Noch ehe ich um die letzte Ecke vor dem Mietshaus bog, stieg mir dieser beißende Geruch in die Nase, ein Qualm wie beim Osterfeuer, nur schärfer und chemischer. Ich wusste, welcher Anblick mich erwarten würde: ein Haus, das wie eine Fackel in den finsteren Himmel loderte. Sicher würden die Flammen schon rüber zu den angrenzenden Dächern züngeln. Waren die Bewohner entkommen? Oder saßen sie noch in der Falle? Und warum, verdammt noch mal, waren noch keine Feuerwehrsirenen zu hören?
Meine Füße trommelten auf den Asphalt, ich rannte schneller als erwartet. Der Polizist hatte die Verfolgung rasch aufgegeben, mir flogen unsichtbare Kräfte zu. Ich hatte genug Luft, ich hatte genug Kraft, es ging um Menschenleben.
Als ich um die Ecke bog, hätte ich vor Erleichterung weinen können: kein Feuer, das Haus stand noch. Meine negativen Fantasien hatten mir einen Streich gespielt, mich verrückt gemacht.
Ich bremste meine Schritte ab und näherte mich dem Haus. Vor der Tür stand ein Grüppchen aus Menschen, ein Haufen, der konfus und aufgescheucht wirkte. Stimmen plapperten durcheinander, schnell, aufgeregt, laut. Jemand fragte: »Wann kommt denn endlich die Feuerwehr?«
Mein Herz trommelte los, ich beschleunigte meinen Schritt wieder. Sofort erkannte ich Paula Weigel, in ihrem altmodischen, hellen Schlafrock sah sie aus wie ein Gespenst, sie stand ein paar Meter abseits. Mit beiden Händen drückte sie etwas an ihre Brust, ich erkannte eine Handtasche. Ihr Kopf war gesenkt, als klebte das Kinn am Hals.
Ein bärtiger Mann hüpfte in Hausschuhen umher und brüllte wirres Zeug, mit heiserer Stimme. Immer wieder rannte er ein paar Schritte auf die Haustür zu. Doch zwei Männer, offenbar Passanten, hielten ihn mit vereinten Kräften fest, jeder an einem Arm. Und dieser aufgescheuchte Menschenhaufen wurde umkreist von einem kläffenden Hund.
Die Haustür stand offen, das Licht im Flur war an. Das Licht? Es waren Flammen, sie züngelten das hölzerne Geländer hinauf. Dicke Qualmwolken krochen unter die Decke. Schon hier draußen war der Rauch so scharf, dass ich husten musste.
»Frau Weigel!«, rief ich und packte sie an den Schultern. Sie hob den Kopf nicht, nur den Blick. Ihre Augen waren glasig, sie schien mich nicht zu erkennen. Offenbar stand sie unter Schock, und der Grund war mir klar: Ihr Hermann war nirgendwo zu sehen.
»Frau Weigel«, brüllte ich und schüttelte sie. »Ihr Mann, ist Ihr Mann noch da drinnen?«
»Mein Mann ist tot«, murmelte sie abwesend.
»Ihr Mann ist noch nicht tot! Ich hol ihn da raus!«
Ich drehte mich um und stürmte auf die Haustür zu. »Halt!« Einer der Passanten, die den Mann in den Hausschuhen gehalten hatten, baute sich wie ein Torhüter beim Fußball vor mir auf, die Arme ausgebreitet. »Es ist lebensgefährlich – der Rauch. Sie können da nicht mehr rein. Die Feuerwehr ist unterwegs.« Irgendwo heulte tatsächlich ein Martinshorn.
»Okay«, sagte ich. »Ich bleib draußen. Was ist passiert?« Er ließ seine Arme fallen und suchte nach Worten. Ich stürmte los, seine Hände glitten an mir ab. »Sie sind ja verrückt!«, rief er mir hinterher. Mit angehaltenem Atem preschte ich ins Treppenhaus. Unten, dicht am Boden, schien die Luft fast klar zu sein. Etwas höher stand eine hellgraue Rauchschicht im Treppenhaus, wie Nebel über der Alster. Und oben, unter der Decke, hangelten sich Rauchschwaden wie eine fette, schwarze Gewitterfront das Haus hinauf.
