Ich schrieb es dem Restalkohol zu, dass ich die Information in der Nacht nur gelesen, aber ihre Tragweite nicht verstanden hatte. Wie gut, dass ich die Liste mit den zwei Häusern »zur Prüfung anstehender Brandschutzmaßnahmen« erneut aufgerufen hatte. Dass womöglich ein Feuerteufel das Haus der Weigels ins Visier nahm, ließ mir keine Ruhe.
Ich musste an Hermann Weigel denken, diesen Schatten von einem Menschen, dem der Lärm jeden Tag wie eine Überdosis Gift zusetzte. Und ich musste an seine Frau denken, der ich mein »großes Indianer-Ehrenwort« gegeben hatte, diesen Terror abzustellen.
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch davon ausgegangen, der mächtigste Mann der StageBau könnte die Sache für mich regeln. Nun war Heiner Stagemann vom Radar der Welt verschwunden – noch nicht einmal die Überreste seiner Maschine waren aufgetaucht –, und ich musste die Sache im Alleingang zu Ende bringen. Oder mein Ehrenwort brechen.
Du hast dein Ehrenwort doch schon gebrochen!, zischte mein inneres Teufelchen. Jedes Mal, wenn im Haus der Weigels der Bohrer heult, wenn es in der Nachbarwohnung quietscht und stöhnt, wenn ›Hermann-Schatz‹ auf seinem Krankenbett zusammenzuckt, als schüttelte ihn der Tod persönlich – jedes Mal wird Paula Weigel dein Gesicht vor Augen sehen, die Fratze einer Lügnerin. Wer nicht mal seine eigenen Rechnungen bezahlt, sollte anderen Leuten kein ›großes Indianer-Ehrenwort‹ geben!
Was ich auf dem Bildschirm vor mir sah, ließ mich frösteln. Der Knallfrosch in meiner Brust sprang wild durch die Gegend, mein Hals wurde eng, meine Hände umklammerten die Armlehne meines Schreibtischstuhls. Ich fixierte das entscheidende Wort: »Abschlussdatum«. Die Buchstaben, als wollten sie mich necken, schienen ihre Position zu tauschen, ich las »Asbchulssdtamu«. Tief atmen, Susanne, tief atmen.
Ich schloss die Augen, um mich zu sammeln. Ich musste einen kühlen Kopf bewahren, denn es ging um Menschenleben. Ich musste einschreiten, ehe es zu spät war, dem Feuerteufel ein Bein stellen. Aber wie bloß?
Ich öffnete meine Augen wieder: »Abschlussdatum« – jetzt hatten sich die Buchstaben wieder richtig formiert. Das erste »Abschlussdatum« für die »Brandschutzmaßnahmen«, 15. Oktober, stand unter dem Haus in der Eppendorfer Landstraße – an diesem Tag war der Brand ausgebrochen. Das zweite »Abschlussdatum« stand unter dem Haus der Weigels – 27. Oktober. Das war morgen.
Der Gang erinnerte mich wieder an eine Gletscherspalte, links und rechts ragten die Bücherregale bis zur Decke. Die Tür war offen, er saß vor dem Fenster. Sein Schreibtisch sah immer noch aus, als wäre gerade ein Orkan hinübergefegt. Es war ein merkwürdiges Gefühl, Friedhelm bei Tageslicht wiederzusehen, seine Locken kringelten sich trotzig in die Welt hinaus.
Wie würde es weitergehen mit uns? Die letzte Nacht konnte in sich geschlossen bleiben, ein Vakuum, und alles, was darin geschehen war, würde dem Tageslicht entzogen bleiben. Dann würden wir uns jetzt die Hand reichen, uns wieder siezen, die Lippen des anderen nur noch anschauen und in Gedächtnislücken stochern: »Ich kann mich an gestern Nacht gar nicht mehr erinnern – und Sie?«
Oder diese Nacht erwies sich als Brücke, die zum Ufer des Tages führte. Dann würden wir bei den Vornamen bleiben. Und die Lippen nicht nur zum Sprechen verwenden. Ich wusste, welche Variante ich bevorzugte, aber diesmal lag der Ball auf seinem Feld; ich hatte mich in der Bar schon weit genug vorgewagt.
Ich wusste fast nichts von ihm, außer, wie er zu seinem Namen gekommen war: Er hieß Friedhelm, weil sein Großvater Eckhard, Zimmermann und Pazifist, im Zweiten Weltkrieg gegen seinen Willen an der Ostfront gelandet war. Dort hatte er sich geweigert, auf den »Feind« zu schießen, worauf er von Kugeln durchlöchert worden war – deutschen Kugeln. Man hatte ihn der Desertion beschuldigt und an die Wand gestellt. Von diesem Drama erfuhr die Familie erst fünf Jahre später, als ein Kamerad des Großvaters aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte.
Der Großvater hatte den Helm der Wehrmacht getragen, obwohl er ein friedlicher Mann war. Das inspirierte den Sohn dazu, seinen Erstgeborenen Friedhelm zu nennen. »In der Schule haben sie mich mit dem Namen aufgezogen«, hatte Friedhelm auf dem Weg von der Bar zur Innenstadt erzählt. »Aber ich bin stolz auf den Namen, er erzählt eine Geschichte, ist viel individueller als Werner oder Michael oder Frank. Für mich ist er ein Erbstück.« Beim letzten Wort hatte ich schlucken müssen.
Als Friedhelm von seinem Schreibtisch aufsah und mich entdeckte, leuchteten seine grünblauen Murmelaugen. Er sprang auf, wehte zu mir und nahm mich fest in den Arm. Variante zwei, dachte ich. Bis sein Kuss mein Denken in Feinstaub auflöste.
