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Jane Sternberg hatte den Mann noch nie gesehen, dessen Hand ihren Unterarm umklammert hielt. »Begleiten Sie mich ein Stück«, sagte er. »Ich soll Sie abholen.« Es klang wie eine Einladung zum Abendspaziergang, dabei kam es Jane vor, als würde sie gerade entführt. Auf offener Straße. Direkt vor ihrem Verlagsgebäude. »Hier lang«, sagte er und zog sie auf die andere Straßenseite ohne Gehsteig, wo sich das orange Licht der Laternen im Nebel verlor. Seine Stimme, dachte Jane, woher kenne ich sie bloß?

Etwas flüsterte in ihr: Du darf nicht einfach mit ihm mitgehen. Aber sie ging. Etwas flüsterte: Du musst jetzt schreien. Aber sie schrie nicht. Etwas flüsterte: Du musst ihm den Ellbogen in den Bauch rammen. Aber sie rammte nicht. Sie kam sich vor wie eine Schauspielerin in einem Film, dessen Drehbuch ohnehin nicht mehr zu verändern war. Sie war jetzt nicht mehr die mutige Journalistin, sondern das Mädchen von einst, gelähmt von der eigenen Angst. Und statt nur Satzenden zu verschlucken, brachte sie keinen Ton mehr heraus.

Eigentlich schrieb man als Journalistin nur über die Erlebnisse anderer: über Unfälle anderer, über Entscheidungen anderer, über Ehekrisen anderer, über Skandale anderer und über Entführungen, deren Opfer sie wurden.

Aber jetzt erlaubte sich das Schicksal einen üblen Scherz mit ihr, als hätte es einen Kutscher mit Peitsche zum Pferd verwandelt. Jetzt würde sie die Schlagzeile nicht texten, sondern selbst die Schlagzeile sein. In Gedanken sah sie Frank von Leibringen schon durch sein Büro tigern, den Blick wie ein Schlafwandler gesenkt, auf der Suche nach einer idealen Headline: »Nebel des Grauens: Redakteurin bei Nacht entführt?« Und bestimmt würde er die Frage hinterherschieben: »Hat es mit dem Skandal ihres Mannes zu tun?« Kein Zweifel, er würde die Gelegenheit nutzen, seinen Kübel voller Dreck endlich auszukippen. Bis heute fragte sich Jane, wie er in den Besitz des Videos gekommen war.

Dass Informanten einer Redaktion kompromittierendes Material über einen Prominenten zusteckten, kam immer wieder vor. Aber als Gleichstellungsbeauftragter der Stadt war ihr Mann meilenweit davon entfernt, ein Promi zu sein. Welche Absicht verfolgte der Informant?

Jane wurde das Gefühl nicht los, dass es einen Zusammenhang zwischen ihrer Recherche bei der StageBau und dem Auffliegen ihres Mannes gab. Sie war gerade dabei, ihrem Chef die Ergebnisse ihrer Nachforschungen zu präsentieren, als der sie an seinen Computerbildschirm bat. »Schöne Sauerei, schauen Sie sich das an!«, hatte er gesagt und das Video angeklickt. Den eigenen Mann in einer solchen Situation zu sehen! Sie hätte im Boden versinken können.

»Eigentlich müssen wir diese Geschichte sofort bringen«, hatte der Chefredakteur gesagt. »Aber manchmal gibt es Gründe, sich in der Berichterstattung ein wenig zurückzuhalten.« Was er nicht sagte, aber offenbar gemeint hatte: Auch Jane sollte sich zurückhalten – in Sachen StageBau.

Der Mann – roch er nach Alkohol, oder war das nur sein Deo? – zog sie weiter durch die Stadt, in Richtung Jungfernstieg, der Nebel schien immer dichter zu werden, je näher das Wasser kam. Einmal hatte sie auf die andere Straßenseite hinüberrufen und eine Gruppe halbstarker Kneipenheimkehrer alarmieren wollen. Aber der Nebel schien wie ein Knebel in ihrem Mund zu stecken. Ob die StageBau hinter dieser Aktion steckte? Schließlich hatte sie gerade einen zweiten Anlauf unternommen, eine kritische Geschichte über diesen Verein ins Blatt zu heben. War es ein Fehler gewesen, sich von Susanne anstacheln zu lassen?

Die StageBau-Recherche! Auf einmal zuckte ein Lichtblitz durch ihren Kopf. Jetzt wusste sie, woher sie die Stimme des Mannes kannte.