Mein Treffen mit Marion lag ein paar Tage zurück, und in der Erinnerung fiel mir auf: Es gibt zwei Arten von Bäumen – solche bei Tag und solche bei Nacht. Ein Baum bei Tag ist eine hübsche Pflanze, er beherbergt Vögel, ist die längste Zeit des Jahres grün, spendet Kühle und weist den Weg zur Sonne. Die Blätter wispern freundliche Geschichten, wenn der Wind sie krault, und das Vogelgezwitscher versüßt den Tag.
Bei Nacht aber mutiert ein Baum zum riesigen Schattenwesen, er verschlingt Mondlicht, foltert Käuzchen – schreien sie nicht gespenstisch? – und hält dem Himmel die Augen zu. Jeder Baum bei Nacht ist ein Riese, jeder seiner Äste ein Arm, der nach einem greifen kann. Und ein Baumstamm scheint nur dafür gemacht, dass jemand hinter ihm lauert. Bäume bei Nacht sind bedrohlich.
Das hatte ich gedacht, als ich mit raschem Schritt über den finsteren Waldweg gelaufen war. Das Laub hatte geraschelt unter meinen Füßen, als knisterte es vor Spannung. Links und rechts des Weges ragten die Bäume auf, wie eine schwarze Wand, die das spärliche Mondlicht aufsaugte. Einmal blieb ein runtergefallener Ast zwischen meinen Beinen hängen, ich stolperte, aber fing mich. Dafür, dass es dunkel war, lief ich zu schnell. Es war, als würde ich vor etwas fliehen, aber wovor?
Irgendwo im Unterholz knackte es, ein trockener Ast brach, vielleicht ein Wildschwein. Oder war es ein Mensch, dessen Hand jetzt einen Schlagstock umklammerte? Ich wollte darüber nicht nachdenken, ich lief weiter. Am Uferweg, vor einer kleinen Holzbrücke, war ich mit Marion verabredet.
Gern hätte ich meine Stirnlampe eingeschaltet, aber ich zwang mich, das nicht zu tun. Dann wären meine Augen sofort nachtblind gewesen, und man hätte mich in der Dunkelheit aus großer Entfernung gesehen. Ich wäre zur laufenden Zielscheibe geworden. Keine Ahnung, wer sich um diese Zeit mit welchen Absichten hier herumtrieb.
Es ist neunzehn Uhr, nicht Mitternacht, spottete mein inneres Teufelchen. Sag doch gleich, dass du dir vor Angst in die Hosen machst. Erst lachst du Tante Martha aus, weil sie dich vor einem Hinterhalt warnt. Und jetzt, du Heldin, klappern dir die Zähne, weil es im Wald überraschenderweise ein paar Bäume gibt, dunkel ist und ein Häschen im Unterholz hoppelt.
Vor mir zeichneten sich die Konturen einer Brücke ab. Und ein vertrautes Plätschern verriet den Fluss. Ein paar Schritte später sah ich Wasser silbern glitzern, hier ließen die Bäume einen Streifen Mondlicht durch. »Marion«, flüsterte ich in die Nacht. »Marion, bist du hier?«
Ein Klatschen im Wasser war die Antwort. Wahrscheinlich eine Bisamratte. Ich lehnte mich ans Brückengeländer. Mein Atem ging schnell, als käme ich bereits vom Joggen zurück. Dabei war ich nur vor meiner eigenen Angst weggelaufen. Dass ich jetzt ausgerechnet am Rand einer Brücke stand, kam mir wie ein übler Scherz des Schicksals vor: Wann würden mich die alten Bilder von der Autobahnbrücke wieder überfallen?
Zwei bläuliche Lichter, die über dem Boden schwebten, hoppelten aus der Ferne auf mich zu, begleitet von Laubrascheln und Keuchen. Brachte Marion jemanden zum Joggen mit? Wer mochte ihr Begleiter sein? Und warum hatte sie mir das nicht angekündigt?
Doch an den Stimmen erkannte ich, dass sich zwei Männer näherten. Es schien mir keine gute Idee, den beiden hier zu begegnen. Ich watete ein paar Schritte durchs knisternde Laub in den Wald und presste mich hinter einen dicken Baumstamm. Hier roch es nach Moos und Harz. Die beiden liefen vorbei, ohne mich zu bemerken. Einer erzählte von der Magersucht seiner Tochter, der andere sagte pausenlos »Verstehe!« Das heftige Keuchen bei mäßigem Tempo verriet, wie untrainiert sie waren.
Ich wartete ab, bis sie weit genug weg waren. Zurück zur Brücke! Doch ein Rascheln im Wald, direkt hinter mir, ließ mich erstarren. Wäre ich nur auf dem Weg geblieben, dachte ich noch – da spürte ich einen Luftzug im Nacken. Er fühlte sich an wie im Keller des Mordhauses. Ich duckte mich weg, fuhr herum und holte aus zu einem Schlag.
»Geht’s wieder, Susanne?«, fragte Marion, nachdem wir ein paar Hundert Meter stumm nebeneinander her gejoggt waren. Die Lichter unserer Stirnlampen bohrten Löcher in die Dunkelheit und tanzten im Takt unserer Schritte auf und ab.
