Ohne Iris, ohne ihren genialen Einfall, wäre ich nie wieder auf die Beine gekommen. Schon gar nicht so schnell.
Ich schaute Fernsehen, den ganzen Tag, glotzte auf Bilder von außen, um meine inneren Bilder zur verdrängen. Sendeschluss war, wenn mir die Augen zufielen, oft nach zwei Uhr nachts. Dann übernahm mein Kopfkino, diese Bilder durchnässten mein Bettlaken mit Angstschweiß. Mein Kampf auf der Brücke vermischte sich mit meinem Überlebenskampf in dem brennenden Haus. Flammen züngelten um mich herum, Rauch quoll empor, und ich hustete schwarzen Schleim, während der wuchtige Leib Gleims mich an den Rand der Brücke drängte. Und ein Gespenst, dessen Gesicht ich kannte, aber nicht zuordnen konnte, tanzte am gewittrigen Himmel wie eine überdimensionale Projektion.
Manchmal wachte ich auf von meinen eigenen Schreien. Aber ich hielt meine Augen mit ganzer Kraft geschlossen, als hätte mich, wenn ich sie öffnete, etwas noch Schlimmeres erwartet.
Das einzige Geräusch der Außenwelt, das meinen Schlaf unterbrach, war das Klingeln des Briefträgers gegen zehn Uhr. Ich spielte meine Rolle als tote Frau einfach weiter, bis die Schritte sich von der Tür entfernten. Der Schlaf saugte mich erneut ein, die Bilder fluteten wieder.
Gegen dreizehn Uhr kroch ich aus meiner Totenstarre hoch, schlüpfte in eine Jogginghose, aß im Stehen zwei Scheiben Toastbrot und pilgerte zum Sofa. Dort erwarteten mich Bilder, die gnädiger waren als die in meinem Kopf. Es gab viele Johnnys auf der Welt, ich war nicht allein.
Nur einmal am Tag, sobald es dunkel geworden war, verließ ich das Haus. Ich zog die Tür einen Spalt auf, schaute, ob die Luft rein war, und pirschte mich auf leisen Sohlen hinaus. Ich befreite den Briefkasten von seiner akuten Rechnungsverstopfung und meine Nachbarn von ihrem akuten Tratschthema – mir war klar, dass über mich gesprochen wurde: Sie war mal Ressortleiterin beim Tagesboten. Und dann die Heldin auf der Brücke. Mein lieber Scholli, ist die tief gestürzt! Der arme Junge. Wo ist er eigentlich? Hat das Sozialamt ihn ihr schon weggenommen?
Wann immer mein Telefon klingelte – meist zeigte es die Nummer von Marion oder Friedhelm an –, drückte ich die Anrufe weg. Nur mit Martha hätte ich gesprochen, da ich mich um sie sorgte. Aber die Tante war sensibel genug, zu spüren, dass sie mit Anrufen in einer frischen Wunde gebohrt hätte.
Nur mit Sebastian tauschte ich mich noch aus, zweimal pro Tag wechselten wir Textnachrichten.
Austausch nennst du das?, schaltete sich mein Teufelchen ein. Du lügst deinem Sohn die Hucke voll! Tust so, als wärst du freiwillig aus Hamburg weggegangen. Tust so, als wäre hier alles in Ordnung. Gibst ihm das Gefühl, dass ihn nach seiner Rückkehr eine heile Welt erwartet. Dabei lebst du auf Trümmern. Du sagst, du willst ihn schonen. Aber schonen willst du nur dich selbst – vor der bitteren Wahrheit!
Einmal gegen sechszehn Uhr – ich lag auf meinem Sofa, wo sonst? – klingelte es an der Tür. Erst langsam, dann schnell. Ich ahnte, wer es war, aber rührte mich nicht von der Stelle. Ein wahrer Klingelsturm brauste los. Dann hörte ich, wie ein Schlüsselbund klimperte und sich etwas im Schloss drehte. »Susanne«, rief eine vertraute Stimme, »ich weiß, dass du da bist – ich komm jetzt rein.«
Es war zu spät, um mich zu wehren. Ich blieb liegen. Und so sprang Iris in mein Wohnzimmer, begrüßte mich mit einem Jubelruf, umklammerte meinen Oberkörper, riss mich auf die Beine, drückte mich fest an sich und wirbelte mit mir durchs Wohnzimmer. Es war, als wollte sie mit einer toten Puppe als Tanzpartnerin ein Turnier gewinnen. Aber mein Zustand schien sie nicht zu stören. Sie hatte mich immer schon genommen, wie ich war, sogar damals bei meinem größten Egotrip – das tat sie jetzt erneut.
