Als ich im Licht der Straßenlaternen zum dritten Mal probierte, auf Baldurs altes Fahrrad zu steigen, verfluchte ich mich: Warum hatte ich bloß dieses enge Kleid angezogen? Die Beinfreiheit reichte zum Radeln, aber ich kam nicht auf den Sattel. Erst jetzt – ich hatte das Kleid weit nach oben geschoben – klappte das Aufsteigen. Ich trat in die Pedale und hörte, wie der alte Dynamo mürrisch zu brummen begann. Der Lichtkegel zitterte über den Radweg, der kalte Fahrtwind hob mein offenes Haar und ließ es flattern.
Tante Martha hatte ich eingebläut, unter keinen Umständen die Haustür zu öffnen und mich sofort anzurufen, falls ihr jemand auf die Pelle rücken wollte. Eigentlich hätte ich mit gefährlichen Besuchern nicht am frühen Abend gerechnet. Aber nach dem Absturz Heiner Stagemanns hielt ich es für besser, nichts mehr auszuschließen.
Martha humpelte immer noch, leider hatte ihr Arzt Dr. Otten den vereinbarten Hausbesuch kurzfristig abgesagt. Das passte gar nicht zu ihm, im Gespräch mit mir hatte er so verbindlich gewirkt. Ich dachte an den Wohnungsschlüssel. Hoffentlich hatte ich mich nicht in ihm getäuscht.
Ich radelte flott, gebremst nur von Kreuzungen, hängte ein paar Studenten mit moderneren Rädern ab und kurvte an Autos vorbei, deren Schnauzen in den Radweg ragten. Dann war ich im Schanzenviertel angekommen. Es war der Gegenentwurf zur Elbchaussee, die Heimat der Autonomen.
Er hatte mir die Hausnummer der Bar durchgegeben, doch ich hätte sie nicht gebraucht: Durch einen Kellerschacht stieg Livemusik auf, jemand zupfte einen Blues auf einer E-Gitarre. Offenbar hatte er seine Rechnungen zuverlässiger als ich bezahlt, meine Gitarre stand jetzt im Auktionshaus.
Ich kettete mein Fahrrad an, steckte meine Turnschuhe in den kleinen Rucksack und schlüpfte in die High Heels. Mein inneres Teufelchen flüsterte: Geht’s noch, Susanne?! Was willst du mit High Heels im Schanzenviertel? Jeder wird dich für eine Tussi halten – als wärst du im Taxi vorgefahren, nicht auf einem klapprigen Herrenrad. Du siehst aus, als wärst du auf Männerjagd. Hast du’s wirklich so nötig?
Nun ja, nach fast einem Jahr, das ich allein auf dem Sofa verbracht hatte, sprach nichts dagegen, meine Liegefläche mal wieder mit jemandem zu teilen. Aber das musste ich meinem kleinen Teufelchen ja nicht auf die Nase binden. Offiziell war ich hier, um mehr über die fiesen Methoden Patricia Stagemanns zu erfahren.
Im Licht der Straßenlaterne zog ich meinen Lippenstift nach. Dann griff ich mir noch das Minifläschchen mit dem Haarspray, rückte meine Frisur zurecht und steckte es zurück in die Tasche meines blauen Mantels. So stöckelte ich die Treppe hinab in die Kellerbar. Hitze schlug mir entgegen, Stimmengewirr, Musikfetzen. Es roch nach Schweiß und Lederjacke. Schummriges Licht, das sich im großen Spiegel hinter der Bar brach, zitternd wie eine Fata Morgana.
Auf einem hohen Barhocker, mitten im Gewühl, entdeckte ich Friedhelm Ganter mit seinem wild gelockten Kopf. Dieser Anblick gefiel mir. Auf einem anderen Barhocker, der seinen fast berührte, saß eine attraktive Brünette, Bein an Bein mit ihm, und neigte sich beim Lachen vor, als wollte sie in seinem weit aufgeknöpften Hemd Brusthaare zählen. Dieser Anblick gefiel mir weniger.
Wir waren nicht verabredet. Er hatte nur gesagt, dass er hier am Abend öfter mal zu finden sei. Ich war auf gut Glück hingefahren, und jetzt schien ich Pech zu haben: Es sah nicht so aus, als würde mir die Brünette ihren Hocker freiwillig überlassen. Alle anderen Plätze an der Bar waren besetzt. Einen Moment überlegte ich, ob sie seine Freundin war. Nein, es wirkte eher wie ein Flirt. Gerade hatte sie ihre Hand mit den langen Fingernägeln auf seinen Oberarm gelegt. Mir kam es vor, als wollte sie einen Besitz markieren.
Ich beschloss, mich vorerst im Hintergrund zu halten, stellte mich neben eine Gruppe beim Eingang und bestellte bei der heiteren Bedienung einen Gin. Vom Nebentisch prostete mir ein St.-Pauli-Fan zu. Es war mein erster Drink seit einer Ewigkeit, er rann mir wie Feuer durch die Kehle.
Ich sah rüber zu Friedhelm Ganter, welches Rätsel verbarg sich unter seinen Locken? Erst hatte er wie eine Art Robin Hood die fiesen Tricks der Hamburger Vermieter seziert, mich auf gefälschte Abrechnungen, lückenhafte Gesetze und auf Mietermobbing hingewiesen. Dann aber, als ich die StageBau ins Spiel gebracht hatte, war Schluss mit lustig gewesen. Dass ich die rote Mappe eingesteckt hatte, war ein klarer Fall von Notwehr gewesen. Am Telefon hatte er versöhnlich geklungen.
