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Der Straßenlotse

Ich hoffe, Sie halten mich nicht für eingebildet, aber ich muss es einfach sagen: Mein Plan ist aufgegangen wie ein Soufflé im Backofen. Mittlerweile haben die Medien mir bestätigt, worauf ich gehofft hatte. Mein Auftraggeber dürfte begeistert sein, auch wenn es in dieser Branche unüblich ist, für meine einwandfreie Arbeit eine nette Referenz auszustellen. Aber die Zielperson wird niemandem mehr schaden, höchstens der Qualität des Wassers, in dem ihr Körper jetzt dümpelt.

Wie mögen die letzten Minuten abgelaufen sein? Bestimmt eine große Überraschung, wenn man das Wasser auf sich zurasen sieht, eintaucht und dann von den Fluten umarmt wird. Glauben Sie mir, der Sprung ins Wasserbett ist eine feine Sache, man wird nicht einmal von seinen eigenen Schreien belästigt, alles läuft geräuschlos und diskret ab. Manchmal ertrinken Menschen, ohne um Hilfe zu rufen, das liegt an der Hyperventilation. Und spätestens nach fünf Minuten hat man die Straßenseite gewechselt.

Wussten Sie, dass der menschliche Körper, wenn er überraschend ins Wasser taucht, automatisch tief einatmet? Dafür sorgen die Wärmerezeptoren, diesen Vorgang nennen wir »Inspiration«. Danach, in der Apnoe, der zweiten Phase des Ertrinkens, wehrt sich der Mensch gegen diesen Reflex und hält seinen Atem an. Im kalten Wasser gelingt das nur zehn Sekunden. Die Kohlendioxidkonzentration im Wasser steigt höher, als es das Atemzentrum toleriert – weshalb der Mensch unwillkürlich einige Atemzüge nimmt, wir nennen das »Dyspnoe«.

Dann passiert das Unvermeidbare: Wasser flutet den Kehlkopf, und bei dem Versuch, es wieder rauszuhusten, öffnet sich die körpereigene Schleuse, neues Wasser dringt ein – und den Rest der Geschichte können Sie sich ausmalen, er ähnelt dem Ersticken an Land, und über dieses Thema haben wir uns ja bereits ausgetauscht, Stichwort Mütterchen. All dies setzt natürlich voraus, dass der Einschlag ins Wasser nicht schon tödlich verläuft.

Und während ein Unfall an Land viele Spuren hinterlässt, besitzt Wasser die freundliche Eigenschaft, viele Spuren zu verwischen. Das gilt schon direkt nach dem »Unfall«. Ich frage mich, welches Bild mag sich geboten haben? Zuerst hat es sicherlich geklatscht, das Wasser spritzte, war aufgewühlt, Wellen haben zu allen Seiten geschlagen.

Aber dann, als das Wasser mit seinen Armen nach unten zog, was ihm gehörte, lag die Oberfläche wieder da wie zuvor. Dann trieben die Schaumkronen wieder dahin, als wäre nichts passiert. Dann kreischten die Möwen, als wäre nichts passiert. Dann heulte der Wind, als wäre nichts passiert. So liebe ich es: diskret und unauffällig, Arbeit unter der Oberfläche.

Und mit meiner Expertise darf ich Ihnen sagen, dass es aussichtsreichere Unterfangen als die Obduktion einer Wasserleiche gibt, zumal die Schleimhaut am Mageneingang reißen, das Wasser tief eindringen und eine rasche Fäulnis einsetzen kann. Je nachdem, wie lang ein Mensch im Wasser liegt, quillt die Haut auf und verfärbt sich, löst sich in Streifen ab, und die Nägel fallen aus. Am Ende umschließen Algen den Körper, als wäre er ein Stück Totholz.

Und am schwierigsten ist die Obduktion einer Leiche, die gar nicht erst gefunden wird.