Tosend stürzte sich das Wasser über die Schwelle, bohrte sich mit Strudeln in die Tiefe und flutete dann, Dutzende von Schaumkronen tragend, unter den Bögen der großen Brücke hindurch. Ich ankerte hinter den Brückenpfeilern, die Alster führte Hochwasser und schaukelte mein kleines Boot wie eine Nussschale hin und her.
Ich sah auf den Fluss, und mein kleines Teufelchen flüsterte: Eine falsche Bewegung, Susanne, und das Wasser hat dich für immer, durchdringt die Daunen deines dicken Anoraks, füllt deine Gummistiefel wie mit Blei und zieht dich runter auf den Grund. Jedes Jahr kamen Angler beim Bootsangeln ums Leben. Dass man schwimmen konnte, brachte herzlich wenig, wenn die Kleidung zu schwer und das Wasser zu kalt war.
Ich musste an ein Gedicht von Rainer Maria Rilke denken, das mich als Jugendliche fasziniert hatte:
Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Wenn Rilke schrieb, dass wir dem Tod gehörten, wer wollte ihm da widersprechen? Eine falsche Entscheidung, etwa dass man eine Kellertreppe hinabging, statt sie zu meiden, schon konnte der Ofen aus sein. Ich hatte viel Glück und wenig Verstand gehabt.
In meinem Vater hatte der Tod sein Leben lang geweint, ganz leise. Jedes Lächeln, das er sich abrang, war von einer weisen Traurigkeit durchdrungen. Oft hatte er von Menschen erzählt, die optimistisch in die Klinik spazierten, zum Beispiel wegen Heiserkeit – und die gebrochen hinausschlichen, etwa mit einer Lungenkrebsdiagnose.
Später sah er diese Menschen ihr letztes Bett auf seiner Station beziehen, sah das Leben aus ihnen schwinden wie die Luft aus einem Ballon, der so lange erschlafft, bis nur noch eine leere, verschrumpelte Hülle übrig bleibt. Und er litt wie ein Hund, dass er diesen Niedergang trotz all seiner ärztlichen Finesse nicht verhindern konnte. Seine Gutherzigkeit war ein Segen für seine Patienten – und ein Fluch für ihn selbst.
Nur am Wasser beim Angeln, wenn das Plätschern der Wellen seine Gedanken wiegte, hatte ich ihn vollkommen entspannt erlebt. Als Mädchen habe ich ihn immer begleitet. Es waren meine schönsten Momente mit ihm. Indem ich bis heute angelte, hielt ich meinen Vater lebendig.
Mein Angelplatz hinter einem Brückenpfeiler der Schleuse in Ohlsdorf – ausgerechnet Ohlsdorf, wo doch der Friedhof lag! – war mit Bedacht gewählt: Die Weißfische liebten es, im Schatten der Strömung zu stehen, hier sparten sie Kraft. Meine beiden Schwimmer kreisten in der Kehrströmung vor dem Ruderboot, die Haken mit Dosenmais beködert. Manchmal legte sich eine Schaumkrone um einen Schwimmer, dann sah es aus, als ragte eine rote Spitze aus weißem Styropor.
Mein Mund war trocken, ich griff zu meiner Wasserflasche im Boot und nahm einen Schluck. Dann strich ich zärtlich über den Korkgriff meiner Angelrute, ein Erbstück meines Vaters. Einen ganzen Keller voller Angelgerät hatte er mir hinterlassen. Wenn ich seine Angelrute berührte, berührte er mich. Das Hobby mit dem Haken hielt uns zusammen.
Von meiner Mutter aber war mir nur ein wichtiges Erbstück geblieben: der goldene Armreif. Als der Gerichtsvollzieher ihn mir weggenommen hatte, war es, als hätte er mir das Andenken an meine Mutter aus dem Herzen gerissen. Was war ich nur für eine miserable Tochter, dass ich ihr Andenken verzockt hatte! Für die Krankheit konnte ich nichts. Aber dass ich mich in meinem Elend eingerichtet, Rechnungen der Schublade überlassen und meine tägliche Dosis Leben nur noch aus der Glotze bezogen hatte, das war hausgemachte Dummheit.
Mit einem tiefen Atemzug sog ich die Herbstluft ein, der Wasserstaub der Schleuse verlieh ihr eine angenehme Frische. Ich spürte, wie sich meine Brust von der aufziehenden Enge befreite. Ein glücklicher Gedanke tanzte in meinem Kopf die Trübsal weg: Ich würde meinen Fehler wiedergutmachen können. Aus dem Internetkatalog des Auktionshauses Reinstadt wusste ich, dass der goldene Armreif kommenden Dienstag mit einem Startpreis von 2.250 Euro versteigert würde. Der Termin traf sich gut, denn bis dahin würde ich das erste Gehalt auf meinem Konto haben. Mama, ich hole deinen Reif zurück, ich lass mir dich nicht aus dem Herzen reißen, versprochen!
