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Der Brand in der Eppendorfer Landstraße war kurz vor Mitternacht im Keller ausgebrochen, ein technischer Defekt in der Elektronik, wie die Fahnder später annahmen. Erst war der Rauch das Treppenhaus hinaufgestiegen, dann war das Feuer ihm gefolgt.

Ein Bewohner im Erdgeschoss hatte die Gefahr als Erster gerochen, das Haus wach geklingelt und die Feuerwehr alarmiert. Die meisten Bewohner rannten das Treppenhaus hinab und retteten sich ins Freie. Eine Mutter mit ihren kleinen Zwillingen im Arm war zu spät dran, die Flammen schnitten ihr den Weg ab, die Feuerwehr angelte sie mit der Drehleiter aus der tödlichen Falle. Dass es keine Opfer gegeben hatte, war nur dem Zufall zu verdanken.

Heute stand die zweite »Brandschutzmaßnahme« an. Wo würde das Feuer im Haus der Weigels ausbrechen – wieder im Keller? Oder ließ sich der Feuerteufel, um keinen Verdacht zu erregen, eine neue Variante einfallen? Und würde überhaupt ein Brandstifter vor Ort auftauchen? Oder hatte jemand die Technik des Hauses ähnlich manipuliert, wie es offenbar mit dem Flugzeug Heiner Stagemanns geschehen war?

Nur in einem Punkt war ich mir sicher: Der Feuerteufel würde nicht bei Tageslicht zuschlagen, dieses Risiko war viel zu groß. Was, wenn ein Freier das Feuer entdeckte und rechtzeitig austrat? Womöglich fänden die Fahnder dann, in dem eben nicht abgebrannten Haus, verwertbare Spuren. Außerdem trieben sich tagsüber viele Handwerker im Haus herum. Erst am Abend, wenn das Haus zur Ruhe kam, begann die hohe Zeit des Zündelns. Ich wusste, dass die letzten Handwerker erst gegen zwanzig Uhr abzogen, danach wollte ich mich mit Friedhelm auf die Lauer legen.

Jetzt spinnst du total, Susanne!, giftete mein inneres Teufelchen. Woran wollt ihr den Brandstifter denn erkennen? Glaubst du vielleicht, er hält einen Benzinkanister in der einen und eine Fackel in der anderen Hand? Bis ihr merkt, was er tut, steht das Haus doch längst in Flammen. Diesmal verbrennst du dir mehr als die Finger, nämlich den Arsch. Und glaub bloß nicht, dass Friedhelm ihn dir rettet. Auf welcher Seite steht er eigentlich? Hast du ihn nicht gerade noch einen Anwalt der StageBau genannt? Er ist kein besserer Mensch geworden, nur weil er dich küsst.

Der Arbeitstag im Büro flog nur so an mir vorbei, ich wühlte mich durch die Dateien auf meinem USB-Stick. Es musste noch mehr verräterische Dokumente geben, und ich wollte sie finden. Warum hatte Elfriede Jaspers sterben müssen? Wann war der Absturz Heiner Stagemanns beschlossen worden? Wer hatte den Auftrag bekommen, das Flugzeug zu manipulieren? Wie genau war er dabei vorgegangen? Auf wessen Konto gingen die zugemauerten Schornsteine?

Und was brachte die Hamburger Allgemeine dazu, als schreibender Fanklub der StageBau aufzutreten? Waren es wirklich nur die Moderationshonorare Frank von Leibringens? Wohl kaum, denn ich hatte herausgefunden, dass er aus einer steinreichen Familie stammte, die mehrere Schlösser besaß und für die das Zählen von Geld sicher erst bei zweistelligen Millionenbeträgen begann. Ein solcher Mann hätte seine Meinung kaum für ein paar vierstellige Abendhonorare verkauft. Aber wofür sonst tat er es?

Ebenso interessierte mich, warum die Brüder Björn und Lars Ketterer so maulfaul geworden waren. Lag es auch hier an einer versteckten Kamera, die peinliche Bilder festgehalten hatte? Oder wie sonst war es der StageBau gelungen, diese so wichtigen Zeugen der Anklage verstummen und in ein Schwedenhäuschen abwandern zu lassen?

Außerdem hoffte ich, mehr über Friedhelm zu erfahren. Warum hatte er vor der StageBau gekuscht? Stimmte die Geschichte, die er mir nach langem Drängen erzählt hatte: dass ihn die StageBau mit einer vermeintlichen Unterschlagung von Fördergeldern erpresste, die er selbst als »kleine Schlampigkeit ohne Vorsatz« bezeichnete? Oder war er ohne Einverständnis Hauptdarsteller in einem der Videos geworden?

Und zwei weitere Fragen trieben mich um. Zum einen wollte ich erfahren, was Marion und Heiner Stagemann verbunden hatte: ein Angestelltenverhältnis – oder eine Romanze? Bei diesem Thema war sie gestern Abend erstaunlich schmallippig geworden. Und zum anderen interessierte mich privat die Frage: Wer hatte sich den Armreif meiner Mutter unter den Nagel gerissen? Laut Internet war er für 2.650 Euro versteigert worden.

Das Telefon auf dem Schreibtisch bei der StageBau riss mich aus meinen Gedanken. Das Display zeigte 15.58 Uhr. Bislang hatte nur ein Mensch diese Nummer gewählt: Marion. Die Nummer war unterdrückt, freudig hob ich ab.

Als ich die Stimme hörte, gefror das Lächeln in meinem Gesicht.