe mich an. Aber ein heiseres Kläffen machte mir klar, dass hier kein Homo sapiens am Werk war. Kleine, nadelspitze Zähne bohrten sich in meine Wade und rüttelten an meiner Hose.
Wissen Sie eigentlich, wie gefährlich ein solcher Biss ist? Das Maul des Hundes ist eine Bakterienschleuder, fast jeder fünfte Hundebiss entzündet sich. Tetanus ist die größte Gefahr. Der Erreger heißt Clostridium tetani, sein Nervengift lässt die Muskulatur erstarren – es sei denn, man hat durch eine Tetanus-Impfung vorgebeugt, wie ich, oder legt durch eine passive Immunisierung nach, was zumindest die Folgen abmildert.
Aber mehr noch als der Schmerz in meiner Wade störte mich die Tatsache, dass dieser nächtliche Lärmexzess das ganze Haus aufwecken konnte. Dabei, das wissen Sie inzwischen, liebe ich Diskretion.
Aber, in aller Bescheidenheit, ich bin ein exzellenter Multitasker: Oben musste ich dem Mütterchen auf die andere Straßenseite helfen, durfte es nicht mitten auf dem Weg loslassen, sonst wäre es am Ende noch zurückgekehrt. Es gehört sich einfach nicht, schlampig mit Menschen umzugehen, erst recht nicht mit alten.
Und unten, an der zweiten Front, musste ich einen kleinen, aber sehr giftigen Hund davon überzeugen, dass es keine gute Idee war, meine Wade aufzufressen, das ganze Haus wach zu bellen und aus dieser Wohnung ein Polizisten-Eldorado voller DNA-Spuren zu machen. Mein zweiter Fuß holte aus und gab ihm entsprechende Hinweise.
Wie ich die Schmerzen ausgehalten habe, fragen Sie? Durch Gegenschmerz. Wenn Sie jemandem eine Spritze geben und ihm gleichzeitig den Oberarm quetschen, tut der Einstich nur noch halb so weh, weil sich ein Teil seiner Konzentration von der Spritze abwendet. Schmerz ist kein absoluter Faktor, sondern ein relativer, eine Frage der Wahrnehmung. Also biss ich mir auf meine Lippen, so fest, bis ich Blut schmeckte. Zwei halbe Schmerzen konnte ich aushalten. Zumal – das soll jetzt nicht eitel klingen – meine Willenskraft über erstaunliche Reserven verfügt.
Obwohl der Hund den unfreundlichen Akt an meiner Wade fortsetzte, ließ sich meine Hand nicht davon abhalten, ihr gütiges Siegel auf das Leben des Mütterchens zu legen. Erst als ich sicher war, dass das Siegel nicht mehr gebrochen würde – Stichwort vierte Phase, terminale Schnappatmung –, konnte ich mich endlich dem Dackel widmen. Mit einem schnellen Griff packte ich ihn am Hals. Ich musste ihn auf dieselbe Straßenseite wie sein Frauchen befördern.
Der Hund – warum hatte mir mein Auftraggeber den Hund verschwiegen? Ich ärgerte mich maßlos. Mit allen Details hatte er mich gefüttert, sogar mit der Position des Bettes im Schlafzimmer. Aber dieser Mitbewohner war mit keinem Wort erwähnt worden. Sonst hätte ich ihm zu Beginn meines Besuches einen Fleischbrocken, gewürzt mit Narkotikum, als Gastgeschenk überreicht. Er hätte ein schönes Schläfchen gehalten und wäre längst wieder wach gewesen, wenn man sein für immer entschlafenes Frauchen gefunden hätte.
Genau hier lag jetzt mein Problem, verstehen Sie? Nicht nur, dass mich ein Tier angefallen hatte – wo ist man eigentlich noch sicher, wenn nicht mal in der Wohnung eines Mütterchens? Nicht nur, dass meine Wade nun Bisswunden aufwies – ich bin ja vom Fach, das bekäme ich in den Griff. Nein, mein größtes Problem bestand aus einer höchst ungünstigen Koinzidenz: Jede Wahrscheinlichkeit sprach dagegen, dass das Mütterchen und der Hund in derselben Nacht unabhängig voneinander die Straßenseite wechselten – erst recht, da der Hund einen neuen Weltrekord im Lautjaulen aufgestellt hatte, unter den zarten Hinweisen meines Fußes.
Sogar der bräsigste Polizist – sind nicht alle Polizisten bräsig? – hätte aus der Tatsache, dass der Hund auf unnatürliche Weise gestorben ist, einen für mich ungünstigen Rückschluss auf den Tod des Mütterchens gezogen. Ebenso beunruhigte mich, dass die Hundezähne mit der Haut meiner Wade in Kontakt gekommen waren. Sein Maul war nun ein exquisites DNA-Spurenlager.
Ich schaltete in meinen Managermodus und fällte blitzschnell drei Entscheidungen. Erstens würde ich diese Wohnung auf der Stelle verlassen – ich musste damit rechnen, dass ein besorgter Nachbar nach dem Mütterchen schaute. Zweitens würde ich das Beweisstück, sprich den Hund, als Begleitung mitnehmen. Und drittens – Stichwort Multitasking – würden meine Enkelhände ihren Job am Hundehals während des raschen Aufbrechens vollenden, um hier keine Zeit mehr zu verlieren. Das Tier zappelte immer noch heftig.
Ich empfahl mich dem Mütterchen und huschte auf meinen Gummisohlen die Treppe hinab. Der Flur war spärlich beleuchtet, die Straßenlaternen schienen herein. Und während ich durchs stinkende Treppenhaus davoneilte, trug ich den Hund vor der Brust, umschlang seinen Hals mit den Händen und drückte zärtlich zu – er blieb so still, wie ich es von ihm in dieser pikanten Lage erwartete.