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Der Straßenlotse

Haben Sie schon einmal gehört, was die Damen auf der Reeperbahn behaupten? Dass sie das älteste Gewerbe der Welt betreiben. Hier muss ich, in aller Bescheidenheit, meinen historisch fundierten Widerspruch erheben. Glauben Sie jetzt bitte nicht, dass ich mich mit diesen »Damen« direkt austausche, denn ich bin kein Mann, der Geldscheine hinblättern muss, damit die Frauen ihn wahr- und mit ins Bett nehmen. Ich darf behaupten, dass meine Umgangsformen und mein Charme denselben Zweck erfüllen, auf höherem Niveau.

Die meisten Menschen, die mich in meinem Hauptberuf kennen, halten mich für einen verheirateten Mann, wozu ein Ehering an meinem Finger beiträgt. Dass dies meine Attraktion auf Frauen nicht gerade schmälert, liegt auf der Hand; was schwer zu kriegen ist, ist stets begehrter.

Hier sehe ich eine Parallele zu meiner exotischen Freizeitbeschäftigung: Wenn die Straße, über die ich jemanden bringen soll, frei von Hindernissen ist – worin liegt dann der Kick? Gut, bei dem Mütterchen kam mir ein überraschendes Hindernis in den Weg. Aber Sie werden zugeben, dass ich diese Herausforderung mit einem hohen Maß an Kreativität gelöst habe, wenn auch zum Preis von Schlagzeilen. Aber es gibt schlimmere Strafen, als die Titelseiten zu dominieren. Einige »Berufskiller«, die ihren Lebensabend bei Wasser und Brot im Gefängnis Fuhlsbüttel verbringen, könnten Ihnen dazu ein paar Takte erzählen.

Welches Gewerbe tatsächlich das älteste der Welt ist? Fragen Sie mal Kain, ob er nicht einem gewissen Abel über die Straße geholfen hat. Menschen wie ich waren schon immer gefragt – auch wenn ich zugeben muss, dass meine Geschäfte von Jahr zu Jahr besser laufen. Mein neuester Auftrag ist höchst attraktiv.

Die Zielperson hat ihre Nase zu tief in die Angelegenheit von Leuten gesteckt, die keinen Spaß verstehen. Offenbar fühlte sich jemand in der Immobilienbranche bedroht, weil er sein kleines Geheimnis nicht unbedingt mit der Staatsanwaltschaft teilen will. Dieser Umstand verschafft mir die Ehre, dass ich die Zielperson auf die andere Straßenseite begleiten und von der Qual ihrer Neugier erlösen darf. So gesehen hat mein Auftrag sogar Hospizcharakter.

Das Anforderungsprofil entspricht ganz meinem Geschmack: Die Zielperson sollte spurlos über die Straße begleitet werden – Sie wissen, ich bin gegen rohe Gewalt –, es muss nach einem Unfall aussehen. Im Grunde können Sie den Auftraggeber beglückwünschen, dass er sich mit dieser heiklen Aufgabe nicht an einen brutalen Hohlkopf, sondern an mich gewandt hat.

Seit einiger Zeit liege ich schon auf der Lauer, um die Zielperson zu beobachten. Ich habe ihre Gewohnheiten studiert, kenne ihre Pläne und weiß daher genau, was sie am kommenden Samstag plant – glücklicherweise in einem Element, in dem ein Mensch schnell mal ums Leben kommt.

Und ich weiß, dass bei der geplanten Tätigkeit gern mal ein Schluck Mineralwasser getrunken wird. Der Clou: Ich habe die Gelegenheit, dieses Wasser mit einem, sagen wir, besonderen Wirkstoff zu veredeln. Deshalb wird der Gang über die Straße nach einem tragischen Unfall aussehen, ohne Risiko für mich: Ich werde meilenweit entfernt sein, wenn es passiert, und auf eine Meldung in den Nachrichten warten.

Ich könnte jetzt »Prost« sagen, aber sicher ahnen Sie, dass man in meinen Kreisen »zum Wohle« bevorzugt – und beim Essen niemals vergisst, sich die Lippen an der Serviette abzutupfen, ehe man sie ans Weinglas führt.

Leute wie ich hinterlassen nicht gern Spuren.