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Als ich an seiner Haustür klingelte, war ich auf einmal nicht mehr sicher, ob ich hier das Richtige tat. Würde ich meinen Plan wirklich durchziehen? Oder vernebelte mir meine Wut den Blick? Er hatte mich hängen lassen, als es drauf ankam, hatte den Tod von Mietern in Kauf genommen und mich in Lebensgefahr gebracht. Hätte er sich an unsere Verabredung gehalten, der Feuerteufel wäre direkt in seine Arme gelaufen. Statt vor einer neuen Katastrophe zu stehen, hätten wir die alten aufklären können.

Du hast»wir«gesagt, du Spinnerin, wisperte mein inneres Teufelchen. Wach auf, er sitzt nicht in einem Boot mit dir! Du willst aufklären, was die StageBau treibt – er will es vertuschen. Warum hielt er die rote Mappe unterm Deckel? Warum verrät er die Interessen der Mieter? Und warum hat er dem Feuerteufel die Bahn frei gemacht? Der Kerl ist der verlängerte Arm der StageBau. Für dich war er sogar der verlängerte Mund, du musstest ihn ja küssen. Tu nicht so, als würdest du das bereuen! Ich weiß genau, warum du ihn heute in seinem Haus triffst.

Seit meiner Abreise aus Hamburg waren acht Tage vergangen, der November hatte der Stadt ein aschgraues Gesicht gepinselt. Die Verabredung einzufädeln war kein Problem gewesen: »Bin wieder in Hamburg. Möchte dich sehen.« Kaum hatte ich diese Nachricht abgeschickt, ploppte seine Antwort auf: »Gute Idee! 20 Uhr bei mir.« Seine Adresse stand unter der Nachricht.

Ich war sicher, auf eine chaotische Junggesellenwohnung in einem Mietshaus zu stoßen. Stattdessen stand ich jetzt, nach einer neuen Fahrradfahrt durchs Dunkle, vor einem Haus in Eidelstedt, das im Licht der Straßenlaterne überraschend gepflegt wirkte. Die weiße Fassade sah frisch gestrichen aus. Die Fenster waren vergittert, alle Büsche vor dem Haus akkurat geschnitten. Und der kurz geschorene Rasen war offenbar gerade erst vom Herbstlaub befreit worden. Aus den Fenstern im Erdgeschoss floss warmes, gelbes Licht.

Ich schätzte das Haus auf 250 Quadratmeter, ganz schön viel für einen Junggesellen. Oder war er vielleicht gar kein … Ich schaute aufs Klingelschild, um mir die Begegnung mit einer irritierten Ehefrau zu ersparen. Hier stand nur sein Nachname, das machte mich nicht schlauer.

Was verdiente man eigentlich als Geschäftsführer eines Mieterschutzvereins? Dieses Haus musste ein kleines Vermögen wert sein. Oder hatte er es von seinen Eltern geerbt? Bestimmt lebten die noch. Ich wusste fast nichts über ihn, fiel mir auf.

Oder war das Haus ein kleines Gegengeschenk der StageBau, ein Lohn dafür, dass er ihr aufmüpfige Mieter und renitente Wahrheitssucher wie mich vom Hals hielt?

Mein kleines Teufelchen hatte recht: Hier sollte jemand um den Verstand geküsst werden. Aber nicht ich. Mir war klar, dass Friedhelm nicht zufällig eingeschlafen war, als das Feuer gelegt wurde. Er musste gewusst haben, was an diesem Abend passieren sollte. Ich konnte nicht einmal ausschließen, dass er eben doch zu dem Haus gefahren war, aber kein Feuer verhindert, sondern eines gelegt hatte. Seine verschlafene Stimme am Handy war vielleicht nur Schauspiel gewesen.

Ich hatte vor, ihn nicht mit harter, sondern mit zarter Hand anzufassen. Aber nicht weil ich Gefühle für ihn hatte – sondern weil es der einzige Weg zur Wahrheit war. Zur Wahrheit über ihn. Und zur Wahrheit über die StageBau. Er musste sich in vollkommener Sicherheit wähnen.

