Wie lange wartete ich nun schon? Fünfzehn Minuten? Oder länger? Ich trippelte den Gehsteig rauf und runter, runter und rauf, aber mein Taxi kam nicht. »Ist unterwegs«, hatte die Frau aus der Zentrale auf meine Mahnung gesagt. Ich schaute die Straße hinab. Vor dem hell erleuchteten Gebäude der StageBau hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet. Offenbar war nun auch der informelle Teil der Sitzung beendet.
Endlich kam mein Taxi, langsam tastete es sich die Straße hinab. Ich sprang fast auf die Fahrbahn, winkte. Der Fahrer, ein hagerer Mann mit weißem Haar, hielt. Ich riss die Tür auf und sprang in den Wagen.
»Da hat’s aber jemand eilig!«, sagte er.
»Ich warte seit einer Viertelstunde!«
»Kann nicht sein. Ich wurde erst vor fünf Minuten gerufen.«
»Dann hoffe ich, Ihr Taxameter funktioniert exakter!«
Er sah mich skeptisch an: »Sie sind doch Frau Patricia Stagemann?«
Jetzt ging mir ein Licht auf. Ich nickte. »Klar, ich stehe nicht zufällig in dieser Straße!« Ich nannte die Adresse der Weigels und bat ihn, Vollgas zu geben. Daran hielt er sich. Die echte Patricia Stagemann, die beim Anblick des Taxis einen Schritt nach vorne getreten war, flog am Seitenfenster vorbei.
Bislang hatte ich noch nie erlebt, dass ein Taxifahrer die Geschwindigkeitsbegrenzungen völlig ignorierte. Aber heute Abend hatte ich einen Glücksgriff getan: Dieser Fahrer, ein Rentner mit Hörgerät, donnerte mit achtzig Sachen durch Hamburg. Er zog auf die linke Spur, blendete auf, um einen Audi nach rechts zu zwingen, und beschleunigte vor einer Ampel, die schon auf Dunkelgelb stand.
Bei diesem Tempo würde ich mit etwas Glück in einer Viertelstunde vor dem Haus der Weigels stehen. Und mit etwas Pech stehst du vor einer Brandruine, zischte mein Teufelchen. Die Sitzung war doch nur ein Bauerntrick. Die haben dafür gesorgt, dass du zu spät kommst. Wetten, dass dort alles schon in Flammen steht? Und glaub bloß nicht, dass Friedhelm verschlafen hat. Der wusste, dass dort ein Feuerwerk gezündet wird. Und der wollte sich nicht verbrennen. Tja, Susanne, der Preis für die schlechteste Menschenkenntnis des Jahrhunderts geht mal wieder an dich. Gratulation!
Wir hatten eine grüne Welle. Das Taxi flog über eine Kreuzung nach der anderen. Falls der Wagen Bremsen hatte, bekam ich sie nicht zu spüren. Und das gefiel mir.
»Sie haben es öfter mal eilig«, sagte der Taxifahrer, um einen Small Talk zu eröffnen.
»Sieht man mir das an?«, antwortete ich.
»Ach, die Zentrale hat mir das über Sie gesagt. Sie sind ja als Stammkundin bei uns registriert.«
Ich wurde hellhörig. »Was haben die noch so über mich erzählt?«
»Ursprünglich hieß es, ich sollte Sie heute Abend durch den Elbtunnel nach Niedersachsen rüberfahren.«
»Wohin wollte ich dort noch mal?«
»Zum Landwohnsitz der von Leibringens, in der Nähe von Lüneburg.« Ich klammerte mich fest an meinen eigenen Beinen. Was, zum Teufel, wollte Patricia Stagemann dort bei Nacht und Nebel? Offenbar verband sie mit Frank von Leibringen mehr als die gemeinsamen Podiumsdiskussionen. Deshalb die allzu freundliche Berichterstattung?
Ich sollte öfter mal mit falscher Identität ins Taxi springen, das war höchst erkenntnisreich, und ich wollte es weiter nutzen: »Und was wird noch so über mich erzählt?«
»Dass Sie die Fahrer immer so gut behandeln.«
»Das tue ich. Aber wie ist das genau gemeint?«
Er druckste herum und gab zu verstehen, ich sei bekannt dafür, schnelle Fahrten mit fürstlichen Trinkgeldern zu belohnen. Jetzt wusste ich, warum er so raste. Er hatte ja keine Ahnung, dass neben ihm keine Konzernlenkerin mit fettem Spesenkonto saß, sondern nur Pleite-Susanne, deren schönstes Erbstück gerade versteigert worden war.
