Ein riesiger Blumenstrauß schwebte durch mein Zimmer, näherte sich dem Bett und fuhr dann ruckartig zur Seite. Zum Vorschein kam ein italienisch anmutendes Gesicht, in dem die hellen Zähne aufblitzten. »Susanne!«, rief Marion Römer so erleichtert, als hätte sie eine Leiche in diesem Bett vermutet. Sie beugte sich über mich, rückte mit ihrem Kopf an mich heran und legte ihre warmen Hände ganz vorsichtig auf meine Wangen. Ihr Parfüm roch nach Nacht und Abenteuer, wie die exotischen Büsche in meinem Traum. Es fühlte sich vertraut an, ihre Hände zu spüren, so natürlich.
Ich erzählte ihr, wie mein Vormittag in dem verhüllten Mietshaus abgelaufen war. Sie nickte, stellte Rückfragen und achtete streng darauf, dass ich zwischendurch immer wieder mal einen Schluck Mineralwasser zu mir nahm. Darin sah sie »das beste Rezept gegen Kopfschmerzen«. Ihre Fürsorge rührte mich, ich musste daran denken, dass ich sie gleich als eine Art enge Verbündete gesehen hatte.
Wieder überraschte sie mich mit ihrer Menschenkenntnis. »Soll ich dir was über denjenigen erzählen, den du an der Haustür gesehen hast?«
Erstaunt sah ich sie an: »Klar – ich erinnere mich ja an fast nichts!«
»Du kanntest ihn bislang nur ganz flüchtig. Vielleicht jemand aus der Firma, der dir mal auf dem Gang begegnet ist. Oder einer, den du in der Kantine an einem Tisch gesehen hast. Ein Gesicht, das du zwar abgespeichert hast, aber nur sehr oberflächlich.«
»Das würde erklären, warum ich mich an seinen Namen nicht erinnere; vielleicht kenne ich ihn nur vom Sehen.« Ich grübelte einen Moment. »Aber dieser Mensch wirkte irgendwie vertrauter auf mich, als hätte ich schon mit ihm gesprochen.«
»Das kam dir nur so vor, weil du etwas komplett anderes erwartet hast: Du rechnest damit, auf einen Fremden zu stoßen – und siehst aus den Augenwinkeln ein dir bekanntes Gesicht. In so einer Situation fühlt sich sogar ein äußerst fremder Mensch relativ vertraut an. Solche Streiche spielt uns die Wahrnehmung. In Vorstellungsgesprächen habe ich jeden Tag damit zu tun.«
»Und warum kam es mir dann so verdächtig vor, diesen Menschen dort im Hausflur anzutreffen?«
»Weil er sich verdächtig verhalten hat. Weil er vor dir weggelaufen ist.«
»Nein, ich hatte schon vorher das Gefühl, er habe in diesem Haus so gar nichts verloren. Wie soll ich dir das erklären? Stell dir vor, dein Postbote kommt plötzlich mit dem Auto eines Pizzaservices angebraust und bringt dein Abendessen. Etwas stimmt, er liefert ja immer Dinge aus. Aber etwas stimmt nicht, denn es sind definitiv keine Pizzen. Und du weißt: Der Kerl gehört in ein Postauto.« Ich fasste mir an meinen Kopf, der immer noch höllisch schmerzte. »Das klingt jetzt sehr wirr – oder?«
Sie streichelte über meine Bettdecke. »Nein, das passt zu meinem Gedanken: Du siehst jemanden, den du dort nicht vermutest. Und warum vermutest du ihn dort nicht? Weil du ihn aus einem anderen Zusammenhang kennst, wohl nur flüchtig. Du hast ihn zum Beispiel zweimal in der Kantine gesehen. Also ist die Kantine wie das Postauto – der Ort, wo du ihn vermutest. Deshalb deine Überraschung an der Haustür.«
Ich musste zugeben: Das klang plausibel – auch wenn mir mein Gefühl immer noch einredete, dass ich den Geflüchteten nicht nur vom Sehen kannte. »Aber ich begreife nicht: Warum läuft jemand, den ich flüchtig kenne, vor mir weg?«
»Vielleicht weiß er mehr über dich als du über ihn. Ich meine, du bist neu in der StageBau und hast zu einer brisanten Zeit bei uns angefangen – kurz nach dem Mord an Elfriede Jaspers. Das könnte Leute scheu machen, die was verbrochen haben.«
Sie sah mich nachdenklich an. »Geh doch noch mal in Gedanken zurück zu dem Moment, als die Haustür aufgeht: Was genau hast du da wahrgenommen? Glaubst du, dass es ein Mann oder eine Frau war?«
»Der Schlag mit der Holzlatte spricht eher für einen Mann! Ich musste vorhin zum CT, die Ärzte wollten eine Hirnblutung ausschließen. Mit einer schweren Gehirnerschütterung bin ich ja eigentlich schon ausreichend bedient.«
»Ich würde sagen: Dieser Schlag spricht absolut für eine Frau!«
Verwirrt sah ich sie an. »Wie meinst du das?«
»Ein Mann hätte dich auch anders überwältigen können. Aber ich habe mich gerade gefragt: Was hätte ich als Frau getan, dort unten im Keller? Du bist groß und wirkst sportlich.«
»Du überschätzt mich«, sagte ich – und verbarg meine Freude darüber, dass sie mir meine Vergangenheit als ehrgeizige Joggerin noch ansah. Auch wenn meine Muskeln mittlerweile nur noch den Stand-by-Modus kannten.
»Lass uns die Geschichte weiterspinnen«, sagte Marion. »Du kommst in meine Parzelle, ich kauere in einer Ecke und fühle mich in die Enge gedrängt. Gleich hast du mich entdeckt! Als Mann würde ich dich mit einem kräftigen Stoß auf den Boden rempeln und wegrennen. Es ist dunkel, du erkennst mich nicht. Aber als Frau, das leuchtet doch ein, brauche ich einen Hebel, der meine Kraft verstärkt. Und dann sehe ich die Holzlatte …«
Ich war fasziniert von ihrer Kombinationsgabe. Das alles klang logisch. War nicht schon die Flucht eine Überreaktion, die eher für eine Frau sprach? Ein cooler Killer, ein gespenstischer Typ, der bei seiner Flucht einen Hund erwürgte – es war übrigens der Hund Peter Heusers, der ihn während seiner Reise bei Elfriede Jaspers gelassen hatte –, ein solcher Killer wäre kaum bei meinem Anblick wie ein scheues Häslein die Kellertreppe hinabgesprungen. Aber welche Frau, bitte schön, interessierte sich für dieses Mietshaus, für diesen Mord, für meine Recherche?
Ich legte mich bequem hin, schloss die Augen und ließ die Bilder einfach vorüberziehen. Ich sah die Brücke wieder, das Geländer, den Hund, Hans-Otto Gleim. Ich sah eine Blutpfütze vor einem Schreibtisch, die ich aufwischte, nachdem Sebastian sich die Pulsadern aufgeritzt hatte. Ich sah einen verkohlten Redaktionskeller, in dem jemand Feuer gelegt und mir die Tat in die Schuhe geschoben hatte. Ich sah einen leeren Platz neben dem Kaufhaus, wo Ratte sonst immer Gitarre gespielt hatte, nun aber verschwunden war.
Alles, was ich sah, hatte mit höchster Gefahr zu tun. Und dann formte sich ein Gesicht vor meinem inneren Auge, ich sah es ganz deutlich, mit jeder Sommersprosse. Es war das Gesicht einer Frau, das ich zuletzt auf dem Rückweg vom Abaton gesehen hatte.