Friedhelm Ganter bekam einen Besuch nach seinem Geschmack: von einer Frau, die ihm aus der Hand fressen, ihn sturmreif küssen würde. Seine Bedenken wegflüstern. Seine Zweifel wegstreicheln. Seinen kritischen Verstand in die Hose rutschen lassen. Vor allem das.

Und während er dachte, ich schmölze dahin, würde ich innerlich kalt wie ein Stein bleiben. Dazu hatte ich mir einen Trick ausgedacht: Ich würde bei jedem Kuss, bei jeder Berührung nur an eines denken: an meine Todesangst in dem brennenden Haus, die er verschuldet hatte. Jeder Kuss würde nach Rauch schmecken, ätzend und bitter.

Derweil sollte er mich, die naive Schnellküsserin, für Wachs in seinen Händen halten. Und nur eine Gefahr durfte aus seiner Sicht von mir ausgehen: dass er diese Nacht kein Auge zubekäme.

Aber damit läge er falsch. Denn wenn er sich müde geküsst hatte und ins Reich der Träume abglitt, würde ich einen kleinen Spaziergang durchs Haus unternehmen: sein Handy checken, meinen Stick mit Daten füllen, Akten einsammeln und in der Nacht verschwinden. Ich war gespannt, welche Beute ich an Land ziehen würde.

Mittlerweile hatte ich dreimal geklingelt, aber er öffnete nicht. Hatte er die Gefahr gewittert und wollte mich draußen halten? Aber warum brannte dann Licht in seinem Haus? Gedankenverloren lehnte ich mich nach vorne. Die Tür ging auf, fast wäre ich in den Flur gestürzt.

Entweder, ich hatte unverschämtes Glück – dann war er noch rasch zum Einkaufen geeilt, Sekt oder Champagner, hatte als hauptberuflicher Chaot die Tür nicht richtig verschlossen, stand jetzt in einer langen Kassenschlange und präsentierte mir unfreiwillig eine sturmfreie Bude.

Oder ich war gerade dabei, in eine Falle zu tappen. Was, wenn er irgendwo im Haus auf mich lauerte, mit einer Holzlatte in der Hand? Konnte es sein, dass er mich im Mordhaus niedergeknüppelt hatte? War er dort gewesen, um die Mieter zu besänftigen und von ungünstigen Aussagen gegen die StageBau abzuhalten? Aber hätte mich sein Anblick in diesem Haus so erstaunt, wie es offenbar der Fall gewesen war? Ich verfluchte mein Gedächtnis, das mir das Bild von meiner Begegnung im Flur nach wie vor schuldig blieb.

Oder war Friedhelm viel zu clever, um in seinem eigenen Haus zum Täter zu werden? Wählte er gerade die Nummer der Polizei, um einen Einbruch zu melden? Ich sah schon, wie der grelle Kegel einer Polizeitaschenlampe in mein Gesicht fuhr, während ich gerade Dokumente durchschnüffelte. Auf frischer Tat ertappt. Beim letzten Mal, als ich den Brand vorhergesagt hatte und vor den Polizisten geflohen war, stand ich schon mit einem Bein im Gefängnis. Aber wenn ein weiteres Delikt hinzukäme, der Einbruch bei einem Mieterschützer, würde mein nächstes Bett garantiert in einer Zelle stehen.

Aber ich war nicht nach Hamburg zurückgekehrt, um feige zu sein. Wie hatte mein Psychologe gesagt: »Angst wächst, wenn Sie meiden, was Sie fürchten. Aber Angst schrumpft, wenn Sie nach vorne gehen und sich ihr stellen.«

Ich betrat den Flur. Auf der Fensterbank brannte ein kleines Porzellanlämpchen. »Friedhelm, bist du da?« Keine Antwort. Ich schlich zur ersten Tür und schob sie vorsichtig auf. Das Wohnzimmer, hell erleuchtet, kahle Wände. Links, durch eine große Anreiche, fiel mein Blick in eine moderne Küche. Dort brannte ebenfalls Licht.

Die Stimme drang aus der anderen Ecke des Wohnzimmers: »Ich ruf die Polizei! Ich hab jetzt genug von dir!« Der Knallfrosch in meiner Brust trommelte ein Solo, mir blieb der Atem weg. Wie eine Salzsäule stand ich mitten im Raum. Sollte ich flüchten? Oder mich ergeben? Eine weitere Stimme sagte: »Die Leitung ist längst tot – es gibt kein Entrinnen!« Erst als ich meinen Kopf umwandte, begriff ich: Dort drüben flackerte ein Flachbildschirm, Frisuren aus den 1970er-Jahren, ein alter Krimi.

