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»Lass mich raten, Prinzessin: Du steckst in der Scheiße, und ich darf dich rausziehen – stimmt’s?«

Es war 2.30 Uhr in der Nacht, aber Iris klang kein bisschen sauer über meinen Anruf, sondern erfreut, mir helfen zu können.

»Ich hab ein paar Drinks zu viel gekippt«, sagte ich. »Und einen fast fremden Mann geküsst.«

»Ist ja spektakulär. Dir geht es besser!« Pause. »Und jetzt sag mir, was mich am meisten interessiert!«

»Marion hat sich noch immer nicht gemeldet. Ich kann mir das nicht mehr erklären: am Samstag kein Wort, am Sonntag kein Wort und heute auch nicht.«

»Ich wollte hören, ob er küssen kann. Und ob ihr im Bett gelandet seid.«

»Wir haben eine Journalistin entführt.«

Iris stieß einen Pfiff aus. »Zu euch ins Bett?«

»Jetzt hör aber auf! Ich musste ihr ein paar dringende Fragen stellen. Und es hat sich gelohnt.«

»Hey, ist ja ’n Ding, Prinzessin: Du gibst wieder Vollgas. Ich sag ja: Du wirst gesund!«

»Stell dir vor, die StageBau ist auch im Filmgeschäft tätig.«

»Echt jetzt? Was drehen die denn? Gruselfilme in ihren Häuserruinen?«

»Die filmen Männer, die sich gegen Bezahlung den Arsch versohlen lassen.«

Iris pfiff erneut. »Darf ich so einen Film auch mal sehen, Prinzessin?«

»Ich hab dir doch von der Nachbarwohnung der Weigels erzählt, wo’s immer so zur Sache geht, dass die Wände wackeln. Das ist nicht die einzige Wohnung dieser Art.«

»Ist doch klar wie Kloßbrühe: Dann sprechen wir nicht vom Filmgeschäft, sondern von Prostitution!«

»Von einer Kombination aus beidem. Die StageBau besitzt einige Immobilien auf dem Kiez. Offenbar gibt es enge Verbindungen zu Zuhältern. Ein Fingerschnipsen genügt, schon wird eine Wohnung von Prostituierten bezogen.«

Vor einer Stunde war ich nach Hause gekommen, hatte den Stick geöffnet und die Wohnadresse der Weigels in die Suchmaske eingetippt. Das Haus tauchte nicht nur bei den »Brandschutzmaßnahmen« auf, sondern auch in der Liste »Wohnprojekte für Frauen«. Hier fanden sich siebenundzwanzig Wohnungen, meist in exklusiven Vierteln der Stadt. Handwerkerrechnungen über »visuelle Sicherheitsmaßnahmen« wiesen auf den Einbau von Kameras hin. Ich war überzeugt, dass es sich um Bordelle handelte. Damit konnte man nicht nur unliebsame Mieter verscheuchen, sondern auch eigene Gegner erpressen. Wer als männlicher Hauptdarsteller in einem solchen Film auftauchte, musste vor Scham nicht nur erröten, sondern auch verstummen.

»Und was hat die Journalistin damit zu tun?«, fragte Iris.

»War sie in einer dieser Wohnungen und hat sich …«

»Nein, das hat Jane nicht. Aber ihr Mann. Und der ist Gleichstellungsbeauftragter.«

Iris sprudelte ihr legendäres Lachen heraus. »Mit Betonung auf ›Stellung‹ – oder?«

»Ihr Chefredakteur hat sie jetzt in der Hand: Sie darf kein böses Wort über die StageBau schreiben. Sonst fliegt ihr Mann auf.«

»Ihr Chef – ist das nicht dieser Idiot Frank von Leibringen, der dich im Vorstellungsgespräch hat abblitzen lassen?«

»Er wäre ein Idiot gewesen, wenn er mich genommen hätte – bei meinem peinlichen Auftritt.«

»Quatsch, Prinzessin! Der hatte andere Gründe: Wie man keinen Marder in einen Motorraum setzt, ohne um die Kabel zu fürchten, so setzt man keine Susanne Mikula in eine Redaktion, ohne zu fürchten, dass sie an der Fassade knabbert und die Wahrheit aufdeckt.«

»Dass du mich mit einem Marder vergleichst, lass ich dir nur durchgehen, weil es mitten in der Nacht ist. Ein Marder richtet Schaden an: Er zerbeißt Schläuche.«

»Wenn’s die richtigen sind – meinetwegen! Dann bleibt das Gangsterauto stehen, hey.«

»Aber deine Argumentation ist unlogisch: Warum lädt Frank von Leibringen mich zu einem Vorstellungsgespräch ein, wenn er mich fürchtet? Er hätte meine Bewerbung doch einfach in den Papierkorb stopfen können.«

»Und wenn es diese Jane war, die dich eingeladen hat? Wenn er gar nicht wusste, wer ihn da erwartet?«

»O doch, das wusste er: Jane hat mir nach dem Gespräch am Fahrstuhl erzählt, er sei ganz scharf darauf gewesen, mich kennenzulernen. Ihm war bekannt, was ich in Reinstadt veranstaltet hatte.«

»Ist ja noch viel unlogischer: Wenn er ein Fan von dir ist, dann hat er dich verflixt noch mal einzustellen.«

»Es sei denn …«, hob ich an – und brach ab, weil mir der Gedanke nicht gefiel.

»Es sei denn …«

»… er hat mich nur eingeladen, um mich in die Arme der StageBau zu treiben.« Fast hatte ich schon wieder meine dringende Frage vergessen, woher der livrierte Chauffeur wusste, zu welcher Sekunde ich aus einem Verlagsgebäude in Hamburg trete.

»So ’n Quatsch, Prinzessin! Die StageBau hätte dich nicht freiwillig ins eigene Haus gelassen.«

»Patricia nicht, die will alles vertuschen. Aber Heiner hat mich ja geholt.«

»Du meinst, dass dieser Chefredakteur ein kleiner, mieser Lakai von Heiner Stagemann war?«

Ich dachte an die Schlagzeilen des Tages – wie er Stagemann ins Grab gepinkelt hatte. »Nein, das ergibt keinen Sinn.« Oder war es doch so, wie Tante Martha spekuliert hatte? War ich nicht in die StageBau geholt worden, um etwas aufzuklären, sondern nur, um den Anschein von Aufklärung zu erwecken? Hieß meine wahre Jobbeschreibung: »Feigenblatt«? Und hatte Heiner Stagemann nur sterben müssen, weil ich aus dieser Rolle gefallen und den kriminellen Elementen gefährlich geworden war?

Iris erinnerte mich noch daran, ihr rasch die vereinbarten 3.000 Euro für die Versteigerung per Schnellüberweisung zu schicken. Dann gähnte sie ins Telefon. »Prinzessin, ich brauch noch ’ne Mütze Schlaf. Aber die wichtigste Antwort bist du mir noch schuldig, hey.«

Ich grübelte. »Welche denn?«

»Konnte er küssen?«

Ich lachte. »Und ob!«

Mit diesem Gedanken schlief ich fünf Minuten später ein.