Jane war vom Rathaus in die Redaktion gesaust, um Frank von Leibringen einzuweihen. Der saß gerade über ein Manuskript gebeugt, sein Rotstift kratzte darin herum, als wollte er überflüssige Wörter ausschaben. Erst hatte er Jane kaum zur Kenntnis genommen. Erschreckend oft kam es vor, dass sie Räume betrat, ohne dass jemand auf sie reagierte – als wäre sie immer noch das schüchterne Kind, von dem die Erwachsenen sich nicht stören ließen.
Aber dann, als sie die Nachricht aussprach, schoss er von seinem Chefsessel hoch wie ein Fan auf der Tribüne beim Siegestor. »Das ist ja großartig!«, rief er. »Das ist der Knaller! Ausgerechnet ein Typ, der uns sein Leben lang nie eine Schlagzeile geliefert hat, legt einen solchen Abgang hin!«
Es klang, als hätte Heiner Stagemann eine große Leistung bei einer Olympiade vollbracht. Dabei war sein Flugzeug nur vom Himmel gefallen und er wohl in den Tod gestürzt.
»Die Schlagzeile!«, rief von Leibringen erregt, »lassen Sie uns die Schlagzeile texten.« Er tigerte in seinem riesigen Büro auf und ab, gedankenvertieft, den Blick zum Boden gesenkt, er sah aus wie ein Schlafwandler. Jedes Mal trug es ihn auf die breite Fensterfront zu, hinter der die Dächer gespenstisch im Nebel lagen, als wollte er über die Stadt hinweglaufen. Erst einen Schritt vor der Glasfront machte er kehrt.
Dann blieb er mitten im Raum stehen, riss seinen Kopf hoch, als wäre er gerade aus tiefem Schlaf erwacht, und rief probehalber Schlagzeilen in den Raum: »›Meer verschluckt Milliardär: Steinreicher Mann sinkt wie ein Stein.‹« Er lauschte seinen Worten nach. »Na, was sagen Sie – vorne ein Reim, hinten ein Wortspiel. Nicht schlecht, oder?«
»Wir wissen doch gar nicht, ob er im Meer versunken ist«, sagte Jane. »Vielleicht ist das Flugzeug ja auch an einer Insel …«
Von Leibringen tigerte weiter. Eine Runde, zwei Runden, drei Runden. Dann, mit einem Ruck, blieb er wieder stehen: »›Rätselhafter Tod im Meer: Reichster Mann Hamburgs von Haien gefressen?‹« Ein Schmunzeln zog seine Mundwinkel hoch. »Wir könnten ein Flugzeug und einen Hai aufs Cover montieren. Auch nicht von schlechten Eltern, was?«
»Wir wissen doch gar nicht, ob er wirklich ins Meer gestürzt ist«, wiederholte Jane. »Und Haie sind, glaube ich, auf Leichen nicht so scharf.«
Streng sah er sie an. »Haben Sie denn das Fragezeichen nicht gehört? Ich habe nicht gesagt, dass er von Haien gefressen wurde. Ich habe nur gefragt, ob?«
»Ist der Chefredakteur der Hamburger Allgemeinen ein Volltrottel?« Jane überlegte, was er wohl zu dieser Schlagzeile gesagt hätte. Natürlich wusste er um die Suggestivkraft einer Frage. Die meisten Leser nahmen nur die fetten Buchstaben wahr, nicht das Satzzeichen dahinter.
Frank von Leibringen steuerte erneut auf die nebligen Dächer zu – dann drehte er sich zu Jane um und rief in energischem Tonfall: »Der tiefe Absturz eines Milliardärs: Heiner Stagemann zerschellt?«
»Das können Sie nicht machen«, sagte Jane und merkte, dass sie ihr Gewicht im raschen Wechsel von einem Bein aufs andere verlagerte. »Das klingt, als hätte er sich was zuschulden kommen lassen. Dabei ist er doch …«
Frank von Leibringen blieb stehen und fixierte sie mit seinen eisblauen Augen. »Sie haben mir doch neulich erst eine große Enthüllungsgeschichte über die StageBau auf den Schreibtisch geknallt. Und jetzt behaupten Sie, der oberste Boss sei als Engel vom Himmel gefallen?«
»Heiner Stagemann hat das operative Geschäft schon vor Jahren an seine Schwester abgegeben.«
»Ich kenne seine Schwester. Die kann kein Wässerchen trüben. Wenn da krumme Dinger in der Vergangenheit gelaufen sind, dann gehen sie von ihm aus. Der Pate ist er!«
»Für einen ›Paten‹ spendet er ziemlich viel Geld, wie man so hört«, wandte Jane ein.
