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Es musste ein Missverständnis sein, eine Riesenschlamperei in der Buchhaltung. Auf meinem Girokonto war nur ein Bruchteil meines Gehaltes angekommen – gerade genug, um Sebastian seinen Unterhalt nach London zu überweisen und mein eigenes Leben zu finanzieren. Aber viel weniger, als in meinem Arbeitsvertrag vereinbart. Und viel weniger, als ich gebraucht hätte, um den Armreif meiner Mutter zurückzuersteigern. Und ich musste das Geld dafür noch heute an Iris überweisen.

Mein inneres Teufelchen rief dazwischen: Genug, um dein Leben zu finanzieren? Träum weiter! Hast du denn schon verdrängt, wie viele offene Rechnungen sich in deiner Schublade stapeln? Verdrängt, dass Iris jeden Tag neue Umschläge aus deinem Briefkasten kramt und auf dem Küchentisch stapelt? Verdrängt, dass sie erst neulich mit deiner Vollmacht mehrere Einschreiben von der Post geholt hat, die verdächtig nach letzten Mahnungen aussahen? Aber du hast sie ja gebeten, die Umschläge geschlossen zu lassen. Als wäre eine Rechnung nur offen, wenn man den Umschlag auch öffnet. Das ist die Logik einer Dreijährigen. Werd erwachsen!

Ja, ich hatte als Finanzministerin versagt. Aber dennoch war mir die StageBau mein volles Gehalt schuldig – heute noch, denn ich musste das Geld an Iris weiterreichen und hatte nicht vor, mir das Andenken an meine Mutter ein zweites Mal aus dem Herzen reißen und den Armreif morgen an einen Wildfremden versteigern zu lassen.

Nach ein paar internen Telefonaten hatte ich herausgefunden, wer meine Ansprechpartnerin in der Personalbuchhaltung war: Laura Schmalstieg, die Frau mit dem USB-Stick. Ausgerechnet! Aber mir blieb keine Wahl, ich musste in die Höhle der Löwin. Ihr Büro lag auf der anderen Seite des Gebäudes, ich trat ein und grüßte. Ein kleiner Raum, so aufgeräumt, als wäre er Teil eines unbenutzten Musterhauses.

»Ja, bitte?«, sagte sie, ohne den Blick von ihrem Bildschirm zu heben. Ich sah, dass der Pickel auf ihrer Nase vom Roten ins Gelbliche überging.

»Frau Schmalstieg, es geht um mein Gehalt. Da muss ein Missverständnis vorliegen. Es wurde nur ein Teil überwiesen.«

»Das ist kein Missverständnis«, sagte sie zu ihrem Bildschirm.

»Offenbar doch. Denn ich beziehe ein Bruttogehalt von 7.500 Euro. Netto müssten da über 4.250 Euro bleiben. Aber mir wurde viel weniger überwiesen.«

»Ihnen schon, das stimmt.« Die Art, wie sie ihre Lippen formte, erinnerte mich an das Maul einer Schlange.

»Wie bitte? Das klingt ja, als hätten Sie mein Gehalt an jemand anderen überwiesen.«

»Korrekt.« Ihr Zeigefinger tippte den rot-gelben Pickel auf ihrer Nase an, als wäre es ein Knopf, um ausgeteilte Gemeinheiten zu registrieren.

»Wollen Sie mich veräppeln? Sorgen Sie auf der Stelle dafür, dass ich mein komplettes Gehalt aufs Konto bekomme – per Eilüberweisung, heute noch. Sonst wird Frau Römer Ihnen Dampf machen.«

»Spricht sie denn mittlerweile wieder mit Ihnen?«

Ich hielt die Luft an, um nicht zu explodieren, denn genau das wollte sie. Ich musste sachlich bleiben, denn es ging um das Andenken meiner Mutter. »Ich entschuldige mich für meinen Auftritt von gestern. Ich hatte einen schlechten Tag. Aber sagen Sie mir jetzt bitte, wie ich rasch an mein Gehalt komme. Ich brauche es dringend.«

»Das mit dem ›dringend‹ glaube ich Ihnen sofort.«

»Wie komme ich an mein Gehalt?«

»Tut mir leid«, sagte sie, und ihre Zunge schien zu zischen. »Uns wurde ein Pfändungs- und Überweisungsbeschluss zugestellt.«

»Wie bitte?«

»Wir konnten Ihnen nur den unpfändbaren Anteil Ihres Einkommens ausbezahlen. Der Rest ist direkt an ihre Gläubiger gegangen.«

»Das können Sie doch nicht machen!«

»Das müssen wir sogar; der Gesetzgeber schreibt das vor, wenn jemand seine Schulden nicht bezahlt.«

»Es geht Ihnen doch gar nicht um die Gesetze! Sie wollen mich fertigmachen! Sie haben mir doch gerade erst angedroht, dass ich Sie noch von einer Seite kennenlerne, die mir nicht gefallen wird.«

»Das war ein Zitat von Ihnen. Und zu diesem Zeitpunkt war alles schon auf dem Weg.«

»Ich kenne die Gesetze nicht so genau wie Sie, aber eines weiß ich sicher: Es kann nicht sein, dass ich diese Hiobsbotschaft vom Gehaltszettel ablesen muss! Sie hätten mir vorher Bescheid geben müssen.«

»Das haben wir, sogar per Einschreiben. An Ihre Meldeadresse in Reinstadt. Lesen Sie Ihre Post denn nicht, Frau Mikula?«

Als ich wieder an meinem Schreibtisch saß, ließ ich meinen Kopf auf die Tastatur fallen und begann zu weinen. Es schüttelte mich, meine Tränen hätten ausgereicht, um die vertrocknete Topfpflanze auf der Fensterbank wiederzubeleben. Danach wischte ich meine Tastatur mit mehreren Papiertaschentüchern trocken – die Wimperntusche färbte sie dunkel – und schrieb Iris, dass sich ihr Auftritt bei der Versteigerung erledigt habe, leider.

Was war ich doch für eine Rabentochter; ich hatte es endgültig geschafft, das Andenken meiner Mutter zu verjubeln.