Vor meinem Gespräch mit Tante Martha hatte ich meinen Arbeitstag zu Ende gebracht, wie er begonnen hatte: mit einem USB-Stick. Ich saß in meiner Bürobesenkammer, schmutziges Herbstlicht tröpfelte durch das Minifenster, starrte auf meinen Laptop und klickte ein Dokument nach dem anderen an: Sitzungsprotokolle, interne Mails, Aktennotizen, Richtlinien, Immobiliengutachten, Hausmeisterberichte, Verträge mit Dienstleistern, Briefwechsel mit Mietern, Renovierungsaufträge, Pläne zur Immobilienentwicklung, Mietverträge, Kaufverträge.
Es war, als würde ich in einer riesigen Sandbank nach einem Goldkorn suchen. Marion hatte alles, was sie greifen konnte, auf den Stick gezogen, darunter viel Vertrauliches aus Führungsrunden. Schon vorher hatte ich in dieser Sandbank geschürft, aber nichts Verwertbares gefunden. Ich trug den Stick immer am Körper, um zu verhindern, dass er in falsche Hände fiel – das hätte für Marion fatale Folgen haben können. Beim Schlafen steckte ich ihn in meine Nachttischschublade.
Mein inneres Teufelchen flüsterte: Spinn nicht rum, Susanne! Glaubst du ernsthaft, die dokumentieren ihre eigenen Gaunereien, Handwerkeraufträge wie: »Schornstein zumauern«, »Höllisch Lärm machen«, »Buttersäure im Flur verspritzen« oder »Wasserschäden verursachen«? Erwartest du hier eine förmliche Einladung an Prostituierte, doch bitte von der Herbertstraße in eine StageBau-Wohnung zwecks Eröffnung eines Bordells umzuziehen? Träum weiter!
Und schon gar nicht durfte ich hoffen, Details zum Tod von Elfriede Jaspers zu finden. Falls die StageBau diese Fäden gezogen hatte, dann sicher spurlos. Aber mittlerweile hielt ich es für möglich, dass dieser Mord ein Zufall war. Denn dass der Täter bei seiner Flucht einen Hund mitgenommen und offenbar erwürgt hatte, sprach eher für einen Psychopathen als für einen Profikiller. Bestimmt gab es Gründe, warum die Polizei den Hund zur Geheimsache erklärt hatte. Waren vielleicht schon andere »Kombi-Morde« in Hamburg passiert: Herrchen oder Frauchen mitsamt Haustier? Oder ließ die Spur auf einen stadtbekannten Irren schließen, den man nicht durch Zeitungsberichte warnen wollte?
Während ich nachdachte – immer wieder auch darüber, ob Marion nicht doch noch bei der Arbeit auftauchen würde –, klickte ich mechanisch auf ein neues Dokument, es war von Patricia Stagemann an gehobene Führungskräfte verschickt worden und hieß »Grundsätze für den Umgang mit langjährigen Mietern«.
Mein Blick huschte über die Zeilen, alles unverdächtig: Die Mitarbeiter wurden angewiesen, es den Mietern recht zu machen, Schäden zu verhindern und rasch zu reparieren. Vielleicht war Patricia Stagemann ja doch die geschäftstüchtige Sauberfrau, als die sie die Wirtschaftspresse gerade dargestellt hatte.
Es war fast komisch: Statt der Gesetzesbrecher, deren Spuren ich suchte, fand ich Gesetzeshüter. Ich schloss das Dokument und sprang ins nächste, ein langweiliges Immobiliengutachten, das in steifer Fachsprache über Bausubstanz, Mikrolage und Makrolage referierte.
Doch meine Gedanken hingen noch an dem letzten Dokument fest, keine Ahnung, warum. Ich sprang zurück und las den Text diesmal aufmerksamer:
Grundsätze für den Umgang mit langjährigen Mietern.
Grundsatz 1: Wir legen großen Wert darauf, den Verfall gefragter Immobilien zu verhindern, also die Bausubstanz zu erhalten, Wasserschäden vorzubeugen, Schimmel zu bekämpfen und Geruchsbelästigungen zu minimieren.
Grundsatz 2: Unser primäres Ziel ist es, die Lebensqualität der Mieter so hoch wie möglich zu halten, also Belästigungen durch Baulärm, Staub, Planen, Gerüste am Haus und ähnliche Einschränkungen zu verhindern.
Grundsatz 3: Wir achten bei der Neubelegung von Wohnungen darauf, in der Nachbarschaft langjähriger Mieter keine Gruppen ins Haus zu holen, von denen Lärm, Unfrieden oder sittlich Anstößiges ausgehen könnte.
Grundsatz 4: Wir kümmern uns darum, dass die Heizanlage durchgehend funktioniert, gerade an kalten Wintertagen, damit die Mieter sich in ihren Wohnungen wohlfühlen und nicht frieren müssen.
Grundsatz 5: Wir sorgen bei Elektroschäden so schnell wie möglich für eine Reparatur, damit unseren Mietern nicht zugemutet wird, im Dunkeln zu sitzen oder einen Flur ohne Beleuchtung betreten zu müssen.
