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Irgendwo bellte ein Hund in der Nacht. Geduckt schlich ich mich über das Feld, den Lichtern der Neubausiedlung entgegen. Der Boden war nass und glitschig, Fäulnis stieg auf. Scharfer Wind pustete mir ins Gesicht, orgelte in den Dachrinnen und ließ die Straßenlaternen ganz leicht schwanken. Ein unheimliches Klappern drang aus einem Hinterhof, vielleicht ein offenes Schuppenfenster.

Das Reihenhaus verströmte Licht, warm und heimelig. Ob drinnen wieder Cat Stevens lief? Auf der Fensterbank schien ein flauschiges Kissen zu liegen. Ich erinnerte mich an die Katze mit dem schwarz-goldenen Fell, deren Augen so rätselhaft im Sonnenlicht gefunkelt hatten. Offenbar wachte sie noch immer über das Haus. Und das schien mir nach dem Tod Friedhelm Ganters nötiger als je zuvor.

Ich war hergekommen, um die Wahrheit aus Lars Ketterer zu kitzeln. Er war ein mutiger Mann, das spürte ich. Den zugemauerten Schornstein hatte er in flammenden Worten angeklagt und war kurz davor gewesen, mir reinen Wein einzuschenken – aber sein Bruder Björn hatte ihn mit diplomatischen Floskeln zurückgepfiffen.

Zwei Parallelen zu Friedhelm fielen mir auf: Die Brüder Ketterer übten sich in Zurückhaltung, statt ihre berechtigte Kritik an der StageBau fortzuführen – als hätte ihnen jemand die Zähne gezogen. Und sie wohnten neuerdings in einem ziemlich teuren Eigenheim. Für mich roch das nach einem Pakt mit dem Teufel.

Ich musste an Friedhelm denken, an seine blauen Lippen in der Badewanne. Dass er an einer Charakterschwäche gestorben war, stand für mich fest, aber an welcher: Hatte er seine Seele an die Drogen verkauft? Oder an die StageBau? Beides konnte sogar zusammenhängen: Ein Junkie jagt sich Geld ohne Ende durch die Venen. Hatte er sich eine vermeintlich intelligentere Form der Beschaffungskriminalität als Einbruch oder Taschendiebstahl einfallen lassen? War es ihm gelungen, eine reiche Immobilienfirma anzuzapfen? Und worin genau hatte seine Gegenleistung bestanden?

Der eisige Wind setzte kleine Nadelstiche in mein Gesicht. Mein Handy zeigte 19.01 Uhr. Würde Lars Ketterer gleich die Haustür öffnen? Bei meinem ersten Besuch hatte er erzählt, er bräche jeden Abend kurz nach sieben Uhr zu einem Spaziergang an der frischen Luft auf. Nun gab es drei Möglichkeiten: Er ging allein spazieren – das war gut. Er ging mit seinem Bruder spazieren – das war schlecht. Oder er blieb bei diesem eiskalten Herbststurm am Kachelofen sitzen – das war am schlechtesten.

Dass ich klingelte, kam nicht infrage. Björn hatte die Tür einmal vor meiner Nase zugeschlagen, und er würde es wieder tun.

Als Lars allein vor die Tür trat, in einer orangen Daunenjacke, die ihn dick wirken ließ, war ich erleichtert. Er lief die Straße ein Stück hinab, ich folgte ihm auf dem Feld und bog dann, außerhalb der Sichtweite des Hauses, in den Asphaltweg ein.

