Als mein Handywecker um sieben Uhr ging, war ich so müde, dass ich mich kaum von der Stelle bewegen konnte. Doch zwanzig Sekunden später saß ich aufrecht in meinem Bett. Die Schrift auf dem Display zitterte, was an meinen Händen lag. Eine Nachricht von Marion. Sie lebte! Und sie schrieb: »Wir müssen reden. Heute Abend beim Joggen. Nicht anrufen! Bin um sieben an der Oberalster.« Sie nannte die Koordinaten einer kleinen Brücke.
Mir fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen. Offenbar hatte Marion Zeit gebraucht, um wieder zu sich zu kommen. Sie hatte einen geschätzten Menschen verloren, vielleicht sogar einen geliebten. Je länger ich über diese These Marthas nachdachte, desto plausibler erschien sie mir. Hatte Marion nicht übermäßig von seinen Qualitäten geschwärmt – eben so, wie Verliebte es tun?
Meine Blitzrecherche hatte ergeben, dass über Heiner Stagemanns Privatleben nur zweierlei bekannt war: dass er Hobbys sammelte wie andere Leute Briefmarken, inzwischen waren es wohl über zwei Dutzend – und dass er als »begehrtester Junggeselle der Stadt« galt, also unverheiratet war. Nichts hätte dagegengesprochen, sich mit einer so attraktiven Frau wie Marion einzulassen, zumal beide vom Denken gut zueinander passten. Marion war eine soziale Frau, die sich für Afrika engagierte, er ein sozialer Mann, der mit seinem Geld Hospize und andere soziale Einrichtungen unterstützte.
Ich duschte und genoss es, wie das Wasser auf mich einprasselte. Der Dampf, der danach nebelartig im Badezimmer stand, erinnerte mich an den Vorabend, ebenso meine preisverdächtigen Augenringe. Und mein Kinn sah aus, als hätte es jemand mit einer Stahlbürste geschrubbt. Auch wenn die »Bürste« aus Bartstoppeln bestand.
Ein Lächeln zog meine Mundwinkel hoch. Endlich gefiel ich mir wieder im Spiegel, meine Augen verströmten Licht und Leben. »Du wirst wieder gesund«, hatte Iris gesagt – womöglich stimmte das, zumindest seelisch. Und wofür gab es eigentlich Make-up, wenn nicht zum Kaschieren eines ramponierten Kinns und schauriger Augenringe?
Am Frühstückstisch las ich Tante Martha vor, was Marion geschrieben hatte. Sie führte gerade ihre Drachentasse an den Mund, hielt aber in der Bewegung inne: »Warum freust du dich so über diese Nachricht, Kind?«
»Weil ich in großer Sorge war. Weil ich jetzt weiß, dass mit Marion alles in Ordnung ist.«
Ihre Augenbrauenjalousie fuhr nach oben, und ihr Blick fixierte mich. »Weißt du das gewisslich?«
»Wenn es ihr schlecht ginge, würde sie mich nicht zum Joggen einladen.«
Martha nahm einen Schluck Tee. »Kommen dir der Ort und die Uhrzeit nicht merkwürdig vor?«
»Tante, sie ist krankgeschrieben! Sie kann nicht am hellen, heiteren Nachmittag mit mir an der Alster entlangjoggen.«
»Aber du sagst doch, dass ihr noch nie zusammen laufen wart. Warum gerade jetzt?«
»Weil das unauffällig ist! Am Telefon könnten wir belauscht werden, in einem Lokal genauso. Vielleicht auch in ihrer Wohnung. Aber beim Joggen ist das unmöglich – es sei denn, uns liefe jemand hinterher. Aber das würden wir hören.«
»Um neunzehn Uhr, Kind, ist es jetzt im Herbst doch längst zappenduster.«
Ich tippte an meinen Kopf. »Der moderne Jogger trägt eine Stirnlampe, Tante!«
»Warum will sie dich am Oberlauf der Alster treffen? Dort ist um diese Zeit doch keine Menschenseele unterwegs.«
»Genau das ist der Grund: Da sind wir für uns und können in Ruhe reden.«
Sie setzte die Tasse etwas zu laut ab. »Und wenn du in eine vermaledeite Not gerätst? Bäume eilen dir nicht zu Hilfe. Und der Fluss verschluckt deine Rufe.«
»Ich gerate höchstens in Atemnot, weil Marion viel fitter ist als ich.«
»Kind, wer von uns beiden lahmt? Nicht du, sondern ich. Und Doktor Otten war immer noch nicht da.« Tante Martha nippte so vorsichtig an ihrem Tee, als wäre er glutheiß; dabei war er nur noch lauwarm: »Warum sollst du sie nicht anrufen?«
»Ich vermute mal, sie ist in Sorge, dass man sie abhört.«
Sie schwieg und kratzte sich am Kopf. Ich atmete tief ein, der vertraute Geruch aus Zitrone, Jasmin und Vanille kitzelte in meiner Nase. »Susanne, ich will dir keine Angst machen, aber ich habe ein fürwahr ungutes Gefühl. Erst meldet sich deine Freundin drei Tage lang nicht. Und dann will sie dich plötzlich bei Dunkelheit treffen, an einem einsamen Ort, ohne vorher fernmündlich mit dir zu sprechen.« Ihre Stirn lag in tiefen Falten.
»Worauf willst du hinaus, Tante Martha?«
»Der schlimmste Fall wäre aus meiner Sicht, dass deine Freundin in einer misslichen Lage ist.«
»So schlecht kann es ihr nicht gehen, wenn sie sich mit mir zum Joggen verabredet.«
»Hat sie sich mit dir verabredet?«
»Klar – ich hab dir die Nachricht doch vorgelesen.«
»Nein, ich meine: Hat gewisslich sie sich mit dir verabredet?«
An ihrer Betonung merkte ich, woher der Wind wehte. »Du meinst, jemand anders könnte ihr Handy benutzen.«
Ihr Zeigefinger beschleunigte im Looping des Tassengriffes. »Womöglich wird sie gefangen gehalten. Oder hat ihr Leben schon ausgehaucht. Kannst du mir das Gegenteil beweisen?«
»Theoretisch ist das möglich«, sagte ich diplomatisch.
»Und deshalb, Kind, musst du dieses Treffen an einen belebteren Ort verlegen. Zum Beispiel in die Innenstadt.«
»Das ist ein guter Vorschlag«, sagte ich diplomatisch. Diesmal schien mir Tante Marthas Vorsicht übertrieben. Zwar traute ich der StageBau mittlerweile vieles zu. Aber dass Marion tot in ihrer Wohnung lag, während der Killer die Joggingschuhe schnürte und mir Nachrichten schrieb – dieses Schauermärchen war lächerlich. Einleuchtend erschien mir, dass Marion am Trauern war und sich erst mal hatte sammeln müssen. Gut möglich, dass sie mir erzählen wollte, wie eng sie wirklich mit Stagemann verbandelt war. Für mich stand fest: Niemand war so sehr an der Aufklärung dieses Unglücks interessiert wie sie. Und gemeinsam würden wir es packen.
Ich freute mich, sie am Abend zu treffen. Nur die Stirnlampe musste ich mir noch besorgen.