Der Nebel war es, dieser feuchte Nebel, der mir die Drinks aus dem Kopf wusch und mich wieder nüchtern machte. Ich stand am Ufer der Alster, die anstelle von Wasser Dampfwolken zu führen schien. Der Nebel quoll aus dem Fluss, er lag über der Stadt, er benetzte mein Gesicht wie Nieselregen. Ich atmete feuchte Luft ein und sah im dämmrigen Schein einer Laterne, dass Nebel sogar aus meinem Mund quoll.
Ein grusliger Gedanke durchzuckte mich: Vielleicht ist heute die Nacht, in der sich all die Ertrunkenen der Jahrtausende vom Flussbett der Alster erhoben haben und nun, die Münder dicht unter der Oberfläche, die letzte Luft aus ihren Lungen stoßen, abgestanden, trüb und kalt wie der Tod. Und weil der Fluss so viele Menschen schon verschluckt hat, speit er heute diesen fetten Nebel über die Stadt, als stummen Schrei der Toten.
Wie mochte Heiner Stagemann ums Leben gekommen sein? Starb er, als die kleine Privatmaschine ins Wasser schlug? Oder musste er jämmerlich ersaufen und verrichtete im Meer jetzt denselben Job wie seine Schicksalsgenossen hier an der Alster?
Susanne, Spinnerin, hör auf mit diesem Käse!, rief mein kleines Teufelchen. Die einzige Leiche in Flussnähe ist eine Schnapsleiche, und das bist du! Wieder nüchtern, dass ich nicht lache! Dann wärst du jetzt im Bett, statt auf ihn zu warten.
Ich hätte zurückfragen können, in welchem Bett, bei mir oder Friedhelm, aber ich wollte mein Teufelchen nicht provozieren. Es warf mir vor, ich hätte gegenüber Friedhelm nicht gerade ein Ausrufezeichen in Sachen Seriosität gesetzt. Das stimmte, aber was scherte mich meine Seriosität? Lang genug war ich Zaungast des Lebens gewesen, hatte nicht gearbeitet, nicht geküsst, nicht gelebt. Jetzt war ich wieder im Spiel, als hätte ich den Grund eines Flusses verlassen und die Oberfläche durchbrochen. Ich war mutlos gewesen. Jetzt hatte ich mich mit einer mächtigen Immobilienfirma angelegt und hoffte, den Kampf bald mit Marion fortführen zu können – zu meiner großen Sorge hatte sie sich noch immer nicht gemeldet.
Ich war einsam gewesen. Jetzt hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen fast Fremden geküsst, und es war nicht einmal peinlich gewesen. Es hatte sich richtig angefühlt, offenbar auch für ihn, denn im Laufe des Abends war er mehr und mehr aufgetaut, auch in der anderen Sache.
Erst hatte er abgestritten, gegenüber der StageBau unkritisch zu sein, immer wieder behauptet, diese Firma sei besonders klagefreudig, deshalb müsse er sich zurückhalten. »Ich glaube dir kein Wort«, hatte ich erwidert – so oft, bis er, durch ein paar weitere Küsse inspiriert, zerknirscht sagte: »Na gut, es stimmt ja: Jemand hat mir einen Knüppel zwischen die Beine geworfen.«
Ich gab mir alle Mühe, die Formulierung nicht misszuverstehen, auch wenn sich die Situation dafür angeboten hätte. »Wer ist dieser Jemand?«
»Ich bin noch nicht so weit, darüber zu sprechen.«
Ich hatte das »noch« registriert und nachgebohrt. Er hatte verspochen, in sich zu gehen und zu prüfen, ob er nicht doch sprechen konnte, wollte, musste.
Dann hatten wir die Bar verlassen, wateten Hand in Hand durch den Nebel, und ich fragte ihn: »Würdest du was völlig Verrücktes für mich tun?«
Und er hatte »ja« gesagt, ohne die Details zu kennen – was er, als er die Bitte hörte, dann sichtlich bereute.
Gedämpfte Schritte, die flott aufs Wasser zustrebten – der Nebel waberte so dicht, dass ich mehr hörte als sah. Gerade hatte ich mit Tante Martha telefoniert, um mich zu vergewissern, dass bei ihr alles in Ordnung war. »Bei mir schon«, hatte sie gesagt. »Aber du klingst fürwahr beschwipst. Und weißt du eigentlich, wie spät es ist, Kind?« Sie kannte mich wirklich aus dem Effeff.
Den ganzen Tag hatte ich mir vorgenommen, auf Jane vor dem Verlagshochhaus zu warten – ich wusste, dass ihr Dienst in der Regel gegen 23.30 Uhr endete. Ich wollte endlich wissen, was in die Redakteure dieser Zeitung gefahren war. Wer hatte sich die infame Überschrift mit dem tiefen Sturz eines Milliardärs ausgedacht? Warum machte man sich zum Sprachrohr von Patricia Stagemann? Nur weil von Leibringen mit seinen Vorträgen abkassierte? Oder gab es Gründe, die tiefer lagen? Gründe, die auch Jane betrafen? Hatte sie mir im Keller aufgelauert?
