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Das Ruderboot lag da, wie ich es hinterlassen hatte, dümpelnd unter der Trauerweide. Der Herbst hatte den Kahn mit gelborangen Blättern bestreut, eines davon klebte auf dem Deckel meiner Wasserflasche, es sah aus wie ein lustiger Propeller.

Morgennebel dampfte aus dem Fluss, ein Haubentaucher flatterte davon, und vom Uferweg gegenüber hörte ich das Keuchen eines Joggers. Ich lud mein Angelgerät ein, löste das Boot und ruderte wieder in Richtung der Schleuse. Dabei atmete ich frische Herbstluft ein, mit einem Schuss Benzin, das von der Alsterdorfer Straße rüber zum Fluss wehte.

Die Woche war auf schnellen Füßen an mir vorbeigeeilt. Dr. Otten, der freundliche Hausarzt von Tante Martha, hatte mich für drei Tage krankgeschrieben. Er war noch ein Mediziner der alten Schule, verbeugte sich bei der Begrüßung, erkundigte sich nach der Tante und nahm sich Zeit für ein langes Gespräch. Ich fürchtete, er hatte mir den Unfall im Keller nicht abgenommen, aber für Widerspruch war er viel zu höflich. Am Ende verschrieb er mir keine chemischen Keulen, sondern empfahl einen Gedichtband: Doktor Erich Kästners lyrische Hausapotheke.

Einen solchen Arzt, belesen, eloquent und menschenfreundlich, hätte ich mir auch in Reinstadt gewünscht. Tante Martha hielt große Stücke auf ihn, er machte noch Hausbesuche, und für Notfälle besaß er sogar einen Schlüssel ihrer Wohnung. Wahrscheinlich nur den alten.

Zu gern hätte ich Jane Sternberg wieder getroffen. Doch es war, als spräche ich meine Nachrichten nicht auf ihre Mailbox, sondern in einen tiefen Brunnen – keine Resonanz. Offenbar suchte sie nicht gerade den Kontakt mit mir. Dann würde ich sie halt vor dem Verlagsgebäude abfangen. Mal schauen, wie mutig die sommersprossige Jane mir begegnete, wenn mal gerade keine Holzlatte zur Hand war.

Meine Recherchen im Internet hatten mir die Augen geöffnet: Frank von Leibringen, ihr Chefredakteur, übte einen lukrativen Nebenjob aus; er trat bei Kundenevents der StageBau als Moderator auf. In ganz Deutschland fanden Podiumsdiskussionen statt, ein Wanderzirkus von Stadt zu Stadt, die Überschrift sagte alles: »Immobilie statt Aktie: Warum städtischer Wohnraum ein Investment mit Zukunft ist.«

Ein Stadtentwickler, ein Finanzguru, ein Architekt und Patricia Stagemann »diskutierten« eineinhalb Stunden vor potenziellen Immobilienkäufern, ehe das Buffet eröffnet und Nachschub an Champagner gereicht wurde.

Schon aus den Kurzporträts der Teilnehmer ging hervor, dass sie alle einer Meinung waren: Der Stadtentwickler bejubelte den Trend zur Luxuswohnung, der Finanzguru pries die Rendite von Immobilien, der Architekt sang ein hohes Lied auf die Renovierung bestehenden Wohnraums und die Schaffung neuer Topimmobilien. Und nachdem dieser Werbechor den Hunger auf Immobilien geweckt hatte, musste Patricia Stagemann ihre Angebote nur noch unters kaufkräftige Volk streuen.

Natürlich kein Wort davon, mit welchen Methoden die StageBau ihre Häuser von Altmietern säuberte. Mit dem Hinweis auf zugemauerte Kamine, selbst organisierte Bordelle, Lärmterror oder Buttersäureattentate hätte man hier nur die Stimmung verdorben. Von einem Mord ganz zu schweigen.

Frank von Leibringen war bei einer bekannten Redneragentur als Moderator gelistet, ich hatte unter Pseudonym um ein Angebot gebeten. Der Mann kostete 6.750 Euro am Abend. Pro Jahr waren von der StageBau vierundzwanzig Podiumsdiskussionen angesetzt, das ergab eine Zusatzeinnahme von 162.000 Euro. Hinzu kam, dass die Wochenendausgabe der Hamburger Allgemeinen von Immobilieninseraten der StageBau dominiert wurde – wohl eine der Geldquellen, aus denen der Verlag sein protziges Gebäude finanzierte.

Völlig klar, dass kritische Berichte über die StageBau in dieser Zeitung so wenig erwünscht waren wie Gotteslästerung in einem Amtsblatt der Kirche. Zwar hatte mir Jane Sternberg nach unserem Abend im Abaton versprochen, Überzeugungsarbeit bei ihrem Chefredakteur zu leisten, aber das war wohl nur Hinhaltetaktik gewesen.

Mein Boot glitt vor die Brücke der Ohlsdorfer Schleuse. Ich kletterte ins Heck, ließ den Klappanker zum Grund sausen und gab Leine, bis die Strömung mein Boot über denselben Platz wie beim letzten Mal getragen hatte. Nun ließ ich den zweiten Anker direkt am Boot runter. An dieser Stelle hatte ich den Mais gefüttert. Die Brassen und Rotaugen waren intelligent genug, sich einen solchen Platz zu merken und ihn wieder aufzusuchen.

Die Strömung rauschte bedrohlich schnell. Ich achtete auf mein Gleichgewicht in dem kleinen, wackligen Boot, während ich meine Angelruten zusammensteckte, meine Haken mit Mais beköderte und meine Schwimmer ins Wasser gleiten ließ.

