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Der Turban, den mir die Ärzte um den Kopf gewickelt hatten, sah aus wie ein weißes Vogelnest, oben war er weich gepolstert. Nun hatte ich endlich eine Krankheit, die sogar ein idiotischer Schaffner aus drei Waggons Entfernung erkannt hätte. Ich musste froh sein, dass die Sache nicht schlimmer ausgegangen war. Ein Bauarbeiter, der einen Eimer im Keller holen wollte, hatte mein Stöhnen gehört, mich in einer Blutlache entdeckt und den Krankenwagen gerufen. Ich war gerade noch wach genug, um eine feuchte Holzlatte, die neben mir lag, als Tatwerkzeug zu erkennen.

Tante Martha hatte ich dieselbe Geschichte wie den Ärzten erzählt: dass ich mich im Keller an einem scharfkantigen Eisenträger gestoßen hatte. »Warum lügst du mich an, Kind?«, fragte sie zurück und setzte ihre Drachentasse etwas zu laut auf der Tischplatte ab. Sie kannte mich schon ein Leben lang und durchschaute mich. Erstaunlicherweise arbeitete ihr Gedächtnis wieder wie eine Eins, seit ihr Arzt falsche Zuckerwerte als Ursache der Aussetzer festgestellt und mit Medikamenten gegengesteuert hatte. Ich wünschte, der reißende Wolf in meinem Gedächtnis ließe sich auch so leicht vertreiben.

Tante Martha fragte mehrfach nach, was wirklich in dem Keller geschehen sei, und ihre hochgezogene Augenbrauenjalousie signalisierte mir, dass ich mit Halbwahrheiten nicht durchkäme. Also erzählte ich ihr meine komplette Geschichte. Bislang hatte sie nur gewusst, dass ich für eine brisante Recherche in Hamburg war, aber nicht, in wessen Auftrag.

Nun saß sie mir am Wohnzimmertisch gegenüber und nippte an ihrem Lung-Ching-Tee, dessen süßlicher Duft sich mit ihrem Chanel N° 5 vereinte. »Kind, die machen dich zu ihrem Werkzeug. Du sagst, dass dieser Herr Stagemann zu den reichsten Deutschen gehört. Warum engagiert er dann nicht einen renommierten Privatdetektiv, sondern dich?«

Diese Frage hatte ich mir auch schon gestellt – und eine schlüssige Antwort gefunden: »Ich bin Journalistin, genau das ist mein Vorteil: Niemand hat auf dem Schirm, was ich wirklich in der Firma treibe. Dagegen könnte ein Promi-Detektiv schnell auffliegen, weil er in seiner Branche bekannt ist.«

Die Tante schüttelte den Kopf. »Aber ein Profi-Detektiv würde gewisslich nicht unbewaffnet in einen finsteren Keller laufen, wenn er weiß, dass dort jemand lauert. Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

»Zumindest, dass ich auf eigenen Füßen die Treppe wieder hochgehe. Hat nicht geklappt, ich gebe es zu.«

»Ein Umstand macht mich sehr skeptisch: dass du Herrn Stagemann nur ein einziges Mal gesehen hast. Die Welt ist doch groß genug, um allenthalben einen unauffälligen Treffpunkt zu finden. So ein reicher Mann könnte dich mit dem Hubschrauber einfliegen lassen.«

»Als wäre es unauffällig, wenn eine verschuldete Frau plötzlich Spazierflüge im Hubschrauber unternimmt. Aber beruhige dich, Tante: Jetzt am Wochenende werde ich Heiner Stagemann ja sehen.«

Sie schob die Drachentasse ein Stück von sich weg. »Und wenn du erschlagen worden wärst? Dann hätte der feine Herr Stagemann kein weiteres Treffen mit dir abgehalten.«

»Aber der Angriff auf mich hat ihn wachgerüttelt. Marion hat mir ausgerichtet, dass er entsetzt ist. Und ich habe gesagt: ›Jetzt will ich ein Treffen mit ihm, sonst bin ich draußen.‹ Und sie meinte: ›Kein Problem, genau das soll ich dir ja gerade vorschlagen. Am Samstag kommt er von einer Auslandsreise zurück, am Sonntag will er dich sehen.‹ Er wird nicht länger zuschauen, sondern eingreifen. Er stoppt diesen Wahnsinn, und ich bin so froh darüber.«

