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Jane hatte geahnt, dass ihre Reportage über den Brand nur einen einzigen Leser fände: ihren Chefredakteur. Kaum hatte Frank von Leibringen das Manuskript gelesen, ließ er sie bei sich antanzen. Kerzengerade saß er auf seinem Schreibtischstuhl, sein Zwei-Meter-Körper erreichte im Sitzen fast ihre Augenhöhe. Seine blauen Eisaugen fixierten sie. »Warum liefern Sie mir schon wieder einen Brand?«, blaffte er sie an.

»Weil es schon wieder gebrannt hat«, sagte Jane.

»Wir sind kein Feuerwehrmagazin. Wir können nicht eine Brandreportage nach der anderen bringen, sonst schlafen unseren Lesern die Füße ein.«

Jane gab sich alle Mühe, fest auf der Stelle zu stehen, nicht zu pendeln – denn wer die körperliche Position aufgab, verlor auch die Position in der Diskussion, hatte ihr der Kommunikationstrainer gesagt. »Aber heute über ein Fußballspiel schreiben, obwohl wir schon gestern über eines geschrieben haben, das können wir doch auch. Neues Spiel, neuer Bericht – warum nicht auch bei Bränden?«

»Haben Sie je gehört, dass Mietshausbrände mit hohen Einschaltquoten im Fernsehen übertragen und von Millionen Menschen bejubelt werden? Fußball ist eine Attraktion, Brände sind es nicht.«

»Aber wir haben es hier nicht nur mit einem Brand zu tun – es ist eine Brandserie. Und wenn der Leser sich fragt, ob sein Mietshaus als nächstes brennt, dann ist die Sache doch …«

»Jetzt machen Sie mal einen Punkt! Zwei Brände in zwei Wochen in einer Großstadt wie Hamburg – wenn das eine Serie ist, dann ist meine Klospülung der Niagarafall.«

Jane hatte sich vorgenommen, diesmal nicht klein beizugeben. Susanne hatte ihr Leben riskiert und war in das brennende Haus gestürmt. Dass sie von dem Brand so früh gewusst hatte, lag bestimmt an ihren Recherchen über die StageBau. Vom Krankenhaus hatte Jane erfahren, dass sie mit einer leichten Rauchvergiftung davongekommen war. Doch alle Versuche, Susanne ans Telefon zu bekommen, um Details zu erfahren, waren gescheitert.

Bestimmt hielt Susanne sie für feige, weil sie sich ihrem Chefredakteur fügte, nur um den Ruf ihres Mannes zu schützen. Dabei hätte der es verdient gehabt, mit seinen Eskapaden aufzufliegen. Außerdem: Seit sie von Susanne wusste, welche Moderationshonorare von Leibringen von der StageBau einstrich, war er genauso erpressbar wie sie. 162.000 Euro pro Jahr waren kein Pappenstiel. Ein kleiner Wink an ein Journalistenportal, und sein Ruf wäre die Elbe hinabgeflossen.

Jane hielt dem eisigen Blick ihres Chefs Stand. »Ich finde es bemerkenswert, dass zwei Häuser derselben Immobilienfirma niedergebrannt sind – der StageBau

»Wissen Sie eigentlich, wie viele Mietshäuser die StageBau in Hamburg besitzt? Es wäre fast erstaunlicher, wenn es die Häuser eines anderen Vermieters getroffen hätte.«

»Und ich finde es bemerkenswert, dass in beiden Fällen dieselbe Brandursache ermittelt wurde: technische Defekte an der Elektronik. Das habe ich in meinem Artikel ja auch …«

»Na und? Wollen Sie der StageBau unterstellen, dass die Elektronik in ihren Häusern schlechter als in anderen ist?« Pause. »Oder wollen Sie gar behaupten, dass da jemand nachgeholfen hat?«

»Ich will Sie nur daran erinnern, dass ich über das letzte Brandhaus schon zuvor eine Reportage schreiben wollte – aber Sie haben das abgelehnt. Das Haus sollte renoviert werden und die Mieter mit Lärmterror vertrieben. Im zweiten Stock wurde eine Wohnung an Prostituierte vermietet.«

Er grinste. »Wer hat Ihnen das erzählt? Ihr Mann? Der gilt ja als Experte auf diesem Feld.«