Wir kamen gut voran. Ich erkannte die Gegend in Winterhude wieder, eine U-Bahn-Station, eine Häuserfassade, einen Kiosk – noch zwei Minuten, dann wären wir da. In mir stieg Hitze auf, als würde ich schon ein Feuer spüren. Was, wenn die Flammen das Treppenhaus hinaufliefen, während der schwer kranke Hermann Weigel an sein Bett gefesselt war? Seine Frau hätte vor dem Feuer davonlaufen können, aber er? Ich sah ihn noch da liegen, bei meinem letzten Besuch, sah ihn die Hand seiner Frau greifen – dieselbe Hand, die mich umklammert hatte, als ich mein Ehrenwort erneuerte. Und ich hörte Hermann Weigel zu Paula sagen: »Mach dir keine Sorgen, nicht um mich, hörst du, nicht um mich.«
Auf einmal bremste der Taxifahrer ab, obwohl kein Hindernis in Sicht war.
»Entschuldigung«, sagte er.
»Was ist los?«, fragte ich.
Er deutete auf seinen Rückspiegel. Ich drehte den Kopf und sah einen Polizeiwagen mit Blaulicht. Mein Taxi hielt an.
Zwei Beamte in Uniform traten neben unser Auto. Der Taxifahrer musste den Motor abstellen. Umständlich wiesen sie ihn auf seine »erhebliche Geschwindigkeitsüberschreitung« hin. Sie wollten seinen Führerschein sehen, seine Taxizulassung und bestimmt gleich noch seine Geburtsurkunde.
»Ich hab’s eilig!«, sagte ich. »Können Sie das nicht abkürzen?«
»Dass Sie es eilig haben, ist uns aufgefallen«, sagte der ältere Polizist. »Haben Sie diese Fahrgeschwindigkeit veranlasst? Wer sind Sie eigentlich, bitte weisen Sie sich aus.«
»Ich habe nichts verbrochen, ich bin nur Fahrgast.«
»Das ist Patricia Stagemann«, raunte der Taxifahrer. »Sie wissen schon: die Chefin der StageBau.«
Nun war ich als prominente Führungskraft vorgestellt und konnte auch so auftreten. »Hören Sie, meine Herren, ich muss ganz dringend zu einem Mietshaus. Dort sind Menschenleben in Gefahr. Kommen Sie gern mit, aber lassen Sie uns weiterfahren!«
»Jetzt mal halblang! Bis jetzt haben Sie keine Menschenleben gerettet, nur welche gefährdet – indem Sie Ihren Taxifahrer durch die Stadt rasen lassen.«
»Ich muss ganz schnell zu dem Haus, sonst könnte ein Unglück geschehen.«
»Die meisten Unglücke geschehen im Straßenverkehr. Durch Raserei.«
»Ich kenne den Innensenator persönlich. Er wird sehr böse sein, wenn er erfährt, dass Sie seine langjährige Freundin aufgehalten haben.«
Er sah seinen Kollegen an. »Die will mich erpressen. Die denkt, sie kriegt einen Promirabatt.«
»Ich will eine Brandkatastrophe verhindern. Helfen Sie mir dabei!«
»Und woher wissen Sie, dass es brennen wird? Erzählen Sie mir jetzt nicht, dass sie als Konzernchefin in Ihrem eigenen Mietshaus in einer Zweizimmerwohnung wohnen und den Herd angelassen haben.«
»Ich weiß es eben. Lassen Sie uns weiterfahren. Schnell. Bitte!«
»Ganz ruhig, Lady! Ihr Fahrer macht jetzt erst mal einen Alkoholtest. Und Sie zeigen mir Ihren Ausweis, Frau Stagemann – dann kann ich den Innensenator von Ihnen grüßen.«
»Gut, dazu brauche ich aber Licht.« Er nickte. Ich öffnete die Tür, trat unter eine Straßenlaterne und wühlte mein Portemonnaie aus der Handtasche. Dann rannte ich los, was das Zeug hielt.
Und hörte seine Schritte hinter mir.