Dann saßen wir wieder an seinem Besuchertisch im Vorzimmer. Ich erinnerte mich, wie ich mich hier das letzte Mal mit einer roten Mappe aus der Tür gestohlen hatte.
»Und du bist dir ganz sicher, Susanne?«, fragte er. »Ich meine: Wer wäre so blöd, einen Brandanschlag mit Datum zu dokumentieren.« Sein Zeigefinger malte Kreise in die Bartstoppeln des Kinns.
»Die haben nicht geschrieben: ›Wir zünden ein Haus an!‹«, sagte ich. »Die haben geschrieben: ›Wir schützen ein Haus vor Brand!‹ Damit kann ihnen niemand an den Karren fahren.«
»Aber das Datum! Wenn die Häuser am Abschlusstag der Brandschutzmaßnahmen niederbrennen, ist das doch extrem auffällig.«
»Wer kennt dieses Dokument denn schon? Das hing nicht am Schwarzen Brett. Nur zufällig bin ich darauf gestoßen, in einer riesigen Datenflut. Wollen wir wetten: Nach dem nächsten Brand wird es vom Server verschwunden sein.«
Sein Zeigefinger verharrte auf dem Kinn. »Und wenn du dich irrst? Wenn der Brand in der Eppendorfer Landstraße nur zufällig auf das Datum der Brandschutzmaßnahme gefallen ist? Du hast nur einen Brand verfolgt. Daraus kannst du doch kein Gesetz der Serie ableiten.«
»Erst habe ich nur ein Haus gekannt, in dem Eimer mit stinkender Flüssigkeit ausgeschüttet wurden – dann waren es mehrere. Erst habe ich nur ein Haus gekannt, in dem die Mieter um den Verstand gehämmert wurden – dann waren es mehrere. Und bestimmt gibt’s auch mehrere Fälle mit zugemauertem Schornstein. Oder?«
Ich probierte, ihn ernst anzuschauen, mich nicht gleich in seinen Murmelaugen zu verlieren. Würde er nun Klartext sprechen? Oder hielten ihn unsere Küsse nicht davon ab, nach wie vor die StageBau in Schutz zu nehmen?
»Das mit dem Schornstein war der zweite Fall hier in Hamburg«, sagte er. »Und es gibt einen weiteren in Köln.«
Na also! Er war gar nicht so schlecht darin, Farbe zu bekennen. »Siehst du!«, sagte ich. »Wer bereit ist, seine Mieter zu vergasen, schreckt auch vor Feuer nicht zurück.«
»Das mag ja sein. Ich weiß aus vielen Fällen, dass ein leeres Grundstück ohne Verpflichtungen mehr wert ist als ein bebautes mit laufenden Mietverträgen. Aber ich zweifle immer noch daran, dass morgen etwas passieren wird. Das Datum kann Zufall sein.«
»Dein Vorschlag lautet also: Wir unternehmen nichts – und schauen einfach mal, ob in der Nacht die Sirenen heulen, ein paar Menschen verbrennen und am nächsten Tag fette Schlagzeilen die Hamburger Allgemeine zieren?«
Sein Zeigefinger schabte hektisch übers Kinn, als wollte er die Wurzeln der Bartstoppeln ausgraben. »Das habe ich so nicht gesagt. Aber was willst du denn unternehmen?«
»Zum Beispiel: herausfinden, wer den Anschlag plant – und ihn daran hindern.«
»Dann finde das mal bis morgen heraus. Du hast fast nichts in der Hand.«
Ich überlegte einen Moment und sagte dann: »Es gibt einen Trumpf, mit dem ich einen Anschlag verhindern könnte.«
»Und der wäre?«
»Was ist, wenn ich den geplanten Brand öffentlich mache? Ich könnte im Internet ein Video hochladen, in dem ich der Öffentlichkeit von meinem Verdacht erzähle. Dann gerät die StageBau unter Druck!«
Er schlug die Handfläche gegen das Kinn. »Bist du verrückt! Du würdest einen Brand ankündigen, der dann garantiert nicht stattfindet – und hast eine Mega-Verleumdungsklage an der Backe. Die verstehen keinen Spaß, wenn jemand ihr Image schädigt. Die können dich auf Millionen verklagen.«
Jetzt war er wieder der abwägende Friedhelm, nicht mehr der mutige Robin. Dieser Rückschritt ärgerte mich. »Du klingst wie ein Angsthase. Wenn das Mieterschutz ist, dann will ich nicht von dir beschützt sein!«
»Susanne, du bist unfair!«
»Auf welcher Seite stehst du eigentlich?«
Seine Augenschlitze verengten sich, die grünblauen Murmeln sahen jetzt wie Linsen aus. »Ich will dich vor Schaden schützen, nicht die StageBau. Aber offenbar bist du wild entschlossen, dir eine blutige Nase zu holen. Du willst dir nicht helfen lassen.«
»Würdest du mir denn helfen?«
»Denk dran, was ich gestern Abend für dich getan habe. Die Aktion vorm Verlag, das war völlig verrückt.«
»Heißt das, du würdest mir wieder helfen?«
Er nickte, und ich sagte: »Gratuliere, du hast morgen Abend ein Date.«
Er legte den Kopf schräg und sah mich skeptisch an: »Und wo treffen wir uns?«
»Vorm Haus der Weigels.«
Sein Zeigefinger bohrte sich in das Kinn. »Du willst doch nicht …«
»Doch – ich will den Feuerteufel auf frischer Tat stellen.«