Als ich ihn von hinten ansprach, unter einer schmutzigen Straßenlaterne, zuckte er zusammen. Es dauerte einen Moment, bis er mich erkannte. Ich fiel mit der Tür ins Haus: »Wissen Sie, dass Friedhelm Ganter tot ist?«

Er starrte mich an, und sein linkes Auge zuckte wild wie unter Stromstößen. »Was?«

»Er wurde tot in seinem Haus gefunden.«

»O Gott. Um Himmels willen. Was – was ist passiert?«

»Das möchte ich von Ihnen wissen.«

»Von mir? Aber woher – woher soll ich …«

»Erklären Sie mir einen Vorgang, den ich nicht verstehe: Erst werden Sie und Ihr Bruder von der StageBau fast vergast – der zugemauerte Schornstein. Sie wehren sich, dokumentieren diesen Anschlag perfekt, wenden sich an den Mieterschutzverein. Aber Friedhelm Ganter nutzt diese Akte nicht, um der StageBau die Hölle heiß zu machen, sondern hält sie unter Verschluss. Und Sie ziehen plötzlich in ein luxuriöses Haus am Stadtrand um und fahren gegenüber Ihrem Ex-Vermieter einen Kuschelkurs. Warum? Da ist doch etwas oberfaul.«

»Was ist Herrn Ganter passiert?«

»Dasselbe, was Ihnen auch passieren kann!«

Sein Augenflackern schien den ganzen Körper zu erfassen, ich sah ihn zittern. »Er wurde – er wurde ermordet?«

»Gut möglich.«

Der Wind schien jetzt noch lauter in den Dachrinnen zu orgeln. Ketterer warf einen scheuen Blick über seine Schulter und kniff beide Augen zusammen. »Das ist – das ist furchtbar!«

»Erzählen Sie mir die ganze Wahrheit. Wie sah Ihre Abmachung mit Friedhelm Ganter aus? Und warum haben Sie Ihre Kritik an der StageBau zurückgenommen?«

»Mein Bruder, Sie wissen doch. Ich kann – ich darf Ihnen nichts sagen.«

»Wissen Sie eigentlich, dass Friedhelm Ganter in einem schönen Häuschen gelebt hat? Ihres erinnert mich daran. Jetzt kann er es nicht mehr genießen.«

»Ich war dagegen, von Anfang an dagegen!«

»Wogegen?«

Er schüttelte den Kopf. »Nichts.«

»Also gut, dann behalten Sie Ihr kleines Geheimnis für sich. Friedhelm Ganter hat das auch getan. Es ist ihm nicht gut bekommen.«

»Herr Ganter hat versprochen …« Er fasste sich an den Mund.

»Was hat er Ihnen versprochen?«

»Nichts.«

Ich hatte ihn kurz davor, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht musste ich den Druck noch einen Tick erhöhen. »Wollen Sie denn lieber mit der Polizei sprechen? Dort wird man sich sehr dafür interessieren, wie Sie an dieses Haus gekommen sind – und welche Zusammenhänge es zu Friedhelm Ganter gibt.«

Er ballte eine Faust. »Wir haben dieses Haus nicht gestohlen, wir haben es gekauft! Ich lass mir von Ihnen nichts unterstellen.«

»Aber das hab ich doch gar nicht.«

»Doch, Sie haben mir mit der Polizei gedroht. Ich dachte, Sie sind Journalistin und wollen was gegen die StageBau unternehmen.«

»Das will ich ja auch.«

»Dann gehen Sie nicht auf mich los! Machen Sie denen Angst – und nicht mir.«

»Ich will Ihnen keine Angst machen.«

»Ach ja? Und warum deuten Sie dann an, auch ich und mein Bruder könnten ermordet werden?«

»Weil es eine Tatsache ist. Weil ich Sie warnen will. Weil ich Ihre Mails gelesen habe und weiß: Sie sind ein anständiger Mensch, dem man übel mitgespielt hat – ein Opfer, kein Täter.«

Ich sah, wie seine Gesichtszüge sich entspannten. Sein linkes Auge zuckte nur noch leicht, statt zu flackern. »Glauben Sie mir, ich hätte dieses Haus hier draußen nicht gebraucht. Ich wäre gern in unserer Hamburger Wohnung geblieben. Aber die haben uns rausgeekelt mit allen Mitteln.«