Ich ließ mir einen zweiten Gin bringen, er schmeckte schon milder. Der Gitarrist auf der winzigen Bühne war immer noch im Blues unterwegs, seine Gitarre zupfte den Herbst rauf und runter. Ich musste an meinen Freund Ratte denken, der sich mit seiner schwarzen Gitarre lange als Straßenmusiker durchgeschlagen und ausschließlich Lieder von Heinz Rudolf Kunze gespielt hatte. Jetzt war er mit Jan Gleim, dem Sohn meines Ex-Chefs, »zusammen obdachlos«, wie er das scherzhaft nannte. Wollte heißen: Die beiden machten eine Rucksacktour um die Welt. Gerade mussten sie in Australien sein.
Mein Blick wanderte wieder zu Friedhelm Ganter. Nun hatte sich die Brusthaarzählerin eine Etage höher verlegt. Ich sah, wie ihre Hand kurz durch seine Locken wuschelte. Die Markierung schritt voran. Wenn ich noch länger wartete, würde sie ihre Beute in den Bau schleppen.
Mein dritter Gin schmeichelte der Kehle. Mein Körper war ein Ballon, dieser Drink das Helium, er machte mich leicht. Meine Füße wollten eine Runde tanzen. Aber dazu war es viel zu eng in diesem Keller.
Mein inneres Teufelchen flüsterte: Hey, Susanne, doofe Kuh, du betrinkst dich gerade. Wozu soll das gut sein? Willst du kotzen, damit ihn dieses attraktive Geräusch zu dir rüberschauen lässt? Wenn du jetzt mit ihm sprichst, findet er mehr über dich heraus als du über ihn. Oder trinkst du dir nur Mut an, um die Brünette in die Flucht zu schlagen?
Sie in die Flucht schlagen! Diesen Gedanken fand ich beschwingend. Warum eigentlich nicht? Nach drei Drinks traute ich mir alles zu, auch das. Ich stand auf, stöckelte mir den Weg frei, direkt auf die beiden Turteltauben zu. Die Brünette sah mich erst, als ich den Höflichkeitsabstand bereits durchbrach, das Ich-bin-ja-so-süß-Lächeln erstarb auf ihrem Gesicht. Ich näherte mich seinem Ohr von der Seite und sagte im vertraulichen Ton der langjährigen Ehefrau: »Friedi-Schatz, da bist du ja!«
Im Reflex dreht er seinen Kopf zu mir – und ich küsste ihn auf den Mund, einmal trocken, zweimal trocken, aber dann, als ich seine Zunge spürte, küsste ich ihn lang und nass und innig. Das Helium stieg in meinen Bauch. Mein Magen fuhr eine Runde Achterbahn, es fühlte sich wunderbar an. Jetzt tanzte nicht ich – jetzt tanzte der Boden der Bar unter mir. Als ich die Augen wieder öffnete, sah er mich ungläubig an.
Der Hocker neben ihm war frei geworden, ich nahm Platz.
»Was war das jetzt?«, wollte er wissen.
»Ein Kuss«, sagte ich und schaute in seine grünblauen Murmelaugen.
»Bei unserem letzten Gespräch haben wir uns noch gesiezt.«
»Dann duzen wir uns jetzt.«
»Du hast mir eine Mappe gestohlen.«
»Nicht nur Mappen sind rot.«
Er lächelte und zwinkerte mir zu. »Warum bist du gekommen? Wegen der StageBau? Oder wegen mir?«
»Wegen beidem.«
Sein Zeigefinger kraulte sich zärtlich durch die Bartstoppeln des Kinns. »Aber etwas mehr wegen mir, oder?«
»Das musst du selbst herausfinden.«
Seine Hände legten sich zart um meinen Hinterkopf, er zog mich zu sich heran und küsste mich. Wieder ein inniger Kuss, kein trockener.
»Mehr wegen mir«, sagte er.
»Hast du von Heiner Stagemann gelesen?«
»Küsst du immer fremde Männer?«
»Ich glaube nicht, dass es ein Unfall war.«
»Dein Kuss war mega und volle Absicht«, sagte er, während sein Zeigefinger das Kinn hinauf bis zur Unterlippe wanderte.
»Wer könnte ein Interesse daran haben?«
»Die Frau, die vor dir auf dem Hocker saß, bestimmt nicht.«
»Erklär mir, warum du der StageBau kein Haar krümmen willst.«
»Ich fasse lieber dich an.« Seine Hand streifte über meine Wange und hinterließ eine Feuerspur, die bis hinab in meinen Bauch schlingerte. Und tiefer.
»Du bist Mieterschützer, nicht Pressesprecher der StageBau.«
Er lachte. »Wie bist du bloß auf ›Friedi-Schatz‹ gekommen?«
»Willst du deine Mappe zurück?«
»Du darfst mein Herz behalten.«
Ich sah tief in seine grünblauen Murmelaugen. »Habe ich es denn?«
»Das musst du selbst herausfinden.«
Diesmal zog ich ihn zu mir heran und küsste ihn. Lang und innig.