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Bislang war ich sicher gewesen, dass es nur einen Weg gab, Iris sprachlos zu machen: ein dickes Kreppband vor ihrem Mund. Niemand sprudelte seine Sätze so spontan hervor wie sie. Aber jetzt, als ich von dem Unglück erzählt hatte, schwieg mich das andere Ende der Leitung an.

»Iris, bist du noch dran?«, fragte ich. Keine Antwort. »Iris, hallo?«

»Ich bin – bin fassungslos, Prinzessin!«

»Dann sind wir schon zwei Fassungslose. Und wie geht’s jetzt weiter?«

»Auflegen und noch mal anrufen?«

»Ich meine: Wie geht es weiter mit mir? Das hat doch keinen Zweck mehr, dass ich bleibe, jetzt!«

»Hey, Prinzessin, mach keinen Kokolores! Du darfst nicht aufgeben! Jetzt gibt’s schon zwei Mordopfer. Und keine Sau weiß, wer das dritte sein wird!«

»Ich hab da so eine Ahnung. Der Schlag mit der Latte war nicht gerade eine Streicheleinheit. Und jetzt wird die Sache noch viel gefährlicher für mich. Bislang war ich Seiltänzerin mit Netz. Nun klafft unter mir ein Abgrund.«

»Pfeif drauf! Wenn das eine Netz weg ist, dann hängst du halt ein neues auf. Lass dir von Marion eins knüpfen!«

»Aber Marion ist nur Personalchefin. Was soll sie denn gegen Patricia Stagemann ausrichten? Vergiss nicht, bis jetzt hatte ich den obersten Boss hinter mir. Er wollte aufklären, welche schmutzigen Geschäfte da laufen. Und nun sind nur noch diejenigen übrig, die genau diese Geschäfte betreiben und vertuschen wollen.«

»Hey, Prinzessin, eins ist doch klar wie Kloßbrühe: Es war sein Wunsch, dass du denen den Arsch aufreißt. Also musst du das auch machen, hörst du?«

»Dieser Wunsch hat Heiner Stagemann womöglich sein Leben gekostet, Iris! Ich bin sicher, dass sein kleines Privatflugzeug nicht zufällig ins Meer gestürzt ist. Da hat jemand nachgeholfen.«

»Sag ich doch! Deck es auf, fahr ihnen an den Karren, lass sie auffliegen.«

»Iris, ich bin wacklig auf den Beinen. Als ich die Nachricht las, wäre ich fast aus meinem Angelboot gefallen. Minutenlang war mir schwindlig.«

»Hey, jetzt mach nicht auf Patientin im Endstadium. ›Investigativ‹ bedeutet nicht ›palliativ‹. Du hast es doch drauf, Prinzessin! Du hast ins Hornissennest gestochen. Jetzt sind die Viecher aus ihren Löchern gekommen und stechen wild um sich. Das ist gut, das macht sie unvorsichtig.«

Ich schloss die Augen. »Was ist gut daran, dass zwei Menschen ums Leben gekommen sind?« Ich dachte an den Piloten, der ebenso wie Stagemann vermisst wurde, seit die Maschine vom Radar verschwunden war. In allen Nachrichten wurde er nur am Rande erwähnt, während die Hauptberichte Stagemann galten – als hinge der Wert eines Lebens vom Kontostand ab. Wenn das zutraf, durfte ich selbst nicht mit langen Nachrufen rechnen.

»Der Absturz ist natürlich Mist. Aber du weißt doch, wie die Welt tickt: Stirbt ein Normalo, ist er halt gestorben. Aber erwischt es so einen Stinkreichen wie den Stagemann, dann bekommt die Justiz plötzlich Beine. Ich wette, die werden schon noch herausfinden, dass es ein Mord war. Und dann hat diese Firma ein Riesenproblem!«

»Bis jetzt hat man weder die Leichen noch das Wrack gefunden. Das war doch bestimmt der Plan: Ein winziges Flugzeug wird vom Meer verschluckt. Woher sollen da die Beweise kommen?«

»Unterschätz die Technik mal nicht, es gibt doch Flugschreiber und all diesen Krams.«

»Ich fürchte, so eine kleine Maschine ist da schlechter ausgestattet. Aber selbst wenn … Kannst du dich nicht erinnern, dass vor ein paar Jahren eine komplette Boeing verschwunden ist, Flug MH370 – erst vom Radar, dann wie aus der Welt? Wahrscheinlich ins Meer gestürzt. Bis heute hat man sie nicht gefunden. Obwohl es eine Riesenmaschine war. Obwohl über zweihundert Passagiere an Bord waren. Obwohl sie einen Flugschreiber hatte. Ich sehe da bei einem Miniflugzeug ziemlich schwarz.«

»Na und – dann bleibt die Maschine halt verschwunden. Aber du weißt doch auch so, was Sache ist. Wozu brauchst du Beweise? Der Fall ist doch klar wie Kloßbrühe!«

Dass ich viel wusste, konnte auch ein Nachteil sein. »Und wenn es Mord war? Dann wird doch jemand alles dafür tun, damit er nicht auffliegt.«

Iris schwieg einen Moment. »Du meinst, die Stagemann wirft dich im hohen Bogen raus, damit du nicht weiter schnüffeln kannst?«

Das war auch mein erster Gedanke gewesen, als ich vom Absturz Heiner Stagemanns gehört hatte: Hol deine Entlassungspapiere ab, Susanne! Dein Auftraggeber ist tot, dein Auftrag beendet. Oder glaubst du, irgendwer sonst in dieser Firma hat ein Interesse daran, dass du im hauseigenen Mist herumwühlst? Patricia Stagemann wird dich keinen Tag länger hier dulden.

