Mein Leben hatte bei dem Hausbrand knapp gerettet werden können, aber etwas anderes hatte ich verloren: den USB-Stick mit den brisanten Daten über die StageBau. Meine Idee, den Stick immer am Körper zu tragen, hatte sich gegen mich gewendet. Irgendwo zwischen Rauch und Feuer, als ich um mein Leben kämpfte, war mir der Stick abhandengekommen. Oder war es im Krankenhaus passiert, als man mich von meiner rauchgeschwängerten Kleidung in ein Nachthemd, einen weißen, viel zu weiten Stofffetzen, gesteckt hatte?
Eigentlich hatte ich vorgehabt, Marion bei unserem Spaziergang von diesem Verlust zu erzählen. Ich war sicher, sie besaß eine Sicherungskopie der Daten. Aber ich hatte es ja fertiggebracht, meine einzige Verbündete in der StageBau gegen mich aufzubringen. Mein Versuch, ihr Verhältnis zu Heiner Stagemann zu klären, kam mir mittlerweile voyeuristisch vor. Warum hatte ich unbedingt unter die Bettdecke schauen wollen?
Hielt ich Marion denn wirklich für eine Mörderin? Traute ich ihr zu, einen Flugzeugabsturz zu verursachen, nur um an ein fettes Erbe zu gelangen? Ich wusste ja nicht mal, ob sie mit Heiner Stagemann zusammen gewesen war, noch weniger, ob sie einen Cent erben würde. Bestimmt hatte sie meine Unterstellungen gespürt und sich deshalb so energisch dagegen zur Wehr gesetzt. Das hätte ich an ihrer Stelle auch getan.
Außerdem hatte sie nie ein Geheimnis aus ihrem guten Draht zu Stagemann gemacht. Konnte es mir nicht egal sein, ob sie nur eine vertraute Mitarbeiterin oder mehr für ihn war? Je länger ich über diese Frage nachdachte, desto klarer wurde mir: Ich hatte Marion überfordert. Dass ich sie als Herzensfreundin sah und mich ihr so nah fühlte, hatte mich erwarten lassen, sie müsse alles mit mir teilen, ihr Leben und ihr Liebesleben. Hatte ich völlig aus dem Blick verloren, wie kurz wir uns kannten? Und dass es von ihr dumm gewesen wäre, eine Liebesbeziehung zu Stagemann, sofern es diese gab, ausgerechnet einer Journalistin auf die Nase zu binden?
Ich hatte Heiner Stagemann doch selbst kennengelernt und weit genug hinter seine blaue Sonnenbrille geblickt, um zu begreifen: Wenn er eines hasste, dann große Öffentlichkeit. Er wäre entsetzt gewesen, wenn ihn vom Cover der Hamburger Allgemeinen ein großformatiges Foto Marions angelacht hätte, überschrieben mit: »Geschmack für gut Gebautes: Die Geliebte des Immobilien-Milliardärs«.
Und was, wenn Marion tatsächlich nur seine vertraute Mitarbeiterin war? Dann musste sie meine Unterstellungen als Überfall erlebt haben. Wie geschmacklos von mir, in einem frischen Grab als Liebesdetektivin herumzustochern. Wo war mein Fingerspitzengefühl geblieben? Im letzten Jahr war ich so sehr mit mir selbst beschäftigt, mit meiner Krankheit, mit meinen Rechnungen und mit meiner beruflichen Zukunft, dass ich eine Kleinigkeit übersah: Es gab auch noch andere Menschen auf der Welt, die mit Sorgen kämpften, Menschen, die es verdient hatten, einfühlsam behandelt zu werden.
Es kam mir vor, als hätte ich von meinem Herzen genau das Falsche gelernt. Ich war selbst zum Knallfrosch geworden und hüpfte, wenn ich mal gerade nicht auf dem Sofa lag, wild durch die Gegend. Die Schäden, die ich dabei anrichtete, entgingen mir. Tante Martha hatte ich durch meine hektische Abreise vor den Kopf gestoßen und durch meine genauso hektische Wiederkehr verwirrt. Sebastian blendete ich mit Erfolgsnachrichten, während man mir den Stuhl unterm Hintern versteigerte. Und auch für Iris war ich eine Zumutung, ein Blutegel, der sich an ihrer Lebensenergie nährte, weil er selbst kaum mehr welche in sich spürte.
Ich hatte Marion mehre Entschuldigungen auf die Mailbox gesprochen und gefleht: »Ruf mich zurück, lass uns reden!« Aber die Tür unserer guten Beziehung war offenbar ins Schloss gefallen. Ich wusste, dass ich sie nur auf eine Weise wieder öffnen könnte: wenn es mir endlich gelänge, die StageBau öffentlich ans Messer zu liefern, den Aktienkurs einbrechen zu lassen – und damit Heiner Stagemanns letzten Wunsch zu erfüllen.
Aber wie sollte mir das ohne Beweismittel gelingen? Der Stick mit den Daten war weg, meine Rückfragen bei der Feuerwehr und im Krankenhaus waren ins Leere gelaufen.
Woher die Daten nehmen, wenn nicht stehlen?, fragte ich mich. Beim Stichwort »stehlen« kam mir eine Idee.