Insgesamt umfasste das Dokument zwölf Grundsätze, gegen die inhaltlich nichts einzuwenden war. Doch auf den zweiten Blick fand ich es höchst verdächtig, dass Selbstverständliches betont wurde: Warum hielt die oberste Chefin der StageBau schriftlich fest, dass eine Heizanlage im Winter funktionieren musste, Wasserschäden verhindert werden sollten, ein Stromausfall zeitnah zu beheben war? All dies hätte jeder Hausmeistergehilfe auch ohne Wink aus der Chefetage gewusst.
Aber was geschah, wenn der Leser dieses Dokument als Kassiber erkannte? Wenn er die Verben in ihr Gegenteil verwandelte, statt »verhindern« »herbeizuführen« las, statt »erhalten« »zerstören«? Dann lautete zum Beispiel der erste Grundsatz:
Grundsatz 1: Wir legen großen Wert darauf, den Verfall gefragter Immobilien herbeizuführen, also die Bausubstanz zu zerstören, Wasserschäden zu verursachen, Schimmel zu fördern und Geruchsbelästigungen zu maximieren.
Ich war sicher, dass es sich um eine paradoxe Anleitung handelte. Was für ein raffinierter Schachzug! Die Führungskräfte bekamen einen Leitfaden zum Rausekeln der Mieter an die Hand. Aber kein Staatsanwalt hätte das Dokument als Beweis gegen die StageBau verwenden können; was hier stand, schien vom Gedanken der Mieterfreundlichkeit geleitet.
Merkwürdig nur, dass ich in mehreren Mieterhäusern das exakte Gegenteil des Beschriebenen vorgefunden hatte: Wasserschäden, Verfall, Gestank, Plane vorm Haus – und »Gruppen« in der Nachbarwohnung, von denen »sittlich Anstößiges« ausging. Ich war sicher, dass es sich bei diesem Grundsatz um die Vorlage für das Bordell im Haus der Weigels handelte.
Als ich den zwölften Grundsatz noch einmal las, hüpfte mein Knallfrosch die Brust hinauf bis zum Hals. Ich wollte einatmen, aber meine Luftröhre schien wie zugestopft. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Ich brauchte etwas Zeit, bis ich weiterlesen konnte. Der zwölfte Grundsatz lautete:
Wenn alle vorgenannten Grundsätze erfüllt sind, ziehen wir in Erwägung, den Brandschutz in einer alten Immobilie aktiv zu fördern und damit die Wohnmöglichkeit der Mieter dauerhaft zu erhalten.
Wenn diese Anleitung wirklich paradox gemeint war, dann ging es nicht um Brandschutz, sondern um Brandstiftung – wobei offenblieb, wohin die Mieter »dauerhaft zu vertreiben« waren: aus dem Haus – oder gleich ins Jenseits?
Aber war das nicht unlogisch? War ein intaktes Haus mit Mietern nicht wertvoller als eine Brandruine? Ich rief die Wertgutachten von Häusern und Grundstücken auf, ging sie nacheinander durch und verstand: Kostbar waren nicht die alten Immobilien mitten in der Stadt – kostbar waren die Grundstücke, auf denen sie standen. Und der höchste Wert wurde Grundstücken zugesprochen, die frei von »Altlasten« waren: frei von Bebauung, frei von Mietern – und damit frei zu verwenden.
Verblüfft las ich, dass einige Grundstücke in exklusiven Lagen gezielt nicht bebaut, sondern einfach nur gehalten wurden, weil das offenbar lukrativer war. Während die StageBau ihre Hände in den Schoß legte und künstlich zur Wohnungsknappheit beitrug, schoss der Wert solcher Grundstücke von Jahr zu Jahr in die Höhe. Potenzielle Investoren standen Schlange, um Riesensummen auf den Tisch zu blättern.
Was für eine perverse Welt, dachte ich: Wenn ein altes Haus in exklusiver Stadtlage niederbrannte, entstand kein Schaden, sondern zusätzlicher Wert. Denn nun war der Weg frei für das, was die Gutachten eine »sinnvolle wirtschaftliche Verwertung« nannten. Zum Beispiel der Verkauf des Grundstücks, eine Komplettsanierung oder ein Neubau.
Ich erinnerte mich, dass ich kürzlich von einem Brand gelesen hatte: In der Eppendorfer Landstraße war ein altes Wohnhaus bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Mieter waren in letzter Sekunde gerettet worden, ich hatte die Bilder aus der Hamburger Allgemeinen im Kopf: eine Mutter, die mit der Drehleiter nach unten gefahren wurde, mit Zwillingen auf dem Arm. Im Hintergrund stieg Rauch auf, Flammen züngelten aus den Fenstern der unteren Stockwerke. Bislang hatte ich diese Meldung nicht mit der StageBau in Zusammenhang gebracht.
Aber jetzt hielt ich alles für möglich. Ich gab »Eppendorfer Landstraße« mitsamt der Hausnummer als internen Suchbegriff in meinen Computer ein. Sofort ploppte ein Dokument auf, es hieß: »Häuser zur Prüfung anstehender Brandschutzmaßnahmen«, jeweils mit einem »Abschlussdatum« versehen. Und neben der Anschrift des abgebrannten Hauses war eine weitere Adresse genannt, in Winterhude. Sie kam mir seltsam bekannt vor.
Und dann machte es »klick« in meinem Kopf: Es war die Anschrift der Weigels.