Die Polizei behandelte mich wie eine Bankräuberin. Kein Wunder: Ich war vor zwei Polizisten geflohen, hatte meine Identität gefälscht und einen Hausbrand angekündigt, von dem ich noch nichts hätte wissen dürfen. Am Morgen nach meiner Einlieferung standen zwei Beamte vor meinem Krankenhausbett. Die Lage war so brenzlig, dass ich einen Anwalt hinzuzog.
Ich fühlte mich als Versagerin des Jahrhunderts, als tragische und lächerliche Figur. Hermann Weigel war vier Tage vor dem Brand gestorben, nicht an einem »Herzinfarkt«, wie es offiziell hieß: Er war daran gestorben, dass ich mein Wort gebrochen und den Höllenlärm nicht gestoppt hatte. Nie wieder würde ich Paula Weigel unter die Augen treten können.
Ich weiß noch, was sie mir vor dem brennenden Haus gesagt hatte: »Mein Mann ist tot!« Ich bin in das brennende Haus gestürmt, um ein Unglück abzuwenden, das längst geschehen war, eine Übersprunghandlung meines schlechten Gewissens. Wie hatte mein inneres Teufelchen treffend geflüstert: Todesursache: Dummheit!
Dass ich noch am Leben war, verdankte ich der Feuerwehr, die mich dem Schlund dieser brennenden Hölle noch entrissen hatte – und der Tatsache, dass ich zu Boden gegangen war. Im Stehen hätten mich die giftigen Dämpfe, die nach oben strebten, schnell getötet. Doch direkt am Boden war die Luft nicht ganz so giftig.
Über zehn Minuten lang hatte ich dort gelegen und wilde Sachen geträumt – ich weiß keine Details mehr, nur dass die Dinge um mich herum so leicht wie der Rauch waren und dass Hermann Weigel darin vorkam.
Erst im Krankenwagen war ich wieder zu mir gekommen. Ich hustete mehrfach, spuckte schwarz-braunen Schleim aus wie Kautabak. Mein Rachen fühlte sich an wie ein lange nicht mehr gereinigter Kamin, rußig und geteert. Ich wollte etwas sagen, aber brachte nur ein Krächzen hervor.
Äußerlich war mir nichts passiert, bis auf zwei, drei blaue Flecken von meinem Sturz. Und bereits nach einer Nacht im Krankenhaus gab der Chefarzt grünes Licht für meine Entlassung. Meine Augen waren wieder tränenfrei. Meine Lunge tat ihren Dienst ohne Einschränkungen. Und der rußige Geschmack in meinem Mund würde bestimmt auch noch verschwinden.
Ich wusste, was jetzt zu tun war: Ich musste zurück nach Reinstadt, zurück auf mein Fernsehsofa, dort konnte ich keinen Schaden anrichten. Wenn ein Flugzeug vom Himmel fiel, hatte das nichts mit mir zu tun. Wenn ein Haus brannte, ging das nicht auf meine Kappe. Und jedes Ehrenwort, das ich meinem Bildschirm gab – etwa nie wieder Trash zu schauen –, konnte ich ohne schwerwiegende Folgen brechen. Und auch Tante Martha würde umso sicherer leben, je weiter ich von ihr entfernt war. Am Ende war mein Verfolgungswahn so weit gegangen, dass ich schon einen verschobenen Hausbesuch von Dr. Otten, dieses freundlichen Arztes, als Verdachtsmoment gewertet hatte.
Ich brachte den Menschen Unglück. Heiner Stagemann war tot, Hermann Weigel war tot. Das reichte fürs Erste. Mich selbst in Quarantäne zu nehmen war eine soziale Tat.
Ich war gescheitert als Journalistin und gescheitert als verdeckte Ermittlerin. Genau genommen war ich schon damals auf der Autobahnbrücke gescheitert, denn Hans-Otto Gleim war in den Tod gestürzt. Ich hatte mir eingeredet, dass er dieses Schicksal verdient hatte, dass es eine gute Tat von mir war, seinen Sturz von der Brücke verursacht zu haben. Als hätte ich mit einem Besen menschlichen Unrat beiseite gefegt, wofür sich alle bedankten. Rational funktionierte diese Erklärung. Aber emotional nicht. Denn Gleim lebte weiter – in meinen Albträumen, in meinen Flashbacks, im finstersten Winkel meiner Seele. Beim Versuch, ihn loszuwerden, hatte ich ihn mir endgültig eingefangen. Meine Krankheit trug seinen Namen.