Das Rudern hatte mich ins Schwitzen gebracht, ich griff zur Wasserflasche. Witzig, dieses Trauerweidenblatt auf dem Deckel, ich zupfte es beiseite. Gedankenverloren schraubte ich den Deckel auf und führte die Flasche zu meinem Mund.

Ein Handyanruf unterbrach mich mitten in der Bewegung. Die Nummer war unterdrückt, vielleicht Heiner Stagemann. Ich meldete mich: »Susanne Mikula«.

Eine Männerstimme, die mir bekannt vorkam, blaffte ins Telefon: »Spreche ich mit der Journalistin Susanne Mikula – oder mit der Diebin?«

Es war Friedhelm Ganter, und er klang nicht so, als wollte er mich auf einen Cat-Stevens-Abend einladen.

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden«, sagte ich.

»Und wenn es Kamerabilder gibt, die Sie dabei zeigen, wie Sie in mein Büro schleichen, die Mappe vom Tisch nehmen und unauffällig einstecken – was dann?«

An die Möglichkeit, dass sein Büro von einer Kamera überwacht war, hatte ich nicht gedacht. »Ich habe Ihnen nichts geklaut«, sagte ich – was fast stimmte, denn ich betrachtete die Mappe nur als Leihgabe.

»Dann hat mir also ein Wind diese Unterlage vom Tisch geweht?«

»An manchen Orten herrscht schon Chaos, ehe der Sturm kommt. Wenn so eine Mappe auf dem falschen Stapel landet, ist sie vorübergehend verschwunden.«

Er verstand meine Andeutung: »Wollen Sie mein Büro etwa als Mega-Schweinestall bezeichnen?«

»Nie käme ich dazu.«

Er seufzte. »Es stimmt, bei mir herrscht immer Chaos auf dem Tisch. Aber ich habe alles schon dreimal nach der Akte durchsucht – ohne Erfolg.«

Aha, es gab also doch keine Kameraaufzeichnung, sonst hätte er nicht gesucht. Und sich früher bei mir gemeldet.

»Wer könnte ein Interesse haben, Ihnen diese Akte wegzunehmen?«, fragte ich.

»Ich habe an Sie gedacht. Denn Sie haben nach der StageBau gefragt. Und ich hatte die rote Mappe erwähnt.«

Ich bemühte mich um einen ahnungslosen Ton. »Das heißt: In der Akte geht es um die StageBau

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Sobald von der StageBau die Rede ist, sagen Sie ohnehin recht wenig.«

»Ich muss vorsichtig sein. Ich will nicht verklagt werden.«

»Aber andere Firmen könnten Sie auch verklagen. Zum Beispiel haben Sie die Omnor AG namentlich kritisiert. Die können doch auch scharf schießen.«

Er schwieg einen Moment. »Wollen Sie mir unterstellen, dass ich ein Mega-Heuchler bin, von der StageBau gekauft?«

»Nie käme ich dazu.«

»Das wird Konsequenzen haben, das verspreche ich Ihnen«, sagte er – und sein Ton klang unangemessen freundlich, als ob er dabei lächeln würde.

»Welche Konsequenzen?«

»Ein Abendessen zu zweit. Zur Versöhnung. Bin ich Ihnen nicht noch die Antwort schuldig, wie man schon ›mit Anfang zwanzig Geschäftsführer wird‹?«

»Wollen Sie denn mit einer Diebin zu Abend essen?«

»Kommt drauf an, was Sie mir als Nächstes klauen. Nicht nur Mappen sind rot.«

Spielte er auf sein Herz an? Einen Moment war ich unsicher, ob er mir eine Falle stellte. Doch ich dachte an seine frechen Naturlocken, an seinen fünf Tage alten Dreitagebart und an einen Cat-Stevens-Abend – und versprach ihm, über sein Angebot nachzudenken. Das schien mir klüger als ein allzu begeistertes Ja. Er erzählte noch, in welcher Bar er üblicherweise seine Abende verbrachte.

Als ich aufgelegt hatte, fühlte ich mich beschwingt wie ein Teenager vor dem ersten Date. Meine Angelruten hatte ich völlig aus dem Blick verloren. Wenn das so weiterging, würde ich nie einen Fisch fangen.

Ich schnappte die Wasserflasche erneut, ich hatte Durst. Der Deckel war noch offen, ich hob sie an. Die Flasche war schon kurz vor meinem Mund, da tauchte mein Schwimmer unter. Ich stellte die Flasche wieder ab und schlug an. Ein Brassen von etwa drei Pfund, diesmal fing ich ihn. Ich löste den Haken mit der Arterienklemme und ließ den Fisch wieder schwimmen.

Jetzt begann die Beißphase! Ich beschloss, das Handy für den restlichen Angeltag auszuschalten. Nur wollte ich vorher noch rasch die Nachrichten des Tages überfliegen. Ich wischte übers Display. Eine Schlagzeile sprang mir ins Gesicht und traf mich wie der Schlag mit der Holzlatte im Keller. Ungläubig starrte ich auf den kleinen Bildschirm, und mir war klar: Jetzt würde nichts bleiben, wie es bislang war. Und der Knallfrosch in meiner Brust hüpfte wild, als wollte er meinen Körper in Stücke reißen. Tief atmen, Susanne, tief atmen.

Ich griff zur Wasserflasche und legte meinen Kopf nach hinten. Der Flaschenhals an meinen Lippen fühlte sich wie ein Beatmungsschlauch an. Ich nahm einen tiefen Schluck und spürte die Flüssigkeit durch meinen engen Hals rinnen.

Mir wurde schwindlig, und ein Schleier senkte sich vor meine Augen. Ich hielt mich an der Bootswand fest.