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Je länger die Sitzung dauerte, desto unruhiger wurde ich. Zu Beginn der Runde hatte ich mein Handy abgeben müssen, wie alle Teilnehmer. »Das ist Usus bei unseren vertraulichen Sitzungen«, hatte Patricia Stagemann gesagt. Stimmte das wirklich? Oder war es nur ein Trick, um mich an diesem Abend von der Außenwelt abzukappen?

Nur mit Mühe hatte mich Friedhelm dazu bewegen können, an der Runde teilzunehmen und meine Chefin nicht vor den Kopf zu stoßen. »Wo liegt das Problem?«, hatte er gesagt. »Ich übernehme die Frühschicht und lass das Haus keine Sekunde aus dem Auge, bis du kommst. Glaub mir, vor elf Uhr passiert da gar nichts.«

Nun saß ich wie auf Kohlen, während mein Stift übers Papier huschte. Der Hausjurist, ein Typ mit Nickelbrille, der hektisch gestikulierte, mahnte den Vertrieb, Käufer auf versteckte Mängel der Immobilien hinzuweisen, sonst könnten die Verträge angefochten werden. Er rügte einen freien Makler, der einen Wasserschaden verschwiegen hatte, und hielt ein juristisches Seminar über Paragraf 434, BGB.

Der Vertriebsleiter, ein Schönling mit goldenen Manschetten und Dauergrinsen, ging auf das Phänomen »Immobilientourismus« ein. Offenbar kam es immer öfter vor, dass Menschen eine zum Kauf stehende Immobilie besichtigten, wie man ins Museum geht: aus reinem Interesse, nicht mit Kaufabsicht.

Doch er stellte die These auf, dass beide Gruppen, echte und scheinbare Kaufinteressenten, unmöglich zu unterscheiden seien – weshalb er seiner Vertriebsmannschaft eingebläut habe, jeden Kunden als potenziellen Käufer zu sehen.

Er unterstrich seine Aussage mit dem Beispiel eines exzentrischen Millionärs, der sich einen Spaß daraus machte, mit klapprigen Autos bei Besichtigungen vorzufahren, nur um die Verkäufer auf die Probe zu stellen.

Es waren zwölf Menschen im Raum, aber mir fiel auf, dass die Wortbeiträge immer nur in eine Richtung flossen: zu Patricia Stagemann, die am Tischende thronte. Ein Blick von ihr genügte, um einen Schweigsamen ins Gespräch zu holen, einen Wortschwall zu stoppen oder eine Meinung zu drehen.

So sagte der Leiter der Immobilienverwaltung, eine Silberlocke mit alberner Blümchenkrawatte: »Meine Abteilung diskutiert gerade, ob wir das Portfolio unserer Dienstleister erweitern sollen.« Er machte eine Pause und sah Patricia Stagemann an wie ein Orakel. Und dieses legte die Stirn in Falten, worauf er fortfuhr: »Doch mittlerweile bin ich überzeugt: Mit einem Reduktionskurs sind wir besser bedient.« Nun nickte Patricia, und eifrig kündigte er radikale Streichungen an.

Ich hatte gehofft, ein paar Interna aufzuschnappen, schmutzige Praktiken, krumme Geschäfte. Aber um mich herum waren Musterschüler versammelt, die vor Gesetzestreue und Kundenfreundlichkeit nur so strotzten. Ihre Chefin konnte es sich erlauben, kaum ein Wort zu sagen, denn alle redeten ihr nach dem Mund.

Lief jede Führungsrunde so ab? Unmöglich! Alle hier am Tisch mussten die »Grundsätze für den Umgang mit langjährigen Mietern« kennen. Alle mussten wissen, dass Mieter gezielt aus ihren Wohnungen gemobbt wurden. Niemandem konnte entgangen sein, dass die StageBau die Nebenkosten der Mieter durch ihre eigenen Unterfirmen in unsittliche Höhen trieb, wie ich mittlerweile den Datensätzen entnommen hatte.

Und einige hier am Tisch, da war ich sicher, hätten auch ein Wort zu zugemauerten Schornsteinen, zu Bordellen in Wohnungen und zu versteckten Kameras sagen können – oder vielleicht sogar darüber, warum ein Flugzeugmotor plötzlich überm Meer versagte und warum eine 94-Jährige nachts erstickt worden war.

Mich beschlich das Gefühl, dass ich an einer Theateraufführung teilnahm. Die Gruppe hatte sich versammelt, um für mich das Stück »Wir Gesetzestreuen« aufzuführen. Und während ich hier protokollierte, wie rechtschaffen diese Firma war, schlich sich der Feuerteufel ans Haus der Weigels und holte zu seinem nächsten Schlag aus.

Oder litt ich unter Verfolgungswahn? Wäre diese Sitzung ohne mich exakt genauso abgelaufen? War ich für diese gehobenen Führungskräfte nur eine unbedeutende Sekretärin, die das Protokoll schrieb?

Es war 23.15 Uhr, als Patricia Stagemann die Sitzung schloss und die Handys wieder austeilte. Während die anderen Teilnehmer plaudernde Grüppchen bildeten, huschte ich aus dem Raum, ging eine Straßenecke weiter und wählte Friedhelms Nummer. Es klingelte. Und klingelte. Und klingelte.

Der Knallfrosch in meiner Brust regte sich. Ich schlürfte Luft ein. Ruhig atmen, Susanne, ruhig atmen. Vielleicht hat er sein Handy auf leise gestellt. Vielleicht geht er nicht ran, weil er den Brandstifter verfolgt. Oder vielleicht – der Knallfrosch sprang mir fast zum Hals hinaus – vielleicht ist das Haus schon niedergebrannt. Und er war drinnen. Wie hatte ich ihn nur ganz allein auf eine so gefährliche Mission schicken können.

»Susanne, bist du’s?« Seine Stimme! Ich war total erleichtert.

»Fühl dich geküsst!«, sagte ich. »In zwanzig Minuten bin ich bei dir.«

»Wie spät ist es?«

»23.18 Uhr.«

»Mist!«, fluchte er.

»Warum Mist?«

»Du wirst mich hassen.«

»Was ist los?«

»Ich bin – bin noch zu Hause. Ich muss im Sessel eingeschlafen sein.«

Ich stemmte mich gegen eine Hauswand.

Legte auf.

Hasste ihn.

Und wählte die Nummer der Taxizentrale.