»Prinzessin, willkommen zu Haus!«, rief sie entzückt, hob mich hoch, bis sie nicht mehr konnte. Setzte mich ab, bis sie wieder konnte, um mich erneut anzuheben. Sie kam mir vor wie ein Frühlingswind, der in eine Grabkammer fuhr, und etwas Erstaunliches geschah: Ihre Lebendigkeit steckte mich an. Ich konnte meine Glieder nicht stillhalten, während sie so zappelte, konnte kein Pokerface wahren, während sie lachte.
Nach ein paar Minuten hatte sie mich so weit, dass ich ein wenig mittanzte, ein wenig mitlachte, obwohl ich sagte: »Iris, ich hab nichts mehr zu lachen. Ich bin pleite.«
Sie deutete auf meine Brust. »Wer ein großes Herz hat, lebt immer im Überfluss, Prinzessin. Auch ohne Knete.«
»Ich habe alles verbockt, was wichtig war.«
»Hey, Sebastian ist ein toller Junge. Und der war ja wohl am wichtigsten.«
»Ich hab den falschen Mann geküsst.«
»Sag doch gleich: Du hast von mir gelernt!« Ich musste lachen, weil sie seit zwanzig Jahren den Mann fürs Leben suchte, aber nur Männer für gewisse Stunden fand. Spätestens wenn sie mit ihnen in Urlaub flog, zerschlug es sich.
»Ich hab in Hamburg nur Trümmer hinterlassen«, sagte ich.
»Jetzt spiel dich nicht auf zur Operation Gomorrha. Du bist ’ne einzelne Frau. Und du wirst wieder nach Hamburg fahren und aufräumen.«
»Ich räume erst mal mein eigenes Leben auf.«
»Aber nicht hier auf dem Sofa! Du musst raus ins Leben, Arsch hoch, das macht dich lebendig.«
»Iris, ich bin eine Versagerin. Ich hab das Andenken meiner Mutter verjubelt.« Ich spürte, wie ein riesiger Kloß meinen Hals hinaufwanderte. Und meine Augen litten immer noch unter dem vielen Rauch, hastig wischte ich darüber.
»Welches Andenken meinst du?«, fragte sie.
Hatte sie schon vergessen, dass …
»Dieses zum Beispiel?«, fuhr sie fort und fingerte aus ihrer Hosentasche etwas Goldenes. Sie spreizte ihren Zeigefinger, legte den Armreif darüber und ließ ihn wie einen Hula-Hoop-Reifen kreisen, während sie wippte und eine Zirkusmelodie trällerte. Ich kam mir vor wie in einem Märchen, und Iris war die gute Fee. Diesmal fiel ich ihr um den Hals. Und drückte sie. Und wirbelte sie herum.
Vorerst wollte ich gar nicht wissen, woher sie sich das nötige Geld geschnorrt hatte. Aber ich schwor mir, ich würde es ihr zurückzahlen.
»Und jetzt brauchen wir nur noch einen Freier!«, rief Iris entzückt.
»Wir brauchen einen Freier?«
»Na für die StageBau – um ihr die verflixten Bordelle in den Wohnhäusern nachzuweisen. Wir brauchen einen Freier, der mit einer Minikamera ein paar Aufnahmen macht. Damit gehst du an die Medien. Dann landen diese Immobilienhaie in der Pfanne, jede Wette!«
»Die Hamburger Lokalmedien warten nicht gerade auf neue Themenvorschläge von mir.«
»Hey, Prinzessin – größer denken! Das wird ein überregionaler Skandal: ARD und ZDF, Stern und Spiegel.«
»Und woher willst du einen solchen ›Freier‹ nehmen?«
»Ist doch klar wie Kloßbrühe«, sagte sie, wischte auf ihrem Smartphone herum und hielt mir die Homepage einer Hamburger Schauspieleragentur unter die Nase. Dort konnte man Schauspieler engagieren, »auch für private Anlässe«, wie es ausdrücklich hieß.
»Such dir einen Kerl aus!«, sagte sie, und ich verfolgte, wie sich kleinformatige Porträts männlicher Schauspieler nebeneinander aufbauten. Ich begutachtete die Gesichter. Als ich ihn erkannte, schlug der Knallfrosch in meiner Brust einen dreifachen Salto, und das Stahlseil um meine Brust zog sich zusammen.
»Das kann – das kann nicht sein!«, rief ich.
»Was meinst du?«, fragte Iris.
Mein Finger hämmerte auf ein Gesicht: »Den kenne ich!« Braunes Haar und Seitenscheitel. Ich hatte seine Stimme noch im Ohr: »Ich habe die Ehre, Sie abzuholen.« Es war der Chauffeur von Heiner Stagemann.
Was, zum Teufel, machte er auf dieser Homepage?