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Der Straßenlotse

Wenn es Ihnen ein Anliegen ist, mir zu gratulieren, bitte sehr – sofern Sie es nur in Gedanken tun, denn der Laie ahnt ja nicht, dass bei einem Händedruck laut Studien mehr Viren und Bakterien den Besitzer wechseln als bei einem Kuss. Ich nehme an, Sie sind nicht ganz unbeeindruckt davon, wie spurlos ich den reichsten Mann der Stadt über die Straße begleitet habe. Dass ein Milliardär in seinem Privatflugzeug verunglückt, erstaunt die Öffentlichkeit so wenig, als wenn ein toter Junkie aus dem Bahnhofsklo getragen wird.

Ist Ihnen aufgefallen, wie vorsichtig die Nachricht in den Medien formuliert war? Niemand hat gesagt, dass Heiner Stagemann nun das Zeitliche segnet, während die Fische seine Überreste frühstücken und sein Flugzeug am Meeresgrund dümpelt. Vielmehr war die Rede davon, seine Maschine sei »vom Radar verschwunden«, »das Schicksal der Insassen unbekannt« und man müsse von einem »technischen Defekt« ausgehen.

Neulich habe ich leichtfertig behauptet, niemand stelle mir eine Referenz für ausgezeichnete Arbeit aus. Diesmal ist genau dies geschehen! Jede Meldung über den Absturz ist zugleich ein Kompliment für meine Arbeitsqualität, ein medialer Ritterschlag. Dass ich diese Berichte nicht ganz oben in meine Bewerbungsmappe hefte, hat zwei Gründe: Zum einen verstieße eine solche Mappe gegen das Gebot der Diskretion – zum anderen, Sie ahnen es, bewerben sich die Auftraggeber bei mir, nicht umgekehrt.

Und dennoch lohnt es sich, die Erfolgsbilanz meines letzten Auftrages festzuhalten: Ich habe jemanden auf die andere Straßenseite begleitet, aber niemand außer mir weiß, dass er dort angekommen ist – mehr Diskretion geht nicht! Und für alle Fälle wurde mir ein vorauseilender Persilschein ausgestellt: Ein »technischer Defekt« habe das Flugzeug abstürzen lassen.

Die Schlampigkeit dieser journalistischen Berichterstattung ist ein ganz anderes Thema. Kann man denn heutzutage nicht mal mehr den Qualitätsmedien trauen? Angesichts dieser Berichte könnte mein Auftraggeber ja denken, ich hätte den Motor des Flugzeugs manipulieren lassen. Dabei ist Ihnen längst klar: Ich bin viel zu sehr Profi, als dass ich eine solche Beweislage hinterließe, nicht einmal in tausend Metern Tiefe am Meeresgrund.

Die Journalisten hätten besser darauf spekuliert, dass es mitten über dem Meer zu einem menschlichen Drama gekommen ist, in meiner Fantasie ist es so abgelaufen:

»Herr Stagemann«, sagt der Pilot, »mir ist schwindlig. Und ich werde so unfassbar müde. Was ist nur mit mir los?«

»Schlafen Sie mir bloß nicht beim Fliegen ein«, sagt der Milliardär heiter, blickt aufs offene Meer hinab und fügt hinzu: »Ich habe nämlich keine Badehose dabei.«

Der Pilot lacht. Der Milliardär lacht. Sie fliegen weiter.

Oder nein, die Geschichte geht noch perfekter, der Milliardär sagt also: »Nehmen Sie noch einen Schluck Wasser, damit Sie wach bleiben!«

Der Pilot, der bei jedem Flug Mineralwasser ohne Kohlensäure trinkt, das er sich vor Ort besorgt (was ich nicht zufällig weiß, wie Sie schon ahnen werden) – dieser Pilot legt noch ein Schlückchen nach. Natürlich hat er schon zuvor getrunken. Und natürlich hat die Wirkung meiner Zutat – da bin ich Experte – mit der gewünschten Verzögerung eingesetzt. Raffiniert von mir, ihm eine Überdosis Blutdrucksenker zu verabreichen, obwohl sein Blutdruck eher tief ist.