»Warte mit dem Frohsein, bis er wirklich zur Tat geschritten ist. Baldur hat immer gesagt: ›Viele Ankündigungen sind auch nur Kündigungen, und zwar solche der Wahrheit.‹«

»Du misstraust Heiner Stagemann?«

»Mir erscheint die ganze Angelegenheit äußerst mysteriös. Warum entscheidet er sich ausgerechnet für dich als Mitarbeiterin, unter Millionen anderen Möglichkeiten? Warum gibt es direkt nach deiner ersten Konversation mit ihm diesen vermaledeiten Einbruch in meine Wohnung? Denk doch nur an dieses Buch im Sekretär! Und warum trägt er eine Sonnenbrille, obwohl er dir dein tragbares Telefon mit Fotoapparat vorher weggenommen hat? Deine Tante ist alt und hat fürwahr ein schlechtes Gedächtnis. Aber auf den Kopf gefallen, Kind, das bin ich noch lange nicht.«

Nie wäre ich auf diese Idee gekommen, für mich war sie eine Marie Curie, noch dazu mit großem Herzen. Vor fünf Jahren, als die Herzschwäche meines Vaters in ihre Endphase ging, war sie in das Haus meiner Eltern gezogen und hatte sich drei Wochen liebevoll um ihn gekümmert. Es war so ein rührendes Bild für mich, wie sie, die ihrem Bruder schon das Laufen beigebracht hatte – das behauptete zumindest mein Vater –, ihn jetzt auf seinem letzten Gang begleitete. Stundenlang hatte sie an seinem Bett gesessen, geplaudert und erzählt. Oft, wenn ich das Haus betrat, hatte ich die beiden wie Kinder kichern gehört – als hätten sie die Geschichten aus der Jugend, die sie sich erzählten, wieder ins damalige Alter zurückversetzt.

Diese Heiterkeit erstaunte mich, denn eigentlich war mein Vater ein Mensch, der schwer am Leben trug. Er litt mit seinen Patienten, und wenn einer starb, starb auch etwas in ihm. Da kamen Hunderte von Toden zusammen. Und der Krebstod meiner Mutter hatte einen Schatten auf sein Leben geworfen, aus dem er nie mehr hervorgetreten war.

Aber seine ältere Schwester, die wunderbare Martha, hatte es sogar am Sterbebett noch fertiggebracht, ihren kleinen Bruder aufzuheitern. Immer war er derjenige gewesen, der sich um andere gekümmert hatte, der niemanden belasten wollte. Nur bei ihr ließ er zu, dass sie sich um ihn kümmerte – weil er spürte, dass er keine Last für sie war. Sondern der kleine, immer noch sehr geliebte Bruder.

Bei meinem letzten Gespräch mit ihm – es war ein Samstag im November, Regen prasselte an die Scheibe des Schlafzimmers – sagte er zu mir: »Susanne, ich habe ein Menschenleben auf dem Gewissen. Ich hatte nie den Mut, mit dir darüber zu reden. Martha weiß alles, sie wird mit dir darüber sprechen, zur richtigen Zeit.« Ich hakte zaghaft nach, er blockte aber ab und schien mir zu verletzlich, um ihn mit weiteren Fragen zu löchern.

Nach seinem Tod hatte Martha mich erst vertröstet, weil sie mich nicht belasten wollte, wie sie sagte. Aber das Gegenteil geschah: Der Motor meiner negativen Fantasien drehte sich auf Hochtouren. Erst hatte ich mir einen ärztlichen Kunstfehler ausgemalt, dann einen schuldhaften Verkehrsunfall, und schließlich dachte ich über Mord und Totschlag nach. Gab es eine finstere Seite meines Vaters, die mir nie begegnet war? Und wann war das Unfassbare geschehen? In der Wirtschaftswunderzeit? Oder als ich schon auf der Welt war?

Sechs Monate später, bei einem Spaziergang an der Alster, hatte mir Martha endlich erzählt, wen mein Vater »auf dem Gewissen« hatte: meine Mutter. Er hatte, als die Schmerzen unerträglich wurden, illegale Sterbehilfe geleistet, auf ihren Wunsch. Er, dem schon der Tod fremder Patienten zusetzte, hatte das Leben seiner Frau beendet. Und damit war auch ein Stück seines eigenen Lebens erloschen: Blut wich aus seinem Gesicht, Freude aus seinem Leben, diese emotionale Lähmung blieb bis zu seinem Ende.