Ich griff zu meiner Wasserflasche und nahm erneut einen Schluck. Da! Die rote Schwimmerspitze rechts vorm Boot zuckte und wanderte zur Seite. Ein Fisch hatte mein Maiskorn im Maul und zog ab damit. Schwungvoll hob ich die Rute an. Die Spitze bog sich, ich spürte die Kopfstöße des Fisches. Es waren stetige, eher träge Fluchten, wahrscheinlich ein Brassen. Ich kurbelte ihn zur Oberfläche und fuhr mein Keschernetz aus. Doch gerade als ich den Brassen landen wollte, schlitzte der Haken aus – und meine Pose sauste wie der Pfeil eines Flitzebogens nach oben.
Eine falsche Entscheidung, dachte ich, etwa dass man ein Maiskorn frisst, statt es zu meiden, schon konnte der Ofen aus sein. Aber dieser Brassen war mein Verwandter: Auch er hatte mehr Glück als Verstand gehabt.
Vielleicht hatte ich ja zur Abwechslung mal eine Glückssträhne. Der Knallfrosch in meiner Brust hielt ruhig, obwohl ich gerade mal wieder dem Tod von der Schippe gesprungen war. Vor allem hatte ich endlich, drei Wochen nach meinem Start in der Firma, wieder ein Date mit Heiner Stagemann. Am Sonntag waren wir um fünf Uhr früh in der Tiefgarage des Atlantic verabredet. Den Ort und die Zeit fand ich unheimlich, denn mit finsteren Räumen unter der Erde hatte ich in letzter Zeit schlechte Erfahrungen gemacht. Aber sicher würde er nicht mit einer Holzlatte, sondern mit seiner Stretchlimousine auf mich warten. Dass er sich überhaupt auf meinen Wunsch mit mir traf, ließ sich ja schon als fortgeschrittenes Vertrauen deuten.
Ich fieberte diesem Treffen entgegen, denn ich wusste: Wenn er mit seiner Faust auf den Tisch schlug, würden sich die Dinge in der StageBau verändern. Vielleicht machte ich damit meinen eigenen Arbeitsplatz hinfällig, aber das war mir egal. Hauptsache, den bedrohten Mietern wurde geholfen, vor allem den Weigels – ich stand im Ehrenwort. Was würde Frau Weigel wohl sagen, wenn ich ihr sagen konnte: »Ab heute ist dieses Haus keine Baustelle mehr – und das Bordell in der Nebenwohnung wird in fünf Minuten geräumt.« Ich sah sie schon loslaufen, um die gute Nachricht ihrem »Hermann-Schatz« ans Krankenbett zu bringen. Sicher wäre diese Botschaft für ihn die beste Medizin der Welt gewesen.
Ich kippte den Rest meiner Maisdose über Bord – Futter für die Fische –, holte den Anker hoch und ruderte die Alster hinab. Das Boot hatte mir Marion organisiert: Es gehörte zum Inventar einer leer stehenden Villa mit Ufergrundstück und lag unter einer alten Trauerweide. Der Besitzer hatte den Makler der StageBau gebeten, das Boot zu entsorgen – es war winzig und verbeult, passte nicht zu der hochwertigen Immobilie. Aber die Besichtigungen in dem Haus standen erst in einigen Wochen an, so lange blieb das Boot dort noch liegen. Am Samstag würde ich erneut zum Angeln fahren, um mein Gespräch mit Stagemann auf dem Wasser in Gedanken vorzubereiten.
Ich ruderte auf das Grundstück der Villa zu, manövrierte den Kahn unter die Trauerweide und knotete ihn an. Dann räumte ich mein Angelzeug aus, hängte mir das Rutenfutteral um, schnappte die schwere Gerätekiste und den Eimer. Die halb volle Wasserflasche ließ ich im Boot, ich würde sie am Samstag noch gebrauchen können.
Als ich das Grundstück der Villa durch das Eingangstor verließ – Marion hatte mir einen Schlüssel besorgt –, drehte sich ein Mann mit beigem Mantel auf der angrenzenden Straße um und eilte mit großen Schritten davon. Hatte der Kerl nicht gerade noch in meine Richtung gestarrt?