Falls es eine enge Verbindung zwischen der StageBau und der Hamburger Allgemeinen gab, musste ich damit rechnen, dass das Verlagsgebäude tausend Augen hatte. Und der Kontakt mit mir schien gefährlich zu sein. Ich hatte die Hornissen aus dem Bau gescheucht, sie waren wild und unberechenbar geworden. Womöglich würde Heiner Stagemann noch leben, hätte er mich nicht angeheuert. Weitere Vorfälle dieser Art wollte ich nicht provozieren.
Also hatte ich Friedhelm gebeten, Jane vor dem Verlag aufzugabeln. Ein aktuelles Fahndungsbild fand ich auf der Homepage der Redaktion. Ich wollte ein Hühnchen mit ihr rupfen, der anonyme Schmierartikel hatte mich stinksauer gemacht, deshalb sagte ich zu Friedhelm: »Lass sie zappeln. Sag ihr nur, dass du sie abholen sollst. Und sorg dafür, dass sie nicht wegläuft.«
Die beiden kamen näher. »Susanne, was machst du denn hier?«, rief Jane. Es klang fast erleichtert. Ihr Gesicht war so blass und glasig, als wäre es aus dem Nebel dieser Nacht geformt.
Ich hielt mich nicht mit einer Begrüßung auf. »Wer hat den Artikel über Stagemann verbrochen? Und wer diese idiotische Überschrift? Ich habe die Autorenzeile vermisst!«
Sie glotzte mich eine Weile an, während ihr Oberkörper pendelte, als zögen Gewichte an ihm, mal senkte sich die eine Schulter, dann die andere. »Ist das dein Ernst? Weil dir eine Überschrift und ein Artikel nicht gefallen, lässt du mich auf offener Straße …«
»Sind wir uns neulich nicht in einem Keller begegnet?«
»Wovon redest du?«
»Von einem unsanften Schlag auf meinen Kopf.«
Sie sah verwirrt aus. »Ich mache Schlagzeilen. Aber ich schlage nicht auf Köpfe.«
»Das ist manchmal dasselbe. Ich habe dich abholen lassen, weil ich das unauffälliger fand, als selbst vor dem größten Verlagshaus Hamburgs zu stehen.«
Jetzt pendelte sie ein Stück nach hinten. »Das war kein Abholen, das war ein Verschleppen. Dazu hast du kein …«
»Ich würde dich lieber zu einem kritischen Artikel über die StageBau beglückwünschen.«
Sie ging in die Knie, als müsste sie sich übergeben. Ein paar Sekunden verharrte sie am Boden, den Kopf geneigt, ehe sie wieder nach oben kam. »Weißt du eigentlich, dass ich Todesangst hatte? Ich bin von einer Entführung ausgegangen.«
»Das tut mir leid.« Kann daran liegen, dass ich etwas beschwipst bin, wollte ich hinzufügen, aber das klang nicht wirklich wie eine gute Entschuldigung.
Sie drehte sich zu Friedhelm. »Und Sie machen da mit? Ich weiß genau, wer Sie sind.«
Friedhelm zog den Kopf etwas ein. »Woher, ähm, woher wissen Sie das?«
»Ich habe bei der Recherche für einen Artikel mal kurz mit Ihnen telefoniert.«
»Sie waren diese Journalistin von der Hamburger Allgemeinen?«
Jane nickte.
»Du hast recherchiert für einen Artikel, der merkwürdigerweise nie erschienen ist«, sagte ich.
»Das lag nicht an mir.«
»Und die heutige Überschrift? Lag auch nicht an dir. Und der Inhalt? Lag auch nicht an dir.«
»Susanne, überleg doch mal: Warum sollte ich ein Thema recherchieren, wenn ich darüber nicht schreiben wollte? Ich fand es skandalös, was die StageBau ihren Mietern zumutet.«
»Auf einmal also doch? Hast du nicht selbst zu mir gesagt, die Geschichte über einen ausbeuterischen Vermieter sei stinklangweilig: Hund beißt Briefträger statt umgekehrt?«
»Ich habe mich vor dir geschämt. Das war nur eine Ausflucht. Es geht bei diesem Blatt leider nicht nach mir.«
»Du bist die Chefin des Lokalteils, du hast das Recht, eine Geschichte ins Blatt zu heben.«
Sie wandte ihren Blick ab und sprach in den Nebel. »Eigentlich schon. Aber mein Chefredakteur …«
»Ich hab dir doch gesagt: Wer kämpft, kann verlieren. Aber wer nicht kämpft, hat schon verloren. Du kämpfst zu wenig.«
»Ich brauche nicht zu kämpfen«, flüsterte sie. »Ich habe den Kampf schon verloren.«
»Warum?«, fragte ich.
»Weil ich …« Sie stockte und atmete schwer.
»Weil du?«
»Weil ich erpressbar bin.« »Wodurch?«
»Die erpressen mich mit Videoaufnahmen, kompromittierendem Material.«
»Das ist wirklich perfide!«, rief Friedhelm aufgewühlt. Es klang, als käme ihm dieser Vorgang bekannt vor.