Jane zwang sich, nicht darauf einzugehen. »Für mich hat das System: Erst zieht die StageBau alle Register, um Mieter zu vertreiben. Und wenn das nicht klappt, dann brennen …«

»Sie stellen hier ungeheuerliche Behauptungen auf – aber wo bleiben die Beweise? Ein solcher Verleumdungsjournalismus kommt nicht ins Blatt.«

Jane merkte, dass ihr Oberkörper jetzt doch pendelte, aber inhaltlich wollte sie keinen Zentimeter nachgeben: »Ich frage mich, warum Sie die Berichterstattung über die StageBau so konsequent unterbinden?«

Ein heiseres Lachen quoll aus seinem Mund. »Sie machen sich lächerlich: Wir haben der StageBau gerade eine kritische Titelgeschichte gewidmet. ›Der tiefe Absturz eines Milliardärs: Heiner Stagemann zerschellt?‹: Das war kein jubelnder Nachruf, das war ein vorbildlicher Blick auf die Schattenseiten eines Firmenlenkers.«

»Dieser Bericht klang nach: Die Firma hatte ein großes Problem – aber das ist gerade im Meer versunken. Dieser Artikel war so ›kritisch‹, dass der Aktienkurs der StageBau danach …«

»Ich bin für den Wahrheitsgehalt unserer Artikel verantwortlich, nicht für die Reaktionen der Börse.«

Sie stemmte ihre Füße fest auf den Boden. »Wirklich nicht? Dann können Sie meine Reportage über den Brand ja bringen.«

»Eine kleine Meldung reicht.«

»Aber eine große Story wäre …«

Er erhob seinen Riesenkörper und beugte sich über seinen Schreibtisch. »Was glauben Sie denn, wie ein solches Armdrücken zwischen einem Chefredakteur und seiner Ressortleiterin endet? Ungünstig für Sie.« Er neigte sich noch weiter zu ihr vor, jetzt konnte sie seinen Atem spüren. »Und noch ungünstiger für Ihren Mann.«

Jane beschloss, mit ihrer schärfsten Waffe zu kontern: »Weiß unser Verleger eigentlich, welche Moderationshonorare Sie von der StageBau beziehen? Kann es sein, dass Ihr kritisches Auge darunter leidet?« Wie cool sie das gesagt hatte! Dabei zitterte sie innerlich, aber das durfte er nicht merken.

Die blauen Augen ihres Chefs verengten sich zu winzigen Eisspalten. »Es geht Sie einen feuchten Dreck an, was ich nach Feierabend tue. Statt mir nachzuschnüffeln, sollten Sie lieber Ihren Mann im Blick behalten. Ein schöner Gleichstellungsbeauftragter ist das.«

Jane spürte, dass sein Selbstbewusstsein wankte – daraus schöpfte sie Kraft zum Nachfassen: »Ich habe Ihnen eine Frage gestellt.«

»Und ich habe Ihnen geantwortet: Mein Honorar geht Sie einen Kehricht an.«

»Ich bin leitende Redakteurin. Auch ich trage Verantwortung für diese Zeitung. Und ich muss wissen, für wen Sie arbeiten: für Ihre Leser – oder für die StageBau.« Einen Moment stockte ihr der Atem. Hatte sie es tatsächlich gewagt, so mit von Leibringen zu reden?

»Also gut, Frau Sternberg, wenn Sie mich zwingen.« Er wandte sich seinem Bildschirm zu, öffnete ein Dokument und hämmerte auf seiner Tastatur herum. Ratternd spuckte der Drucker in der Büroecke ein Blatt Papier aus. Jane ahnte, dass es sich nicht um ihre Beförderung handelte, sondern …

»Na los, holen Sie sich das Dokument«, unterbrach er ihre Gedanken und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Sie schlurfte zum Drucker, nahm das Blatt und überflog es. Es trug den Briefkopf der Welthungerhilfe und bescheinigte Herrn Frank von Leibringen, dass er im letzten Jahr Vortragshonorare in Höhe von 162.000 Euro gespendet und eine entsprechende Verpflichtung fürs laufende Jahr unterzeichnet hatte.

Für einen Moment wünschte sich Jane, der weiche Teppichboden des Chefbüros möge sie verschlucken.