Aber meine zweite Überlegung ging anders: Hätte Patricia Stagemann nicht damit rechnen müssen, dass ich nach meiner Entlassung den Staffelstab der Polizei weiterreichte und die Ergebnisse meiner bisherigen Recherchen mit den Beamten teilte? Dass ich, sobald ich das Unternehmen verließ, schlechter zu kontrollieren wäre? Dass sie es dann womöglich statt mit mir mit professionellen Strafverfolgern zu tun bekäme?

Vielleicht sagte sie sich: Mit dieser popligen Journalistin werde ich am geräuschlosesten fertig, wenn ich sie hier in der Firma halte – hätte ja fast schon im Keller geklappt.

Für einen Moment blitzte ein Gedanke auf, der mir erst schlüssig, dann aber absurd erschien: Was, wenn nicht Jane Sternberg die Latte auf meinen Kopf geknüppelt hatte, sondern Patricia Stagemann persönlich? Hatte ich nicht das Gefühl gehabt, mit der Person aus dem Flur schon einmal gesprochen zu haben? Und ebenso, dass sie in diesem Mietshaus nichts verloren hatte, was auf eine Konzernlenkerin zweifelsfrei zutraf?

Andererseits wäre es kein allzu kluger Plan von ihr gewesen, am helllichten Vormittag mit ihrem öffentlich bekannten Gesicht in ein menschenvolles Mordhaus zu spazieren, um dort die nächste Tat zu begehen – wobei sie ja nicht in dieser Absicht gekommen wäre, sondern sich unter Zugzwang gesehen hätte durch ihre panische Flucht und den dadurch bei mir erzeugten Verdacht.

Ich antwortete Iris, dass beides möglich sei: meine Entlassung – aber auch, dass ich bleiben könne.

»Apropos, Prinzessin: Lass die Kohle schnell rüberwachsen, sobald du dein erstes Gehalt hast – und ich reiße diesen verflixten Geiern den Armreif deiner Mutter wieder aus den Klauen.«

Ich hatte Iris gebeten, für mich an der Versteigerung in Reinstadt teilzunehmen. Von Marion wusste ich, dass die StageBau zum 25. Oktober mein erstes Gehalt überweisen würde, also noch diese Woche. Das traf sich gut: Zwei Tage später war die Versteigerung angesetzt.

»Und ich dachte, du hast noch ein paar Tausender auf der hohen Kante«, scherzte ich – Iris war bekannt dafür, dass sie mit ihrem Gehalt als Redakteurin gerade so über die Runden kam. Sie war antiautoritär erzogen worden, hatte ihre Eltern, Jörn und Inge, immer nur beim Vornamen genannt und von ihnen gelernt, man müsse mit allem großzügig umgehen: mit seiner Liebe, seiner Kreativität und auch mit seinem Geld.

Wenn man Iris nicht bremste, zahlte sie im Lokal nicht nur für den eigenen Tisch, sondern auch für die Nachbarn, falls die verbliebenen Scheine zufällig noch ausreichten. Und ein Kleid, das sie im Schaufenster anlachte, wanderte dreißig Sekunden später in die Einkaufstüte – auch wenn ihr Kleiderschrank so voll war, dass nicht mal mehr eine Motte darin landen konnte.

Iris war großzügig zu anderen, sie hatte mir ihre Freundschaft nicht entzogen, nachdem ich meine Karrierepläne wichtiger als unsere Freundschaft genommen hatte. Und sie war großzügig zu sich selbst, wenn sie zum Einkaufen ging. Das gefiel ihren Eltern, zwei alten Hippies, die die Hälfte des Jahres in ihrem klapprigen Wohnmobil verbrachten, wohl weniger gut – aber dazwischengeredet hätten sie ihr nie, denn Jörn und Inge sagten: »Wir wollen dich nicht von Fehlern abhalten: Jeder Reinfall ist eine Erfahrung.«

Nichts gegen diese Erziehung – Iris war ein Prachtexemplar von einer Freundin geworden. Doch die Philosophie, andere nicht von Fehlern abzuhalten, schien sie gerade auf mich zu übertragen. Dabei machte es einen kleinen Unterschied, ob man sich beim Einkauf das falsche Kleid in die Tüte steckte – oder mal eben sein Leben verlor. Mir war klar, dass jetzt jeder Fehler der letzte sein konnte. Und ich hatte nicht vor, Sebastian zum Halbwaisen zu machen, zumal ich nicht allzu viel von seinem Vater hielt, meinem mittlerweile geschiedenen Mann Heiko – immerhin diese Scheidung hatte ich im letzten Jahr geschafft.

Aber die Hornissen, wie Iris sie genannt hatte, bedrohten nicht nur mich: Tante Martha schwebte ebenfalls in höchster Gefahr. Wer auch immer in ihre Wohnung eingedrungen war, konnte es erneut versuchen. Und mussten die finsteren Gestalten in der StageBau nicht auch damit rechnen, dass ich meine Rechercheergebnisse am Essenstisch mit der Tante teilte, dass sie Mitwisserin war?

Und wie gefährlich lebte eigentlich Marion Römer? Vermutlich wussten etliche Menschen in der Firma, dass sie das Vertrauen Heiner Stagemanns genoss. Bislang hatte er sicher seine schützende Hand über sie gehalten. Nun war damit zu rechnen, dass der wilde Hornissenschwarm über sie herfiel. Denn eine potenzielle Mitwisserin in der Führungsetage der eigenen Firma galt sicher als tickende Zeitbombe.

Ich musste mit Marion sprechen, ganz dringend.