Ich war in einer Sackgasse gelandet, auch hier in Hamburg. Ich war keine Journalistin mehr, aber noch keine Medizinstudentin, sicher würde ich das niemals werden. Ich war bankrott, moralisch und finanziell, hatte sogar das Andenken meiner Mutter verjubelt. Bald würde meinem Haus dasselbe Schicksal wie ihrem Armreif drohen: unfreiwillige Versteigerung.
Ich war ein Wrack mit einem Knallfrosch in der Brust, der zu jeder Zeit explodieren konnte, ein Wrack, das sich völlig überschätzt hatte: Ich mimte die verdeckte Ermittlerin, ließ mir Latten über den Schädel hauen, stürmte in brennende Häuser und küsste fremde Männer, die mich zum Dank hängen ließen. Es war hoffnungslos.
Aber die Menschen um mich herum waren blind für mein Versagen, sie wollten mich im Unglück festhalten. Marion redete mir ins Gewissen: »Du bist es Heiner Stagemann schuldig, die offene Rechnung mit der StageBau zu begleichen.« Tante Martha lag mir in den Ohren: »Ich habe mich just an das Zusammenleben mit dir gewöhnt, du kannst doch nicht über Nacht ausziehen, Kind!« Und Iris schien mein Erlebnis in dem brennenden Haus für ein flambiertes Appetithäppchen zu halten, das meinen Hunger auf weitere Detektivspiele geweckt hatte: »Ein Grund mehr, dieses Hornissennest auszuräuchern, Prinzessin!«
Aber ich wusste, dass das Spiel verloren war, endgültig. Die StageBau hatte mir eindrucksvoll bewiesen, dass ich nur ein Spielball in ihren Händen war. Niemand hatte es für nötig gehalten, den geplanten Brandanschlag abzusagen, nur weil ich auf dieser Spur war. Es reichte völlig, mich am Abend der Tat in einen Sitzungssaal zu zwingen, so wie man einen braven Dackel mit der Leine vor dem Supermarkt anknotet.
Und dann tat ich Riesenrindvieh der Firma auch noch den Gefallen, den Tatverdacht auf mich persönlich zu lenken. Nur meinem Anwalt war es zu verdanken, dass ich nicht in Untersuchungshaft gelandet war. Er konnte nachweisen, dass der Brand zu dem Zeitpunkt, als ich der Polizei entschlüpfte, bereits der Feuerwehr gemeldet war. Auf seine Empfehlung hin hatte ich behauptet, als Journalistin einen Wink bekommen zu haben. Die Polizei zweifelte das zwar stark an, konnte das Gegenteil aber nicht beweisen – ich berief mich auf »Informantenschutz«.
Mein Anwalt hatte mir dringend geraten, im Zusammenhang mit dem Brand die vertraulichen Dokumente der StageBau aus dem Spiel zu lassen. Er fand meine Interpretationen gewagt und die Indizienlage viel zu dünn. Außerdem empfahl er mir, mich mit Patricia Stagemann gutzustellen, denn sie hätte meinen »Identitätsbetrug« weiterverfolgen lassen können. Mein Einwand, ich sei nur in ein falsches Taxi gestiegen, schien wenig glaubwürdig – der Taxifahrer und die beiden Polizisten bezeugten, dass ich mich als die Konzernchefin Patricia Stagemann ausgegeben und sogar mit Kontakten zum Innensenator geprahlt hatte.
Zwei Tage nach dem Brand hatte mich mein Anwalt angerufen und freudig gesagt: »Ihr Verfahren wird eingestellt!«
»Warum das?«, fragte ich.
»Es war keine Brandstiftung – sondern ein technischer Defekt.«
Es traf mich wie ein Keulenhieb. »Ich weiß aber genau, dass jemand das Feuer gelegt hat!«
»Dann behalten Sie es für sich! In einem Prozess wären Sie verloren. Sie haben von dem Brand nicht nur im Voraus gewusst, sondern sind auch ohne nachvollziehbare Gründe ins Gebäude gestürmt – als hätten Sie in letzter Sekunde eine von Ihnen deponierte Feuerquelle noch ausschalten wollen. Ich möchte nicht hören, was ein Staatsanwalt daraus konstruiert.«
Es war ein Witz: Wenn ich eine Brandstiftung nachgewiesen hätte, wäre nicht Patricia Stagemann im Gefängnis gelandet, sondern ich. Bei meinem Talent würde ich es fertigbringen, bald auch noch den Tod von Elfriede Jaspers und den Absturz von Heiner Stagemann auf meine Kappe gepackt zu bekommen.
Aber das wusste ich zu verhindern! Meine Koffer waren gepackt, der Abschied von Tante Martha tränenreich. Und dann saß ich im Zug nach Reinstadt.