Die Villa von Heiner Stagemann war ein regelrechtes Schloss, das die vorüberfahrenden Schiffe von einem Elbhang grüßte, mit hellem Stein in den Himmel gemauert. Seit über einer halben Stunde keuchte ich querfeldein an einem Zaun entlang, der das parkähnliche Grundstück umgürtete, den Privatzoo eines Milliardärs: Ein Papagei flatterte von einer Palme empor und brabbelte vor sich hin. Ein Tier mit Höckern – es sah aus wie ein Kamel im Kleinformat – graste an einem Busch. Und am Rand eines Teiches, wo der aufgeschüttete Sand in einen englischen Rasen überging, schlug ein Pfau seine Räder. Einen Moment schien seine Farbenpracht in mein Gehirn zu steigen, alles war bunt vor meinen Augen.
Wie groß konnte dieses Grundstück denn noch sein? Wann würde ich endlich die Villa erreichen? Und was würde Heiner Stagemann unternehmen, wenn ich ihm erzählte, wie die Ereignisse sich zugespitzt hatten?
Vom Himmel spann die Dämmerung ihre schwarzen Fäden, erstaunlich schnell. Irgendwo tutete ein Schiff, und aus der Villa – kam es wirklich aus dieser Richtung? – flutete klassische Musik, vielleicht Beethoven. Es hätte auch Grillenzirpen sein können, so vollkommen griffen die Töne ineinander.
Mein Blick war auf den Boden gerichtet und suchte ihn ab, denn neben dem Zaun waren Seile gespannt, Stolperfallen, über die ich steigen musste. Aber jetzt – ich war einen Moment lang unkonzentriert gewesen – blieb ich hängen und schlug mit meinen Handgelenken auf den Boden.
Ich blickte auf, inzwischen war es fast dunkel. Wie ein finsteres Gebirge, ohne Licht im Inneren, erhob sich die Villa in den nächtlichen Himmel. Vom Boden aus erschien sie mir noch mächtiger. Der Mond, eine gefährlich scharfe Sichel, hing knapp über dem Dach.
Hatte ich die Zeit aus dem Blick verloren? War es schon so spät? Würde ich Heiner Stagemann aus dem Schlaf reißen müssen? Und warum fühlte ich mich eigentlich so benebelt? Autsch, mein Hinterkopf schmerzte, in diesem Zustand hätte ich niemals loslaufen dürfen.
Mein inneres Teufelchen flüsterte: Die Villa ist gar nicht weit entfernt, du bist nur langsam. Die Villa ist gar nicht groß, du bist nur klein. Und Heiner Stagemann ist gar nicht reich, du bist nur arm.
Doch der Knallfrosch in meiner Brust blieb erstaunlich ruhig, als wäre er durch Watte gedämpft. Ich arbeitete mich weiter am Zaun entlang, der Hang wurde flacher. Dann, endlich, hatte ich die Kuppe erreicht. Ein mit hellen Steinen aufgeschütteter Weg, der im spärlichen Mondlicht schimmerte, führte zum Eingang der Villa.
Mit knirschenden Schritten stakste ich auf das Anwesen zu. Das Grundstück war mit Büschen bepflanzt, die köstlich dufteten wie exotischer Tee. Daneben erhoben sich Denkmäler, soweit ich das im spärlichen Mondlicht erkennen konnte. Nein, sicher waren es Kunstwerke, vom Mäzen Heiner Stagemann gesponsort.
Ich selbst, schoss es mir durch den Kopf, war auch eines dieser »Kunstwerke«, von ihm finanziert. Er hatte mich als verdeckte Ermittlerin nach seinen Wünschen geformt und an einer Stelle seiner Wahl platziert. Was bliebe von mir, wenn ich das Weite suchte? Ein Häuflein Elend. Und ein Berg voller Schulden.
Ich näherte mich den Stufen, die zur Tür der Villa führten. Jede Sekunde rechnete ich damit, dass ein Wachhund losbellen, eine schneidende Stimme rufen würde: »Hände hoch! Was machen Sie hier um diese Zeit?« Doch offenbar verzichtete der sonst so vorsichtige Milliardär auf Wachen vor seiner Tür.
Ich stieg drei Treppenstufen hinauf, sicher Marmor, dann stand ich vor der Haustür, sie war aus schwerem Holz, wie meine Finger ertasteten, und groß wie ein halbes Fußballtor. Zu meiner Rechten erkannte ich eine Klingel mit spärlich beleuchtetem Namensschild. Ich kniff die Augen zusammen, konnte den Namen aber nicht lesen. Es war, als tanzten die Buchstaben vor meinen Augen. Hieß das nun »Stagemann«? Oder stand ich vor der Tür eines anderen Superreichen?
Egal, ich klingelte. Ein Gong hallte durch das Haus. Licht ging an in einem oberen Stockwerk. Ich hörte Schritte. Dann öffnete sich die Tür. Ich rechnete mit einem Hausangestellten, aber vor mir stand Heiner Stagemann, die blau gespiegelte Sonnenbrille im Gesicht. Sofort erkannte ich seine Ohren, diese markanten roten Ohren, die vom Kopf abstanden wie die Henkel eines Topfes.
»Herr Stagemann, ich brauche Sie«, sagte ich. »Wir hatten vereinbart, dass Sie mir helfen, wenn ich in Not bin. Kann ich jetzt damit rechnen?«
Er lehnte sich an den Türrahmen, kratzte an seiner Schläfe und schien nachzudenken. So stand er eine halbe Ewigkeit da. Dann leuchtete seine blaue Sonnenbrille auf, wie durch einen Gedankenblitz. Einen Moment dauerte es, bis ich verstand: Es war ein Licht, das sich darin spiegelte, ein Licht von hinten.
Ich riss den Kopf herum und blickte in einen Scheinwerfer. Er war so hell, dass ich nichts mehr sah. Und dann spürte ich eine Hand in meinem Gesicht.
Die Hand – ich brauchte einige Zeit, um das zu erkennen – ragte aus einem weißen Kittel. Und der Mann, der sich über mich beugte, steckte ein winziges Lämpchen in seine Brusttasche zurück. »Frau Mikula, hören Sie mich? Sie hatten einen Unfall in einem Keller – Sie sind jetzt bei uns in der Klinik.«