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»Wofür bezahlen wir Sie eigentlich?«, fragte Patricia Stagemann und lehnte sich in ihren Chefsessel, die Handflächen am Hinterkopf, die Ellbogen ausgefahren. Ihre spitze Nase ragte zur Decke.

»Ich bin Mieter-Relationship-Consultant.«

»Ich habe Sie gefragt, wofür wir Sie bezahlen.«

»Ich führe Umfragen unter Mietern durch. Ich sorge dafür, dass die Kundenzufriedenheit wächst.«

Sie spreizte ihre Arme noch etwas weiter und räusperte sich, es klang tief wie der Donner kurz vor dem Blitzeinschlag. »Dann stellen Sie mir doch mal ein paar Umfrageergebnisse vor.«

»Ähm, ich stehe noch am Anfang meiner Arbeit.«

»Dann legen Sie mir ein paar Zwischenergebnisse vor, Statistiken und Ähnliches.«

»Nun, es liegt eine gewisse Unzufriedenheit vor, und zwar mit …« Ich brach ab, denn mir fiel kein unverfängliches Thema ein.

»Unzufriedenheit womit, Frau Mikula?«

Der Knallfrosch in meiner Brust begann zu hüpfen, glühend heiß. Ich spürte, dass ich weniger Luft bekam. »Unzufriedenheit mit der Wohnqualität«, presste ich heraus.

»Was Sie nicht sagen! Dabei ist gute Wohnqualität unser Anspruch. Was vermissen die Mieter denn genau?«

»Nun, die Bäder sind nicht immer auf dem neuesten Stand, gerade in den alten Häusern«, schoss ich ins Blaue. »Hier wären Renovierungsmaßnahmen fällig.«

»Interessant! Dabei haben wir in den letzten Jahren doch so viel Geld in die Renovierung unserer Häuser gesteckt. Was wünschen sich die Mieter für ihre Bäder denn genau?«

»Das werde ich im weiteren Verlauf meiner Erhebung noch im Detail aufschlüsseln.«

»Ich habe gehört, dass in einigen Häusern ein Braunschimmelbefall der Badewannenränder vorliegt. Sind Sie darauf auch gestoßen?«

Auf einmal bekam ich wieder Luft. »Ja, dieser Braunschimmelbefall ist ein wichtiges Thema. Einige Mieter haben mir gezeigt, wie es rund um ihre Badewannen aussieht. Wirklich unappetitlich.«

»Und können Sie bestätigen, dass dieser Befall in den oberen Etagen ausgeprägter als in den unteren ist? Unsere Ingenieure haben mir dafür immer noch keine Erklärung geliefert.«

»Absolut! In den oberen Stockwerken sind die Probleme mit dem Braunschimmel am größten.«

»Wer hat Sie eigentlich eingestellt?« Die Frage kam völlig unvermittelt.

»Frau Römer.«

»Wer ist Ihre direkte Chefin?«

»Auch Frau Römer.«

Sie fuhr ihre Arme noch weiter aus, als wollte sie damit wegfliegen. Plötzlich kam mir ihre Nase wie die eines Geiers vor, der auf Aas lauerte. »Soweit ich weiß, ist Frau Römer als Personalchefin nicht für die Zufriedenheit der Mieter, sondern nur für die Zufriedenheit der Mitarbeiter zuständig.«

»Sie will klären, welcher Personalbedarf sich aus meinen Ergebnissen ergibt«, käute ich die Legende wieder.

»Merkwürdig, dass mir Frau Römer darüber kein Wort gesagt hat. Was verdienen Sie eigentlich?«

»7.500 im Monat.«

Sie stieß einen ironischen Pfiff aus. »Ein stattliches Gehalt. Dann bringen Sie bestimmt langjährige Branchenkenntnisse mit. Für welchen unserer Wettbewerber haben Sie bislang gearbeitet?«

Der Knallfrosch arbeitete sich zuckend meinen Hals hinauf. Ich wollte einatmen, aber es ging kaum. »Ich habe bislang«, setzte ich an und holte Luft. »Also bis jetzt war ich …«

Die bewegten Bilder von der Brücke stürmten vor mein Auge. Sein rot glühendes Gesicht vor meinem. Das Geländer, das sich in meinen Rücken bohrt. Meine Füße, die sich heben. Und die Angst, dass Sebastian seine Mutter verliert. Und dass ich in den Tod stürze.

Ich musste mich beherrschen. Ich durfte nicht umfallen. Ich ließ mich auf den Besucherstuhl plumpsen, der vor Patricia Stagemanns Schreibtisch stand. Wie durch einen Nebel sah ich ihre frostigen Augen und erinnerte mich daran, wie kalt mir der Fahrstuhl nach ihrem Betreten vorgekommen war.