»Mein Puls ist noch immer auf 180«, sagte ich. »Ich hatte schon ausgeholt, als du meinen Namen geflüstert hast.«
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken. Ich bin nur äußerst vorsichtig und wollte sicher sein, dass dir niemand folgt. Deshalb habe ich einen Moment im Wald gewartet.«
»Lass uns über dich sprechen: Wie geht es dir, Marion?«
»Geht so.«
»Ich habe mir Sorgen gemacht. Ich meine, du und er, ihr habt ja sehr eng zusammengearbeitet. Sein Absturz muss dich hart getroffen haben.«
»Hat er auch.«
»Ich kann mir vorstellen, dass da ein großes Loch für dich entstanden ist.«
»Ist es auch.«
»Darf ich dich was Persönliches fragen?«
»Fragen ja«, sagte sie. Ich hörte die Einschränkung und nahm mir vor, sie zu respektieren.
»Wie eng war euer Verhältnis?«
»Mist«, schimpfte sie und taumelte zur Seite. »Wieder so ein blöder Ast. Man sieht sie einfach nicht unterm Laub.«
Schweigend joggten wir weiter. Gelegentlich flatterten ein paar Vögel mit trockenem Flügelschlag aus den finsteren Baumriesen. Meine Frage hing unbeantwortet in der Nacht. Vielleicht war es noch zu früh für sie, sich zu öffnen. »Sag mir einfach, wann du bereit bist, über ihn zu sprechen«, sagte ich.
»Jetzt«, antwortete sie. »Wir müssen dafür sorgen, dass nun ein paar Dinge auffliegen. Vor allem der Mord an Elfriede Jaspers. Es war ihm ganz wichtig, dass seine Schwester mit ihren faulen Tricks nicht auch noch als Erfolgsmanagerin dasteht. Der Aktienkurs muss sie bestrafen, sonst verändert sich nichts. Das leuchtet doch ein.«
»Ich dachte, es ging ihm vor allem um den Schutz seiner Mieter?«
»Das natürlich auch. Aber bei unserem letzten Gespräch vor seiner Reise hat er noch zu mir gesagt: ›Sorg dafür, dass Frau Mikula nicht zu lange zögert. Die Bombe muss zeitnah platzen.‹«
»Aber wie soll ich das hinkriegen?«
»Du musst dafür sorgen, dass dieser Mordverdacht endlich auf die StageBau fällt – jetzt! Dieses Verbrechen darf nicht ohne Folgen bleiben.«
»Marion, ich bin mir da gar nicht mehr so sicher. Der Mörder scheint ein Irrer zu sein, der Hunde erwürgt. Das ist nicht gerade die Handschrift eines Profikillers.«
»Wer sagt denn, dass es ein Profi war? Gut möglich, dass die Sache in der Familie geblieben ist.«
»Du meinst, Patricia Stagemann hat einem Makler mal eben gesagt: ›Heute verkaufen Sie keine Immobilie – heute ermorden Sie eine alte Frau!‹?«
»Du kennst Patricia nicht! Sie hat gegen jeden was in der Hand, der Firmenkeller ist voll mit schmutziger Wäsche. Und wer in ihrer Schuld steht, darf bei den Aufträgen nicht wählerisch sein.«
Gut erkannt, Marion, dachte ich. Warum sonst wären die Videos in den Bordellwohnungen gedreht worden? Und doch fand ich die These gewagt: »Aber sobald sie jemanden um einen Mord bittet, hat der sie doch seinerseits in der Hand.«
»Mir fallen sofort ein paar Charaktere ein, für die es eine Ehre wäre, einen solchen Auftrag für die oberste Chefin auszuführen. Die Leute sind äußerst karrieregeil. Und vergiss nicht: In der Immobilienbranche geht man ohnehin den ganzen Tag über Leichen. Ob man einen Mieter aus einer Wohnung mobbt oder noch einen Schritt weitergeht, macht da nicht den großen Unterschied.« Sie schwieg einen Moment, ein Käuzchen schrie vom anderen Ufer. »Die Firma hat Schlüssel für alle Wohnungen«, fuhr sie fort. »Darum war die Tür nicht aufgebrochen, das leuchtet doch ein. Und eine Frau in diesem Alter zu ermorden, dazu gehört nicht viel.«
»Findest du?«, fragte ich.
»Ich meine: rein körperlich. Dass es ein Unding ist, einer so alten Frau den Garaus zu machen, darüber brauchen wir nicht zu sprechen. Aber die haben es ja sogar geschafft, sein Flugzeug vom Himmel zu holen, diese Schweine.«
»Ich frage mich die ganze Zeit, wie man das macht: ein Flugzeug abstürzen zu lassen?«
»Zum Beispiel, indem man die Technik manipuliert. In der ersten Stunde läuft der Motor noch, dann fängt er zu spinnen an, und dann …«
Sie brach ab, blieb ruckartig stehen und legte beide Hände auf meine Schultern: »Susanne, schau dir die vertraulichen Unterlagen noch mal genau an. Wir brauchen endlich handfeste Beweise, was in diesem Laden läuft. Der Aktienkurs muss eine Delle bekommen, diese Strafe hat sich Patricia verdient.«
Mir fiel auf, dass sie schon wieder den Aktienkurs ansprach. Die Börse bestimmte den Wert dieser geldgierigen Firma, also war sie auch ihre Achillesferse. Nach dem Tod Heiner Stagemanns war der Firmenwert explodiert. Es lag auf der Hand, warum Marion so scharf darauf war, dieses Blutgeld wieder aus Patricias Hand zu schlagen.
An der Brücke verabschiedeten wir uns. Marion tauchte in die eine Richtung der Dunkelheit ab, ich in die andere. Kaum war ich allein, mutierten die Bäume wieder zu schattigen Riesen.