»Kein Entrinnen«: Diese Wörter kamen mir wie eine Warnung vor. Ich spürte, dass ich meine Beine in die Hand nehmen und dieses Haus verlassen sollte. Hier stimmte etwas nicht. Aber vorher wollte ich seinem Arbeitszimmer noch schnell einen Besuch abstatten, damit ich meinen USB-Stick nicht umsonst in der Tasche trug. Auf dem Wohnzimmertisch lag nur eine Fernsehzeitung. Keine Spur von Unterlagen oder einem Notebook.

Ich schlich zurück in den Flur. Hinter der nächsten Tür verbarg sich ein Schlafzimmer mit großem Spiegelschrank und französischem Bett. Wieder kein Chaos, nur auf einem Hocker türmten sich ein paar Kleidungsstücke. Vorsichtig zog ich eine Nachttischschublade auf. Eine Packung »Billy Boy«, Geschmacksrichtung Himbeere. Sonst nichts.

Ich tastete mich die Treppe hinauf, bog um die Ecke und stand in einem komplett leeren Raum. Es roch nach frischer Farbe. Kein Schreibtisch, keine Unterlagen. Vorsichtig schob ich die nächste Tür auf. Wieder leer, wieder Farbgeruch. War er frisch eingezogen? Warum fand ich keinen Laptop, keinen PC, kein Handy?

Ein Geräusch schreckte mich auf: Hinter der einzigen Tür, die ich noch nicht geöffnet hatte, setzte ein hektisches Surren ein. Es klang, als hätte jemand einen elektrischen Rasierer angeworfen, nur unregelmäßiger. Dann polterte es und war wieder still.

Spiel nicht die Heldin!, mahnte mein inneres Teufelchen. Renn raus, solang du noch kannst. Er lauert in diesem Raum. Er will dich dorthin locken – und sicher nicht, um einen Begrüßungscocktail zu servieren!

Ich schlich auf die Treppe zu und griff den Handlauf. Das Risiko war zu groß, ich würde das Haus verlassen. Da begann das Surren erneut, begleitet von einem leisen Klopfen. Als trommelten Fingerspitzen auf einen Tisch. Ich blieb stehen und drehte mich um. Ich musste einfach wissen, was hinter dieser Tür los war.

»Friedhelm«, rief ich, »wir sind doch verabredet!« Wieder keine Antwort. Nun schienen die Fingerspitzen noch hektischer auf den Tisch zu tippen.

Mir kam eine Idee. Ich zog mein Handy und tippte seinen Namen an. Für einen Moment stand mein Atem still. Dann dudelte es. Hinter der Tür. Dudelte, bis die Mailbox ansprang. »Friedhelm, was soll der Quatsch?«, rief ich. »Du bist da drin, komm raus!« Schweigen im Badezimmer. »Ich rufe die Polizei an, hier stimmt etwas nicht.« Offenbar durchschaute er meine leere Drohung. Keine Reaktion.

Mir blieb nur eines, wenn ich nicht unverrichteter Dinge wieder abziehen wollte: die Flucht nach vorne. Tu’s nicht, schrie mein inneres Teufelchen. Ich pirschte mich an die Tür, umklammerte den Griff, holte tief Luft und riss sie mit einem Ruck auf. Das Licht war an, ein Badezimmer mit hellen Fliesen. In der vorderen Ecke fiepte und klopfte es. Ein Hamsterkäfig mit Rad, ein verschüchtertes Tier. Daher das Geräusch!

Erst dann fiel mein Blick in die Badewanne. Dort lag er, nackt und mit blauen Lippen, in abgestandenem Wasser. Ein Arm ragte aus der Wanne, auf den Fliesen lagen eine schmutzige Spritze und ein halb volles Plastiksäcklein mit einem hellen Pulver. Daneben sein Handy.

Ich beugte mich über ihn, griff ihm an den Hals. Kein Puls mehr. Und kalt war er, kalt wie das Badewasser.