Ihr Chefredakteur zog seine rechte Augenbraue nach oben. »Auf so was fallen Sie rein? Das ist doch nur ein Schafspelz, den sich der Wolf gezielt umhängt. Wir machen diese Überschrift – und basta!«
»Ehrlich, Herr von Leibringen – dafür würde ich mich …«
»Was würden Sie sich?«
Jane rang mit sich, ob sie es sagen sollte – dann zwang sie sich, ihren pendelnden Oberkörper in der Mitte zu fixieren und es auszusprechen: »Schämen würde ich mich.«
Er trat einen Schritt auf Jane zu, seine Augenschlitze schienen zu vereisen. »Sie sich schämen, Frau Sternberg? Da fallen mir noch ganz andere Überschriften ein, zum Beispiel über Gleichstellung.«
Schon wieder eine dieser widerlichen Anspielungen. »Wie lange wollen Sie mir denn noch …«
»Ich will nur, dass Sie meine Überschrift jetzt den Grafikern bringen. Zum Mitschreiben: ›Der tiefe Absturz eines Milliardärs: Heiner Stagemann zerschellt?‹«
Jane seufzte. »Und wer schreibt den Artikel?«
»Raten Sie mal«, sagte er und tippte mit dem Zeigefinger an seine Brust.
Auch das noch.
Seine Story, die Jane am Nachmittag auf den Tisch bekam, ging so: Böser Milliardär lebt öffentlichkeitsscheu, weil er mehr als nur sein Gesicht zu verbergen hat, macht seiner Schwester das Leben schwer, weil er ein fieser Typ ist – und nun erteilt ihm das Schicksal eine gerechte Lektion. Womit die Führungsetage StageBau, ein »Hamburger Traditionsunternehmen«, von einer Altlast befreit wird und besser als je zuvor dasteht.
Jane musste zugeben, dass er das nicht ausdrücklich so geschrieben, sondern auch ein paar Floskeln des Bedauerns eingestreut hatte. Aber jeder, der auf den Tenor achtete, durchschaute die Heuchelei.
Am folgenden Montag, als das Blatt erschienen war, beschwerten sich etliche Leser über diese unwürdige Berichterstattung. »Wie können Sie den Tod eines guten Menschen nur so zynisch kommentieren?«, fragte die Vorsitzende des Kinderhospizes am Telefon. »Ohne ihn gäbe es uns gar nicht. Er hat sich bis zum Schluss um uns und um die schwer kranken Kinder gekümmert.«
Was hätte Jane antworten sollen? »Ich sehe das wie Sie! Unser Chefredakteur hat sich im Ton vergriffen. Niemals hätte er das Andenken eines Unternehmers so beschmutzen und seine fragwürdige Schwester glorifizieren dürfen.«
Die Wahrheit war leider keine Option, wenn man erpressbar war, die kritisierte Überschrift selbst ins Layout gegeben und den Artikel produziert hatte. Also verteidigte Jane ihren Chef, wies auf die Missstände in der StageBau hin und behauptete, das private Engagement des Milliardärs mache die geschäftlichen Sünden nicht besser.
Es wurde ein anstrengender Montag, ein Konferenzmarathon bis zum Redaktionsschluss. Als sie um 23.30 Uhr endlich ging, kam sie sich wie betäubt vor. Sie trat in die Nacht hinaus, und doch fühlte es sich an, als verließe sie einen schützenden Kokon, sie kam sich verletzlich vor. Als erwartete sie ein Mob aus Lesern, der ihr eine Abreibung verpassen wollte. Hätte sie es nicht verdient gehabt? »Was bist du nur für eine Journalistin?« Diese anklagenden Worte klangen immer noch in ihrem Kopf nach.
Die Straßenlaternen vor dem Verlag leuchteten gegen den wabernden Herbstnebel an. Ihr Licht war wie verschütteter Organgensaft, der sich in der dicken Buttermilch des Nebels verlor. Menschenleere Straßen, mitten in der Stadt. Am Himmel waren wieder mal keine Sterne zu sehen, nur der übliche Dunst.
Jeder Atemzug füllte ihren Bauch mit schneidender Kälte. Jane kniff die Augen zusammen, die Sicht war wirklich miserabel. Dieser Nebel ist so dicht, dachte sie, als wollte er mich einfach verschlucken. Dann würde ich vom Radar verschwinden wie das Flugzeug von Heiner Stagemann. Sie schüttelte sich, weil die Kälte sie frösteln ließ und sie diesen Gedanken abwerfen wollte.
Dass jemand neben sie getreten war, bemerkte sie erst, als sich eine Hand mit eisernem Griff um ihren Unterarm legte.