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Mein heimischer Küchentisch war überschwemmt mit Briefen. Das Papier, meist längliche Fensterumschläge im kleinen Format, ergoss sich von der Tischmitte in alle Richtungen, einige Umschläge waren bis an die Kante gerutscht. Es sah nach dem Abgang einer Lawine aus. Dabei hatte Iris lediglich meinen Briefkasten regelmäßig geleert und die Post einen knappen Monat lang auf dem Tisch gestapelt.

Hätte ich nicht gewusst, dass Iris in Gelddingen selbst eine Chaotin vor dem Herrn war: Meine Brieffreundschaften mit Dutzenden von Gläubigern, Inkassoinstituten und dem hiesigen Amtsgericht wären mir noch peinlicher gewesen. Doch Iris bezahlte ihren Kram, ehe der Gerichtsvollzieher kam. Mich hatte sein Besuch nur im Nichtzahlen bestärkt. Wie gut, dass Sebastian in London war und den Niedergang seiner Mutter nicht aus der Nähe miterlebte.

Mit beiden Armen schob ich den Briefhaufen zusammen, ließ ihn in einen Wäschekorb rutschen und schleppte ihn hinab in den Keller. In einer finsteren Ecke, neben dem alten Bücherregal, stellte ich den Korb ab. Eines Tages würde ich die Umschläge öffnen. Wenn ich wieder zu Geld gekommen war. Oder seelisch auf die Beine.

Also nie!, zischte mein kleines Teufelchen. Du bist ganz unten, dort wirst du bleiben. Das war deine letzte Chance. Kein weiterer Milliardär wird dich anheuern. Medizinstudium? Vergiss es! Journalismus? Kannst du knicken!

Eine feine Freundin bist du, lässt Marion hängen. Eine feine Nichte bist du, lässt Tante Martha hängen. Eine feine Rächerin bist du, lässt Friedhelm mit seiner Hab-verschlafen-Ausrede durchkommen. Vielleicht noch ein Küsschen zur Belohnung?

Aber eines muss ich dir lassen: Endlich hast du deine Grenzen erkannt, hängst das Superwoman-Kostüm an den Nagel und ziehst dich dorthin zurück, wo du besser geblieben wärst: auf dein Sofa.

Mir fehlte nicht nur die Kraft, dem Teufelchen zu widersprechen, sondern vor allem die Argumente: Alles stimmte. Ich hatte einen kurzen Ausflug in ein neues Leben unternommen, neue Ziele verfolgt, neue Menschen kennengelernt, den Knallfrosch in meiner Brust zeitweise vergessen. Aber mein Versuch, vor der Wirklichkeit wegzulaufen, war in einer Katastrophe geendet: Ich hatte mein Ehrenwort gegeben und gebrochen, den falschen Menschen vertraut, mich selbst in größte Gefahr begeben und meinen Gegnern Triumphe beschert.

Zwar lief mein Arbeitsvertrag mit der StageBau offiziell noch, aber mir war klar, dass Patricia Stagemann auf meinen Identitätsbetrug mit einer Entlassung reagieren würde. Zumal ich noch in der Probezeit war und nicht vorhatte, jemals wieder einen Fuß in diese Firma zu setzen, auch wenn ich die Schlüsselkarte fürs Gebäude noch besaß.

Es war früher Nachmittag, ich ging zum Vorratsschrank, holte eine Tüte Chips, schaltete den Fernseher an und ließ mich aufs Sofa fallen. Der Talk des Tages stand unter einer Überschrift, die wie für mich gemacht war: »Bin ich der totale Versager – oder was?«

Zur verbalen Hinrichtung wurde Johnny geführt, ein spindeldürrer Typ von Anfang 20, bleich wie ein Blatt Papier mit ein paar roten Pickelsprenkeln. Drei Ausbildungen hatte er begonnen, aber immer war er rausgeflogen. Zu spät gekommen. Die Schule geschwänzt. Lange Finger gemacht. Und jetzt bezog er »Hartz IV«.

Der Fernsehsender fuhr im Studio ein ganzes Hinrichtungskommando auf: seine Freundin, seine Mutter und zwei Ex-Chefs, die ihm nun unter die Nase rieben, dass er ein Taugenichts war – gut im Saufen, gut im Fremdgehen, gut im Klauen. Aber eine Null bei der Arbeit, eine Null im Leben, eine Null in der Liebe.

Johnny verteidigte sich durch Gegenangriffe: Seine Freundin habe ihn morgens nicht geweckt – daher die Verspätungen. Sein Chef habe ihn zu schlecht bezahlt – daher die Diebstähle. Und seine Mutter habe noch nie zu ihm gehalten – daher haute sie ihn hier in die Pfanne.

Seine Verteidigung machte alles noch schlimmer: Das jugendliche Publikum buhte dazwischen, wenn er sprach, verlachte seine Argumente und klatschte kräftig, während seine Gegner ihn zerfleischten. Die heuchlerische Moderatorin, die immer wieder die Jugendsprache aufgriff, obwohl sie dafür zwanzig Jahre zu alt war, redete Johnny mit pädagogischem Eifer ins Gewissen. Es klang, als bezahlte ihr Sender sie fürs Bekehren von Sündern, nicht fürs publikumswirksame Hinrichten.

Johnny sackte immer mehr in sich zusammen. Sein trotziger Blick erlosch, er blinzelte ins Publikum wie ein Reh in den Autoscheinwerfer. Seine Körpersprache erschlaffte, seine Stimme wurde leiser. Am Anfang war er noch jemand gewesen, ein bekennender und trotziger Sünder. Doch jetzt schrumpfte er zum Niemand.

Ich lag auf meinem Sofa, die leere Chipstüte zerknüllt in der rechten Hand, und wischte mir mit der linken etwas Feuchtes aus den Augenwinkeln. Das kam sicher vom Rauch, meine Augen hatten sich noch immer nicht erholt.

Zu gern hätte ich Johnny die Hand gereicht: »Bruder!«