Der Milliardär, der immer neben dem Piloten sitzt, in einer kleinen, handgesteuerten Maschine, vertieft sich wieder in eine Zeitschrift. Was halten Sie davon, dass wir ihn im Harvard Business Manager lesen lassen? Oder, noch besser: im Wall Street Journal.

Und während er von einem Aktienkurs liest, der gerade abwärts rauscht, fällt ihm die Flugkurve seiner Maschine auf: steil nach unten. Er schaut zum Piloten, aber der, mangels Blutdrucks bleich wie ein Gespenst, ist überm Steuerknüppel zusammengesunken. Ich weiß, die Wasserflasche hätte er längst losgelassen, aber gönnen Sie mir dieses kleine Vergnügen: Seine rechte Hand umklammert noch die Flasche. Den Steuerknüppel aber hat er losgelassen.

Der Milliardär brüllt seinen Piloten an und rüttelt an ihm, in der vergeblichen Hoffnung, ihn wieder flugfähig zu machen. Derweil pfeift die Maschine aufs Wasser zu, die Möwen bilden ein Spalier, und dann geht es auf Tauchstation.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil es Sie angesichts dieses Erfolges kaum verwundern wird, dass meine Dienste erneut angefragt wurden. Erst kürzlich durfte ich mich um einen Mann kümmern, der sein Wissen über vertrauliche Angelegenheiten offenbar zum eigenen Vorteil missbraucht hat. Sein Wechsel der Straßenseite lief wie am Schnürchen, die Polizei hat ihn schon in ihre Statistik aufgenommen, gewissermaßen als Opfer seiner selbst. Wieder ein Tod im Wasser, wenn auch diesmal nicht durch Ertrinken.

Und nun habe ich die Ehre, eine Frau im besten Alter über die Straße zu begleiten, kein Mütterchen – auch wenn sie Mutter ist, was jedoch keinen Einfluss auf meine Pläne hat, denn ihr einziger Sohn befindet sich zurzeit im Ausland. Offiziell habe ich keine Ahnung, wer mein Auftraggeber ist und warum er dieser Frau auf der anderen Straßenseite zuwinken will. Aber auch ohne meinen außerordentlichen IQ wäre mir aufgefallen, dass eine gewisse Parallele zu meinen letzten Aufträgen besteht. Nicht dass es sich um eine Milliardärin handeln würde, ganz im Gegenteil.

Aber offenbar ist diese Frau denselben Leuten im Weg und hat aufgrund ihrer Neugier ein paar Steine umgedreht, unter die sie besser nicht geschaut hätte. Laut meinen Recherchen hat sie sich damit schon früher in Lebensgefahr gebracht, und wie schreibt der weise Konfuzius so schön: »Erzähle mir deine Vergangenheit, und ich werde die Zukunft erkennen.«

Nach allem, was ich beobachtet habe, hat der Zielperson bislang niemand den Unterschied zwischen »mutig« und »tollkühn« erklärt. Sonst hätte sie sich neulich nicht ins Gebäude einer großen Immobilienfirma geschlichen. Sonst würde sie sich nicht an Menschen heranpirschen, die sie als Zeugen für ihre Anschuldigungen gewinnen will. Sonst hätte sie sich nicht mit einem Gegner angelegt, der ein paar Nummern zu groß für sie ist.

Falls Sie auf ältere Damen fixiert sind, weil meine erste Erzählung zum Thema so mitreißend war, habe ich ein Schmankerl für Sie: Es wird wieder ein Mütterchen mit von der Partie sein, wenn auch nur als WG-Mitbewohnerin meiner Zielperson. Aber seien Sie unbesorgt: Ich werde die alte Dame auf der aktuellen Straßenseite belassen.

Sofern es sich einrichten lässt.