»Und dann haben Sie Friedhelm Ganter eingeschaltet.«

»Er hat meine Aufzeichnungen sehr gelobt, aber auch gesagt: ›Die StageBau wird sich keinen Mordanschlag nachsagen lassen. Die werden alle Register ziehen, um Sie juristisch an die Wand zu drücken!‹ Und er hat gemeint, so ein Prozess kostet schon mal Zehntausende Euro. Er hat von Mietern erzählt, die solche Prozesse später sehr bereut haben.«

»Fanden Sie das nicht merkwürdig: dass Ihnen ein Mieterschützer ausredet, dieses Unrecht juristisch zu verfolgen?«

»Nein, für mich klang das logisch. Er hat gesagt, dass die besten Lösungen immer hinter den Kulissen gefunden werden. Man einigt sich auf einen Vergleich.«

»Lassen Sie mich raten, wie Ihr Deal aussah: Im Gegenzug dafür, dass Sie Ihre Vorwürfe zurücknahmen, hat Ihnen die StageBau bei der Suche eines neuen Hauses ein wenig unter die Arme gegriffen. Kann man das so sagen?«

»Sagen können Sie alles; bestätigen werde ich nichts.«

»Für die StageBau war das ein tolles Geschäft, denn Ihre Kritik hätte Schlagzeilen gemacht und den Aktienkurs womöglich beschädigt. Mit einem Rutsch wären zweistellige Millionenbeträge futsch gewesen. Da war ein kleines Eigenheim eine extrem günstige Lösung – auch wenn sicher noch mehr Geld geflossen ist.«

»Wie meinen Sie das?«

»Was hätte es gebracht, nur Sie und Ihren Bruder ruhigzustellen? Der Geschäftsführer des Mieterschutzvereins war noch viel gefährlicher. Er musste seinen Mund ebenfalls halten, auch in anderen Fällen. Dafür hat er sich bestimmt fürstlich entlohnen lassen.«

»Sie meinen, er ist zu weit gegangen? Er hat so viel verlangt, dass ihn jemand …«

»Ich kenne keine Details. Aber ich weiß, dass er jetzt tot ist.«

»Glauben Sie wirklich – glauben Sie, mein Bruder und ich sind auch in Gefahr?«

»Sie sind durch ein trübes Gewässer gewatet. Und Sie wissen Dinge, die keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen dürfen. Eine Lebensversicherung sieht anders aus.«

»Na, Sie machen mir Hoffnungen!«

»Besitzen Sie Ihre Aufzeichnungen über das Mietermobbing eigentlich noch?«

»Nein, ich musste meine Festplatte abgeben. Ich durfte keine Sicherungskopie machen. Und das hab ich auch nicht getan, denn Herr Ganter hat gesagt, deren IT-Experten können das nachträglich feststellen.«

»Also gibt es digitale Datenspuren: Sie hatten Ihre Unterlagen ja an Friedhelm Ganter gemailt.«

»Wir hatten vorher telefoniert. Er hatte mich gebeten, die Sachen nicht per Mail zu schicken – er fand das zu riskant. Ich hatte ihm die Ausdrucke in einer roten Mappe übergeben.«

Eine Kälte ließ mich frösteln, die mit dem scharfen Nachtwind nichts zu tun hatte. »Das heißt: Ihre brisanten Vorwürfe sind nur noch in dieser Mappe dokumentiert?«

Er nickte. »Ich hoffe, das war nicht der Grund, warum Herr Ganter …«

»Bestimmt nicht«, sagte ich. Und zugleich fragte ich mich: War der Drogentod Friedhelms die geschickte Inszenierung eines Profis? Hatte jemand sein Haus nach der roten Mappe durchsucht, nachdem sie aus dem Büro verschwunden war? Und hatte ich deshalb keine Unterlagen und keinen Laptop in seinem Wohnraum gefunden, weil mir jemand beim Einfahren der Ernte zuvorgekommen war?

Mich beschlich das Gefühl, dass diese rote Mappe nicht gerade ein Glücksbringer war. Sie befand sich in meiner Nachttischschublade. Wie gut, dass das außer mir niemand wusste.

Aber konnte ich mir da sicher sein?