Mein Wunsch, die Mutter in den Tod zu begleiten, war durch seinen Anruf mit der Trauernachricht – »Jetzt ist es doch schon passiert, überraschend schnell!« – hinfällig geworden. War das der Grund, warum ihn die Gewissensbisse bis aufs Totenbett quälten? Falls ja, hätte ich ihm so gern noch gesagt: Papa, ich bin mit deinem Handeln einverstanden – du hast Mama erlöst! Und ich wusste, warum er mich nicht eingeweiht hatte: Er wollte mir den Gewissenskonflikt ersparen.

Tante Martha stellte ihre Drachentasse ab. »Du schweigst so lang, Kind. Teilst du meine Meinung, dass dieser Herr Stagemann sich verdächtig verhält?«

Ich zwang mich in die Gegenwart zurück. »Aber jemand, der selbst ein schlechtes Gewissen hat, würde sich keine Ermittlerin ins Haus holen. Es spricht doch für ihn, dass er eine Aufklärung anschiebt. Und die dramatischen Dinge – der Mord an Elfriede Jaspers, der zugemauerte Kamin – waren doch schon geschehen, als er mich angeheuert hat.«

»Dann gestatte mir eine Hypothese, aber sei bitte nicht beleidigt, hörst du, Kind?«

Ich schüttelte den Kopf, und sie sprach weiter.

»Ein Mann, der einen kriminellen Sachverhalt wirklich aufklären will, heuert einen Profi an. Aber ein Mann, der die Aufklärung mitnichten wünscht, heuert …«

Ich unterbrach sie: »Sag jetzt nicht: ›heuert eine Aufklärungsamateurin an‹, sonst bin ich doch beleidigt. Recherchieren kann ich als Journalistin mindestens so gut wie ein Detektiv. Und Heiner Stagemann ist bestimmt kein durchtriebener Bösewicht: Marion sagt, dass er sozial ist, viel Geld spendet und niemanden hängen lässt.«

Tante Marthas Zeigefinger kreiste schon einige Zeit durch den Tassengriff, jetzt beschleunigte er. »Tauschen wir uns da über denselben Mann aus? Ich finde, er hat dich allenthalben hängen lassen.«

»Das kann man so nicht sagen«, behauptete ich. Interessanterweise brachte mich Marthas Position dazu, mehr Verständnis für ihn zu entwickeln. Oder hatte sich mein Bild von ihm verändert, seit er einem Treffen mit mir zugestimmt hatte, seit ich wusste, er würde endlich eingreifen? Darauf hatte ich schon die ganze Zeit gehofft.

Ihre Augenbrauenjalousie fuhr nach oben, sie wollte wieder in meinen Kopf schauen. »Was genau, Kind, versprichst du dir jetzt von dem Gespräch mit ihm? Wenn du das definierst, können wir später schauen, ob es auch eingetroffen ist.«

Aha, die Physikerin ordnete ihr Experiment an. Ich ging darauf ein: »Also gut, drei Punkte: Erstens muss er sofort das Bordell in der Nachbarwohnung der Weigels räumen – ich stehe bei diesen Leuten im Wort. Zweitens muss er die Sache mit dem zugemauerten Kamin an die Polizei übergeben – das muss verfolgt werden. Und drittens muss er in seiner Firma jeden Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, wer etwas mit dem Tod von Elfriede Jaspers zu tun hat.«

»Wäre es nicht klüger, dass du erst mal falsifizierst, also Argumente gegen diese These sammelst? Womöglich war dieser Mord, trotz all der anderen Unregelmäßigkeiten, wirklich nur ein vermaledeiter Zufall.«

»Aber irgendeinen Zusammenhang zur StageBau muss es geben.« Ich tippte auf meinen Hinterkopf. »Ein neutraler Täter hätte keinen Anlass gehabt, mir eins mit einer feuchten Holzlatte überzubraten.« In Gedanken fügte ich die Frage hinzu: Was hatte Jane Sternberg, falls sie die Täterin war, mit der StageBau am Hut?

Martha atmete schwer aus. »Das würde bedeuten: Jemand weiß, dass du als verdeckte Ermittlerin unterwegs bist. Dann befindest du dich gewisslich in höchster Gefahr.«

»Und du, Martha, gleich doppelt: weil du Mieterin der StageBau bist – und weil ich bei dir wohne. Wir müssen vorsichtig sein.«

»Das Schloss an der Wohnungstür ist ja schon ausgewechselt.«

»Aber das allein reicht nicht. Wir müssen uns noch etwas Besseres einfallen lassen!«