Dass Redaktionen heimlich den Polizeifunk abhörten, um noch vor den Rettungskräften an einem Unglücksort zu sein, kam nur in schlechten Filmen vor. Aber es stimmte, dass die ersten Journalisten oft gleichzeitig mit den Rettungskräften eintrafen: Wer über die richtigen Kontakte verfügte, bekam einen Wink auf dem kurzen Dienstweg.
Jane Sternberg hatte gerade die Aufmacherseite für den nächsten Tag abgenommen – die Hamburger Allgemeine würde mit einer Schlagzeile über einen Bombenfund in Wandsbek titeln, einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, der nahe einem Schulhof bei Baggerarbeiten gefunden worden war. Die Überschrift erweckte den Eindruck, als hätten die Kinder seit Jahren am Rand einer Katastrophe gelebt: »Unsere Schule war ein einziges Pulverfass!«, wurde die Direktorin in Riesenlettern zitiert.
Jane wusste, wie solche Zitate zustande kamen. Kein Laie redete so zugespitzt, als Journalist half man ein wenig nach: »Kann man sagen, Ihre Schule war in den letzten Jahren so eine Art Pulverfass?« Und wenn die Direktorin jetzt nicht ausdrücklich widersprach, worauf sie beim ersten Interview ihres Lebens nicht unbedingt kam, hatte man seine reißerische Schlagzeile. Kein Wort davon, dass die Bombe, ehe der Bagger sie ankratzte, nicht viel gefährlicher als ein Regenwurm unter der Erde war.
Janes Handy piepte. Eine Nachricht von Wolf, ihrem Kontaktmann aus der Polizeizentrale. Ein Haus in Winterhude brannte. Jane dachte zuerst: Die armen Menschen! Und dann: Mist, warum so kurz nach Redaktionsschluss?! Das war zynisch, sie wusste das, aber die meisten Kollegen hätten in der umgekehrten Reihenfolge gedacht. Außerdem gab es ja noch die Online-Ausgabe, dort konnte man Texte zu jeder Zeit veröffentlichen.
Natürlich hasste sie die Online-Ausgabe, denn sie war Print-Journalistin. Durfte man sich wundern, dass die Auflage des eigenen Blattes immer mehr schwand, wenn die Leser im Internet alles umsonst bekamen? Außerdem ging es im Web nicht um die Qualität, nur um die Geschwindigkeit einer Nachricht, ein Jedermanns-Rennen, bei dem auch Laien, Lobbyisten und Verschwörungstheoretiker eifrig mitmischten. Ungeprüfte Behauptungen purzelten in die Welt hinaus, wurden von Schwachköpfen weiterverbreitet und schienen durch bloße Wiederholung den Rang einer Wahrheit zu erlangen.
Kein Wunder, dass die Zeitungsente im Internet einen neuen Lebensraum gefunden hatte, nur trug sie jetzt einen modernen Namen: Fake News.
Der Brand in Winterhude: Sie überlegte kurz, ob sie einen Kollegen losschicken sollte. Aber in letzter Zeit hatte sie zu oft am Produktions-Desk geklebt, fremde Texte verwaltet, statt als Reporterin ins Geschehen einzutauchen. Aber deshalb war sie Journalistin geworden: um die Wirklichkeit aus erster Hand zu erfahren, um ihrer verdammten kindlichen Feigheit zu entfliehen.
Ein brennendes Haus in der Nacht zog sie mehr an als ein einsames Ehebett, dessen leere Hälfte sie an Bilder erinnerte, die sie vergessen wollte. Sie machte sich auf den Weg nach Winterhude.
Erst als sie fast vor dem Haus stand, erkannte Jane die Adresse wieder. Die Straße sah aus wie ein Katastrophengebiet, getaucht in Blaulicht und Scheinwerfer. Schaulustige drängten sich vor einem Absperrband. Ein riesiges Löschfahrzeug hatte sich vor dem Haus platziert, flaniert von einigen kleineren Feuerwehrautos, einem Krankenwagen und zwei Polizeiautos. Feuerwehrleute mit leuchtenden Helmen und Jacken wuselten auf der Straße herum, riefen Befehle, rollten Schläuche aus. Mit metallischem Klacken wurden sie verkuppelt.
