Tante Martha hatte mir ins Gewissen geredet: Ich sollte der Polizei die rote Mappe offenlegen, meine Theorie über den Flugzeugabsturz mitteilen und Anzeige erstatten gegen den Einbrecher, der spät nachts an Marthas Herd gespielt und ein spezielles Buchgeschenk hinterlassen hatte.
Das klang vernünftig, aber welchen Preis hätte ich dafür bezahlt? Sofort wäre meine Tarnung – vielleicht bestand sie ja doch noch – aufgeflogen. Und hätte ich Marion nicht in größte Gefahr gebracht? Jeder wusste, dass sie mich eingestellt und meine Arbeit koordiniert hatte. Wenn ich zur Polizei ging, rückte ich sie ins Visier.
Mein inneres Teufelchen schüttelte heftig den Kopf und flüsterte: Tu doch nicht so edel, Susanne! Du willst nicht Marion schützen, sondern dich selbst. Lange hattest du keinen Grund mehr, morgens aus dem Bett zu steigen, aber jetzt wieder: Du schnüffelst dieser Firma hinterher. Wenn du weitermachst, dann aus Mangel an Alternativen. Was würdest du sonst tun? Wieder auf dem Sofa liegen, wieder Müll in der Glotze schauen, wieder in Selbstmitleid baden, wieder Rechnungen ignorieren, wieder Besuch vom Gerichtsvollzieher bekommen. Tolle Alternativen!
Mit diesen Gedanken öffnete ich Marions Bürotür. Es war ein lichter Raum, mit einem großen Besuchertisch in der rechten Hälfte, auf dem immer ein frischer Blumenstrauß leuchtete, und einem Schreibtischensemble links. Sie saß mit dem Rücken zu mir und beugte sich über ihren Bildschirm. Aber etwas in diesem vertrauten Bild stimmte nicht. Warum war ihr Haar blond? Warum trug sie einen Schlabberpulli, warum …
Ich räusperte mich. Eine junge Frau drehte sich zu mir um, ihre Augen blinzelten nervös, und auf ihrer Nasenspitze glänzte ein Pickel. Mit zittrigen Fingern – ich sah es genau – zog sie einen USB-Stick aus dem Computer. »Ja, bitte?«
»Sie haben Nerven!«, sagte ich. »Sie sitzen an einem fremden Schreibtisch und tun so, als wäre das die normalste Sache der Welt. Was, zum Teufel, machen Sie hier?«
Ihr Mund öffnete sich tonlos, wie bei einem Fisch im Aquarium. »Eigentlich nur meinen Job«, sagte sie im zweiten Anlauf.
In meinen Kopf stieg Hitze. »Das sollten Sie an Ihrem eigenen Schreibtisch tun. Für mich sieht das so aus, als schnüffelten sie hier herum.«
Die junge Frau senkte ihren Blick und rieb ihren Pickel mit der linken Hand zwischen Daumen und Zeigefinger. Die rechte Hand mit dem Stick sank unter den Stuhl. »Wie meinen Sie das?«, fragte sie.
Ich kurvte um den Schreibtisch und sah, wie sich ihre Faust um den USB-Stick schloss. Ich griff nach ihrer Hand: »Aufmachen!«
Sie zog die Hand an den Bauch, mit einer Entschlossenheit, die ich ihr nicht zugetraut hätte.
»Was haben Sie da?«, fragte ich.
»Einen Stick«, sagte sie trotzig.
»Und was ist auf diesem Stick wohl drauf?«
»Das geht Sie nichts an. Wer sind Sie eigentlich? Ich kenne Sie nur vom Sehen.«
»Wenn Sie so weitermachen, werden Sie eine Seite von mir kennenlernen, die Ihnen nicht gefällt.« Ich war verblüfft, mit welcher Dominanz ich auftrat. Das war fast schon wieder die alte Susanne, die leitende Redakteurin, die es mit ihrer Härte übertrieben hatte. Aber diesmal war ich ja für eine gute Sache im Einsatz.
»Also«, sagte ich ganz langsam. »Sie geben mir jetzt diesen Stick.« Unsere Blicke duellierten sich. Zehn Sekunden hielt sie es aus, dann senkte sie den Kopf. Ich griff nach ihrer Hand – kalte Finger – und nahm den Stick.
»Was ist da drauf?«
»Na was schon?«, sagte sie. »Das sind Daten für …«
»Lassen Sie mich raten«, fiel ich ihr ins Wort. »Das sind Daten für Patricia Stagemann, stimmt’s?«
Verblüfft schaute sie mich an. »Woher wissen Sie das? Arbeiten Sie für die Geschäftsleitung?«
»Sozusagen«, antworte ich. Aber leider nur die tote Hälfte, fügte ich in Gedanken hinzu. »Und jetzt würde ich gerne mal schauen, was auf dem Stick ist.« Ich führte den Datenträger in den Computer und klickte ihn an. Mir war klar, was gleich auf dem Bildschirm erscheinen würde: eine Riesendatei, die Marions komplette Festplatte umfasste. Bestimmt ließen sich dort Hinweise darauf finden, dass sie für mich vertrauliche Dokumente aus der Geschäftsleitung kopiert hatte. Aber das würde ich zu verhindern wissen.
Ich wich ein Stück vom Bildschirm zurück. Denn das Dokument, das dort erschien, hieß »Bewerbung Tatjana Frei«. Läppische 4 Megabyte. Sonst nichts. »Was ist das?«, fragte ich.
»Das ist die Bewerbung von Frau Frei. Sie will Bereichsleiterin werden und hätte deshalb gleich ein Gespräch mit Frau Römer und Frau Stagemann gehabt. Aber Frau Römer ist krank und hat mich gebeten, diese Datei von ihrem Laptop zu kopieren und auszudrucken.«
Jetzt war ich es, die den Blick beschämt senkte. »Das zwischen uns hier, das hier war ein blödes, wie soll ich sagen, Missverständnis. Das tut mir leid.«
»Sagen Sie mir jetzt bitte, wer Sie sind?«
»Susanne Mikula, eine enge Mitarbeiterin von Frau Römer. Wie lange wird Frau Römer denn krank sein?«
Sie war unter die Tür getreten und legte den Kopf leicht nach hinten; ihre Nase mit dem Pickel schien jetzt steil nach oben zu ragen. »Längere Zeit. Aber wenn Sie eine so enge Mitarbeiterin von ihr sind, hat sie bestimmt schon bei Ihnen angerufen. Oder etwa nicht?«
Sie drehte sich um und sagte im Gehen: »Und ich bin Laura Schmalstieg. Und wenn Sie mich noch mal so behandeln, lernen Sie auch mich von einer Seite kennen, die Ihnen nicht gefällt.«
Eine Freundin fürs Leben hatte ich mir in ihr nicht gemacht, so viel stand fest. Ich hoffte inständig, sie würde Patricia Stagemann meinen peinlichen Auftritt verschweigen.
Sofort rief ich Marion an. Nur die Mailbox ging ran. Ich hatte ihr Geschäftshandy angewählt, weil ich keine andere Nummer kannte, ebenso wenig ihre Wohnadresse. Was uns verband, war kein Wissen übereinander, sondern ein tiefes Gefühl. Und dieses Gefühl sagte mir: Sie würde mich jede Sekunde zurückrufen. Ihr musste klar sein, ich brauchte sie mehr denn je – jetzt, da ein weiterer Mensch gestorben war. Aber warum hatte sie sich eigentlich nicht schon am Wochenende gemeldet?