Dieser verdammte Rauch! Er biss mir in die Augen, scharf wie eine ätzende Flüssigkeit, ich spürte Tränen über meine Wangen kullern. Doch ich rannte wie von Sinnen, hatte schon den ersten Stock erreicht. Es fiel mir immer schwerer, die Luft anzuhalten, ich war vorher schon aus der Puste gewesen. Aber jetzt hatte ich keine Wahl mehr.
Noch ein Stockwerk, dann bist du bei ihm, dachte ich. Ich kannte die Wohnung. Ich wusste, wo das Bett stand. Ich würde Hermann Weigel hier rausholen.
Todesursache: Dummheit!, meldete sich mein inneres Teufelchen. Du kommst die Treppen ja kaum hinauf – wie willst du dann, mit noch viel weniger Luft, einen Mann allein bis zur Haustür schleppen? Er wird ohnehin schon tot sein. Und vielleicht ist das besser für ihn, er war schwer krank. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten: Renn weiter – und stirb sicher. Oder dreh um – und stirb vielleicht.«
Aber je länger ich die Luft anhielt, desto leichter fühlte sich mein Körper an, als wäre ich hier nicht in einem Haus, sondern unter Wasser. Irgendetwas gab mir eine Kraft, die mich vorwärtstrug wie eine unwiderstehliche Strömung, direkt in die Wohnung der Weigels. Die Tür stand offen, ich stürmte in den Flur, bog ins Schlafzimmer, sah schemenhaft das hohe Bett und fuhr die Arme aus, um ihn nach unten zu tragen.
Aber das Bett war leer. Es stand da wie ein Relikt aus vergangenen Tagen. Wo steckte Hermann Weigel? Hatte er sich noch hochgerappelt, in eine andere Ecke geschleppt? Ich sah mich um, aber konnte ihn nicht entdecken. Die Sirenen hatten jetzt das Haus erreicht, und gedämpft hörte ich, dass jemand militärische Befehle vor der Haustür bellte.
Mein Gefühl, unter Wasser zu schweben, nahm zu. Ich war leicht wie ein Fisch, und offenbar konnte ich hier atmen. »Herr Weigel«, rief ich mit voller Stimme. »Wo sind Sie?« Sofort fühlte meine Lunge sich an, als hätte ich zähflüssigen, heißen Teer geatmet. Mein Hals verstopfte, meine Kraft schwand. Und Herr Weigel antwortete nicht. Dafür hörte ich das Feuer, dieses ganze Haus knisterte und wisperte wie ein Kamin im Großformat. Und ich saß mittendrin.
Ich musste raus, schnell raus. Ich tastete mich an der Zimmerwand entlang. Vor meinen Augen tanzten kleine Sternchen. Ich durfte nicht erneut atmen, durfte nicht, durfte nicht … Doch mein Mund wollte nicht auf mich hören, er nahm einen tiefen Zug. Und noch einen.
Mir wurde schlecht. Alles drehte sich vor meinen Augen. Ich stemmte mich gegen die Wand. Meine Beine rutschten weg. Wie ein nasser Sack plumpste ich auf den Boden. Was für eine Erleichterung, endlich zu liegen. Nicht mehr gehen zu müssen. Wieder atmen zu dürfen.
Endlich sah ich Herrn Weigel. Er tanzte durchs Zimmer, leicht und beschwingt, er war wieder der »Hermann-Schatz«, nach dem sich die Weibsbilder umgedreht hatten, aber hallo. Er hielt eine Hand, während er tanzend durch den Raum wehte, es war die Hand seiner geliebten Frau – nur die Hand, nicht die Frau, und doch fehlte nichts.
Hermann Weigel tanzte auf so leichten Füßen, dass es ein Genuss war, ihm zuzuschauen, er wirbelte wie der Rauch umher, stieg an der Wand hinauf und bewegte sich unter der Decke. Ich wusste, wohin er wollte. Und ich war sicher, er würde ankommen. Oben im Himmel. Und dort würde er warten, bis seine Frau käme, deren Hand er nie losgelassen hatte.
Übrigens, Susanne, meldete sich mein Teufelchen,auch du stirbst gerade. Du hast Rauch geatmet. Du bist in einem brennenden Haus. Und auf dich wartet auch jemand. Aber nicht im Himmel, sondern eine Etage tiefer. Du hast dein Wort gebrochen!
An dieser Stelle endete mein Film.