Ich hatte die Polizei nicht alarmiert, denn wie hätte ich mein Eindringen ins Haus erklären sollen? Mein Notruf war an Marion gegangen, ich hatte hysterisches Zeug gebrabbelt, der Tod von Friedhelm hatte mich aufgewühlt.
Du warst nicht nur aufgewühlt, zischte mein inneres Teufelchen. Du hast fast die ganze Nacht geheult. Das stimmte. Aber warum? Hatte ich geweint, weil mein Herz ihn, entgegen der Weisung des Kopfes, nie losgelassen hatte? Geweint, weil wir im Unfrieden voneinander geschieden waren, die Dinge zwischen uns ungeklärt bleiben würden? Oder geweint, weil sein Tod eine Vorahnung in mir weckte, dass ich die Nächste sein konnte?
Marion hatte beruhigend auf mich eingeredet und mich für den nächsten Morgen zu einem Spaziergang eingeladen. Tante Martha hatte ich nichts erzählt, ich wollte ihr nicht noch mehr Sorgen bereiten. Ihr Bein war weiter angeschwollen, und sie hatte damit in die Praxis von Dr. Otten humpeln müssen, weil der Arzt angeblich keine Zeit für einen Hausbesuch fand. Hoffentlich hatte er den Schlüssel nicht verlegt.
Vor dem Planetarium im Stadtpark flog mir Marion entgegen und umarmte mich fest, kurz spürte ich ihren Hals auf meiner rechten Schulter. Sie roch nach Flieder und Nacht. Dann trotteten wir nebeneinander her, schweigend.
Der Tag war finster, schwarze Wolken belagerten den Himmel, ein Pärchen vor uns benutzte Regenschirme als Spazierstöcke. Ein Bär von einem Jogger federte an uns vorbei, die Fäuste in die Luft gerissen, und boxte mit einem unsichtbaren Gegner. Tat ich nicht genau dasselbe: mit einem unsichtbaren Gegner boxen?
»Warst du verliebt in ihn?«, fragte mich Marion. Ihre Stimme klang sanft und tastend.
»Und du?«, fragte ich zurück.
»Ich? Ich habe ihn nicht gekannt.«
»Ich meine: in Stagemann.«
Sie wandte ihren Blick ab und schaute auf eine Wiese, wo gerade ein Junge durchs aufwirbelnde Laub rannte, um seinen Drachen gegen den scharfen Wind steigen zu lassen.
»Erst du«, sagte sie.
»Nicht verliebt«, sagte ich.
»Aber du hast ihn abends zu Hause besucht.«
Ich erklärte ihr, welche Rolle er bei dem Brand gespielt hatte. Und mit welchen Motiven ich zu ihm gefahren war.
»Du hast alles riskiert«, sagte sie.
»Er hat alles verloren«, sagte ich.
»Hast du ihn mit Drogen hantieren gesehen?«
»Mit Drinks. Aber die nimmt man im Glas ein, nicht in der Spritze.«
»Glaubst du, es war Heroin?«
»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. In meinem Leben bin ich schon ein paar Junkies begegnet: Das waren abgemagerte Typen, mit tiefen Rändern um die glasigen Augen, den Flattermann in den Fingern. Leicht versifft. So oft wie möglich haben sie sich aufs nächste Klo verdrückt. Aber er? Sah gesund aus, jungenhaft für sein Alter, und war im Gespräch immer voll konzentriert. Wenn’s hoch kommt, hätte ich ihm einen Joint zugetraut.«
»Die Haustür war offen, Susanne!«
»Du meinst, ich war nicht der erste Besucher des Tages?«
»Erst wird Elfriede Jaspers erwürgt – in einem unserer Häuser. Dann stürzt Heiner Stagemann ab – unser oberster Chef. Und jetzt liegt Friedhelm Ganter tot in seiner Badewanne – nachdem er eine brisante Mappe über die StageBau besessen hat. Das leuchtet doch ein, dass ein Drogentod jetzt ein bisschen viel Zufall wäre.«
Ich sah Marion nachdenklich an. »Warum sollte die StageBau einen Mann aus dem Weg räumen, der ihr treuster Diener ist? Der kritische Akten verschwinden lässt, tobende Mieter beruhigt und sogar einen Feuerteufel durchwinkt? So jemanden bringt man nicht um – so jemanden hält man sich warm.«
Ein fetter Regentropfen zerplatzte auf meinem Handrücken. Ein weiterer traf mein Ohr. Das Paar vor uns spannte die Regenschirme auf. Ich sah, wie der graue Asphaltweg schwarze Sommersprossen bekam.