Sie räusperte sich, es klang wie ein Hundeknurren, neigte sich nach vorn und zischte: »Jetzt raus damit, aber dalli: Was machen Sie wirklich in meinem Unternehmen?«

»Ich bin Mieter-Relationship-Consultant«, wiederholte ich.

»Drücke ich mich undeutlich aus? Die Märchenstunde ist vorbei, ich will die Wahrheit hören!«

»Das ist die Wahrheit.«

Ein hämisches Lächeln verzerrte ihr Gesicht. »Falls Sie wirklich Mieter-Relationship-Consultant sind, machen Sie einen schlechten Job.«

»Wie meinen Sie das?« Ich musste mich zusammenreißen, denn jedes Wort kostete mich Kraft.

»Nun, den Braunschimmel unter den Badewannen haben Sie exklusiv für sich – der Braunschimmel ist ein Pferd!«

Sie hatte mich in eine Falle gelockt. Und ich war mit Hurra darauf reingefallen. »Ich habe normalen Schimmel gemeint.«

»Und vor Ihrer nächsten Lüge sollten Sie lernen: Schimmelprobleme in Häusern sind wie Kartoffeln auf dem Feld – sie wachsen von unten nach oben. Meist sind sie in den unteren Etagen wesentlich ausgeprägter als in den oberen. Das liegt an der Grundfeuchtigkeit des Bodens, die sich im Gemäuer fortpflanzt.«

Mein Knallfrosch hüpfte und lärmte, dass ich nicht mehr vernünftig atmen konnte. Und nicht denken. Und nicht sprechen. »Ähm, ich wollte doch. Ich meine …«

»Für eine Journalistin sind Sie nicht gerade wortgewandt.«

Ich erstarrte auf meinem Stuhl. Meine Tarnung war geplatzt, jetzt hatte ich nichts mehr zu verlieren. »Was wissen Sie über mich?«

»Alles. Und ich werde Sie nicht länger frei Schnauze in meinem Unternehmen agieren lassen.«

Ich wusste, was jetzt folgen würde: ein Rauswurf im hohen Bogen. Oder käme es noch schlimmer? Würde die Tür gleich auffliegen, zwei kräftige Männer auf mich zustürzen und sich um die Entsorgung dieses »Personalproblems« mit derselben Gründlichkeit wie bei Heiner Stagemann kümmern? Zumal bereits aufgefallen sein konnte, dass ich in diesem Todesfall herumschnüffelte. Beide Möglichkeiten gefielen mir nicht. Ich stand auf und drehte mich um.

In meinem Rücken hörte ich ein schmirgelndes Räuspern. »Nicht so eilig«, rief sie. »Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen. Verstanden?«

Ich drehte mich wieder um. »Was wollen Sie denn noch?«

»Ich begrüße es, dass Frau Römer eine investigative Journalistin wie Sie engagiert hat. Nur hätte sie mich einbeziehen müssen. Ich sage immer: ›Wir müssen die Bomben im eigenen Keller kennen, um sie zu entschärfen.‹«

Skeptisch blinzelte ich sie an. Foppte sie mich mit Ironie, ehe sie ihre scharfen Hunde hereinrief?

»Nur eines wird sich für Sie ändern«, fuhr sie fort. »Künftig hat Ihnen Marion Römer nichts mehr zu sagen – ich koordiniere Ihren Einsatz direkt.«

Ich hörte, was sie aussprach, doch es dauerte einige Zeit, bis die Worte mein Gehirn erreichten. Ich war also nicht gefeuert, sondern gewissermaßen befördert. Sofort fragte ich mich, was überwog: die Chance, ihr aus der Nähe auf die Finger zu schauen, oder das Risiko, weil sie mir ebenfalls aus der Nähe auf die Finger schauen würde?

»Ich will Ihnen mein Vertrauen sofort beweisen«, sagte sie, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Heute Abend dürfen Sie an unserer Führungsrunde teilnehmen und unser Protokoll anfertigen, das können Sie als Journalistin doch perfekt. Es geht um neunzehn Uhr los. Planen Sie bis gegen elf Uhr ein.«

Ich dachte an das Haus der Weigels und spürte ein leichtes Schwindelgefühl. »Heute Abend geht nicht. Heute Abend habe ich schon etwas vor.«

»Verschieben Sie es.«

»Das ist unmöglich …«

»Ich bin Ihre Chefin.«

»Aber heute passt es nicht. Ein anderes Mal gern.«

»Machen Sie es passend. Verstanden?«

»Aber ich habe heute schon eine Verpflichtung.«

»Sagen Sie das ab, aber dalli!«

»Der Termin kann nicht verschoben werden, denn ich …«

»Habe ich mich undeutlich ausgedrückt? Sie werden heute unser Protokoll führen. Das ist ein dienstlicher Befehl!«

Es klang, als wüsste sie genau, was sie da tat.