Zwei Feuerwehrleute, die mit ihren Atemgeräten wie Taucher aussahen, rannten auf die Haustür zu und stießen ins Gebäude vor. Jane sah dicke, schwarze Rauchschwaden aus dem Inneren quellen. Im Flur züngelten die Flammen, ein gespenstisches Flackern.
Die Feuerwehr hatte ein Absperrband gezogen. Jane zeigte ihren Journalistenausweis und wurde zum Krankenwagen vorgelassen. Dort versorgte man die Bewohner des Hauses, hier warteten die O-Töne. Sofort erkannte sie Paula Weigel, ihre Interviewpartnerin für jene Reportage, die Frank von Leibringen mit fadenscheinigen Ausflüchten abgelehnt hatte. Jemand hatte ihr eine blaue Decke übergeworfen, offenbar trug sie darunter nur Schlafkleidung; weiße Rüschen eines Nachthemds schauten heraus.
»Frau Weigel, ist mit Ihnen alles in Ordnung?«, fragte Jane.
Die alte Frau sah sie mit leeren Augen an. »Nichts is in Ordnung mit mir, gar nichts.«
»Ist Ihr Mann noch in dem …?«
»Mein Hermann-Schatz is tot.«
»Die Feuerwehr ist gerade reingegangen. Sie holt ihn vielleicht noch raus.«
Sie schüttelte den Kopf. »Mein Hermann-Schatz ist schon unter der Erde. Gestorben vor vier Tagen. Herzinfarkt. Der Lärm, der hat ihn kaputtgemacht.« Sie schaute weg und dann wieder hin zu Jane: »Kenn ich Se nicht? Sind Se nicht auch Journalistin?«
»Ja, wir haben miteinander gesprochen. Aber mein Chef war der Meinung, dass der Text …«
»Sie is da rein«, murmelte sie abwesend. »Einfach reingelaufen.«
»Wie bitte?«
»Na die andere Journalistin – sie is da reingerannt, in das brennende Haus. Sie wird sterben.«
»Welche Journalistin?«
»Ich weiß den Namen nicht mehr. Ich bin so durch ’n Wind.«
»Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Weigel. Die Feuerwehr hätte ganz sicher keine Journalistin in ein brennendes Haus …«
»Sie war vor der Feuerwehr da.«
»Und warum hätte sie in das Haus gehen sollen?«
»Meinen Hermann-Schatz – sie wollte ihn rausholen.«
Spätestens jetzt war klar, dass Paula Weigel unter einem schweren Schock stand; schließlich war ihr Mann, um dessen Rettung es angeblich ging, schon beerdigt.
»Ich habe sie noch aufhalten wollen!«, schaltete sich ein Mann ein, der am Krankenwagen lehnte. »Aber sie ist an mir vorbeigestürmt, direkt in den Rauch rein.«
Offenbar gab es diese Journalistin doch. Aber ihr fiel keine Kollegin ein, die so unvernünftig gewesen wäre, ein brennendes Haus zu betreten.
»Kennen Sie den Namen dieser Journalistin?«, fragte sie den Mann.
»Woher denn? Die hat mir keine Visitenkarte gegeben – die hat mich weggerempelt. Die war wie von der Tarantel gestochen. Aber jetzt ist sie so lang da drin – die kommt nicht mehr raus.«
Im selben Moment, als Jane eine Ahnung beschlich, von wem hier die Rede war, preschte ein Mann mit Atemmaske zur Haustür heraus. Vor der Brust trug er einen Frauenkörper, dessen Arme leblos herabbaumelten. Der Notarzt lief ihm entgegen und rief nach einer Trage. Jane trat einen Schritt zurück.
Als die Trage in den Krankenwagen gehoben wurde, sah sie endlich das Gesicht der Frau. Es war Susanne Mikula.