»So jemand ist ein Mitwisser«, sagte Marion. »Niemand kann sicher sein, dass er schweigt. Es sei denn, er ist tot.« Der Drachen des Jungen brach beim Aufsteigen zur Seite aus und schlug ins Laub, ein Flügel knickte ab. »Du musst jetzt endlich an die Medien gehen«, fuhr sie fort. »Es braucht einen Denkzettel, eine Delle im Aktienkurs – erst dann hört dieses Treiben auf.«
Schon wieder sprach sie von der Börse. Warum war ihr dieses Thema so wichtig? Der Regen prasselte los, schwärzte den Asphalt und übertünchte die letzten trockenen Flecken. Marion griff nach einer unsichtbaren Kapuze, aber fand nichts an ihrem eleganten Anorak.
»Du hast noch nicht geantwortet«, sagte ich.
»Worauf?«
»Du und Stagemann – wart ihr ein Paar?«
»Wir waren ein eingespieltes Team.«
»Hast du mit ihm zusammengelebt?«
»Er hatte viele Wohnsitze, rund um den Globus.« Sie schaute zur Seite. Die Regentropfen kullerten wie Tränen über ihre dunklen Wangen.
»Marion! Du musst ehrlich zu mir sein. Ich habe dringende Fragen zu Heiner Stagemann.«
»Welche denn?«
»Warum ist sein Chauffeur, der mich damals abgeholt hat, als Schauspieler bei einer Agentur gelistet?«
Sie rang sich ein Lachen ab. »Weil Heiner ein großes Herz für Künstler hatte. Er ließ sich ganz selten chauffieren – und wenn, hat er immer Schauspieler angeheuert. Er wusste, dass die meisten von ihren Gagen kaum leben können, und meinte: ›Chauffeur ist doch auch eine Rolle. Und Autofahren kann jeder.‹«
Mir war nicht entgangen, dass sie zum ersten Mal nur seinen Vornamen verwendet hatte. »Ich hatte mir vorgestellt, dass der Chauffeur fest angestellt ist. Warum sollte ein Milliardär sein Personal nur leasen?«
»Er war nicht wie die anderen. Er war äußerst bescheiden.«
»So bescheiden, dass er viele Wohnsitze rund um den Globus besaß? So bescheiden, dass er im Privatflugzeug übers Meer gondelte? So bescheiden, dass er seine attraktive Personalchefin auch nach Feierabend beanspruchte?« Der letzte Satz war eine Gemeinheit, das wusste ich. Aber anders würde ich sie nicht zum Sprechen bringen.
Ruckartig blieb sie stehen und warf den Kopf zur Seite, Wassertropfen spritzten aus ihrem Gesicht. »Du beschmutzt gerade einen Toten. Und du stellst mich als sein Flittchen dar. Hast du schon vergessen, dass ich für dich Kopf und Kragen riskiert habe? Der Datenklau war kein Kavaliersdelikt.«
»Du hast die Daten nicht für mich geklaut – sondern für ihn.«
»Ich bin auf Knien zu Patricia Stagemann gekrochen, habe sie angefleht, deine Entlassung wieder rückgängig zu machen. Aber mit dem Identitätsdiebstahl bist du einfach zu weit gegangen, da war nichts mehr zu reparieren.«
»Das war doch nur ein Missverständnis mit einem Taxifahrer.«
»Und dass dein Gehalt in der Probezeit gepfändet wurde – auch nur ein Missverständnis? Die Stagemann hat mir das unter die Nase gerieben: ›Wie konnten Sie nur eine Person mit derartigem Leumund für eine so vertrauliche Aufgabe einstellen!‹ Ich muss froh sein, dass sie mich nicht auch vor die Tür gesetzt hat.«
Es fühlte sich an, als hätte sie mir ein Messer durchs Herz gebohrt. Ich wusste, dass mein Leumund nicht der beste war, aber dass sie mir jetzt den Stempel »Versagerin« aufdrückte, tat unendlich weh. »Du hast wahrscheinlich keine Geldsorgen«, sagte ich, »jetzt nicht mehr.«
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Das ist gemein! Was unterstellst du mir da?«
»Nichts.«
»Du hast gesagt: ›Jetzt nicht mehr‹.«
»Habe ich das?«
»Heißt ›jetzt‹: nach seinem Tod?«
»Sag du es mir!«
»Und willst du mit ›nicht mehr‹ sagen, dass er mir viel Geld hinterlassen hat?«
»Sag du es mir!«
Sie stampfte so heftig auf, dass mir Wasser ans Hosenbein spritzte. »Ich sag dir: Du kannst mich mal!« Sie schüttelte sich, als würde sie sich vor mir ekeln. Wasser perlte von ihrem Anorak.
Als sie sich umdrehte und in den Regen hineinrannte, wurde mir erst klar, was ich angerichtet hatte.