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Seit über einer Stunde kauerte ich in einer Hofeinfahrt und beobachtete das Firmengebäude der StageBau. Die Fenster der meisten Büros waren erblindet, nur hier und dort schälte sich noch ein Lichtquadrat aus dem Dunkeln. Gelegentlich sah ich Putzkräfte, wie sie an den großen Fenstern des Treppenhauses vorbeihuschten, Papierkörbe in der Hand. Aus einem Gully stieg Dampf auf. Ich klappte den Kragen meines Mantels hoch, denn die Temperatur war unter den Nullpunkt gefallen – so hatte es der Wetterbricht für Mitternacht vorausgesagt.

Ein junger Wachmann mit kahl geschorenem Kopf drückte sich vor dem Firmengebäude herum, verschwand aber alle zwanzig Minuten im Hinterhof, wo ich dann ein Feuerzeug zucken und eine Zigarette aufglimmen sah. Danach schnappte ich Gesprächsfetzen auf, er telefonierte mit dem Handy. Meist war er für zehn Minuten von der Bildfläche weg.

Ich wartete seine nächste Raucherpause ab, hastete über die Straße und hielt meine Schlüsselkarte an die Tür. Ich hoffte inständig, dass ein grünes Licht aufflackern und die Tür sich öffnen würde. Niemand hatte mich aufgefordert, meinen Schlüssel zurückzugeben.

Der erste Versuch schlug fehl: konstantes Rotlicht. Lag es an meinen zittrigen Fingern? Ich versuchte es erneut, doch wieder rotes Licht. Kein Zweifel: Die Karte war gesperrt worden. Vielleicht hatte sich Patricia Stagemann persönlich darum gekümmert.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, ins Büro von Marion zu spazieren, ihren Computer hochzufahren und jene Daten zurückzuerobern, die im wahrsten Sinne in Rauch aufgegangen waren. Und wenn ich schon im Hause war, hätte ich auch Patricia Stagemann meine Aufwartung gemacht. Wer weiß, welche vertraulichen Dokumente sich in ihrem Chefbüro im achten Stock aufstöbern ließen: Baupläne fürs Zumauern von Kaminen? Mietverträge mit Prostituierten? Oder gar ein paar interessante Details über den Tod Elfriede Jaspers’, den Absturz ihres Bruders oder das Vollbad Friedhelm Ganters?

Aber die massive Glastür des Gebäudes stand vor mir wie eine Panzerwand. Ich steckte meine Schlüsselkarte wieder in den Mantel. Ich musste nach Hause fahren und mir einen neuen Plan ausdenken.

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung im Erdgeschoss: Eine Frau mit Kopftuch, offenbar Putzkraft, trottete am verwaisten Empfangstresen vorbei, dem Ausgang entgegen. Die Glastür vor mir fuhr auf.

Ich trat ins Gebäude, lächelte die Frau an und ließ meine Schlüsselkarte in der Handfläche aufblitzen: »Sie sind mir zuvorgekommen – schönen Feierabend.« Und schon war ich drinnen.

Ich durchmaß die Empfangshalle, bog ab ins Treppenhaus, und zwei Minuten später saß ich hinter Marions Schreibtisch und fuhr ihren Laptop hoch. Während der Bildschirm sich aufbaute, überlegte ich: Unter welchem Namen konnte sie die Daten abgelegt haben? Wenn überhaupt, dann musste es ein Tarnbegriff sein, so etwas wie »Sammelordner« oder »Routineprotokolle«.

Die Desktop-Oberfläche war perfekt geordnet, unter anderem befanden sich hier Ordner mit »Bewerbungen Führungskräfte«, »Bewerbungen Fachkräfte« und »Bewerbungen Azubis«. Weitere Ordner schienen Details zum Seminarbetrieb, zu Coachings und zur Personalplanung zu enthalten.

Ich klickte mich in den Ordner »Eigene Dateien«. Eine endlose Reihe von Unterordnern sprang mich an. Aber alle Begriffe, die ich hier las, klangen nach Personalwesen. Nichts deutete auf einen Sammelordner mit versteckten Daten hin. Es war, als hätte ich einen einzelnen Wassertropfen in einem Meer gesucht.

Ich sah nur eine Lösung: Ich musste die komplette Festplatte speichern und zu Hause in Ruhe durchsuchen. Doch mein Stick meldete rasch seine Überforderung: Er war nur für 32 Gigabyte ausgelegt – die Festplatte umfasste aber 993. Ich hatte einen großen Fisch an der Angel, aber konnte ihn nicht an Land ziehen, weil das Keschernetz zu klein war. Was war ich doch für eine Amateurin!

Ich musste morgen Nacht wiederkommen, dann mit einer kleinen Festplatte. Bei diesem Stichwort kam mir ein Gedanke: Mit der rechten Maustaste klickte ich die angehefteten URLs in Marions Firefox an. Darunter befand sich die Internetseite eines großen Online-Buchhändlers, der auch Computerzubehör vertrieb. Ich klickte sie an, um herauszufinden, ob es mobile Minifestplatten in ausreichender Größe gab, die ich mir von meinen restlichen paar Kröten noch leisten konnte.

Du bist eine tolle Einbrecherin, Susanne!, meldete sich mein inneres Teufelchen zu Wort. Hinterlass doch gleich noch eine Visitenkarte am Tatort. Schon mal was von Datenspuren gehört? Recherchier das zu Hause. Schau, dass du Land gewinnst, ehe sie dich am Arsch packen.

Doch mittlerweile hatte sich die Internetseite aufgebaut. Zunächst erschienen individuelle Buchempfehlungen, offenbar ausgerichtet an Marions bisherigen Käufen. Als ich die Titelzeilen las, hielt ich inne. Mehrere Bücher hatten mit Schwermut und Depression zu tun. Marion machte immer einen so heiteren und aufgeräumten Eindruck – hatte sie eine tieftraurige Seite, die mir bislang entgangen war? War sie nach dem plötzlichen Tod Heiner Stagemanns in den schwarzen Abgrund einer Depression gestürzt? Kämpfte sie mit Verzweiflung, hing ihr Leben nur noch am seidenen Faden? Und hatte sie auf meine Nachrichten nicht reagiert, weil sie Unfug gemacht hatte und nicht mehr reagieren konnte?

Ich dachte an unser Gespräch im Stadtpark. Wenn ich so zu einer schwer Depressiven gesprochen hatte, kam das einem Todesstoß gleich. Was war ich doch für ein Rindvieh!

Ich musste genauer wissen, was Sache war, und klickte auf die Rubrik »Ihre Bestellungen«. Dort würde ich sehen, welche Bücher Marion tatsächlich gekauft hatte. Drei Buchcover, untereinander angeordnet, bauten sich auf dem Bildschirm auf. Zwei davon waren mit Themen der Personalauswahl überschrieben.

Das dritte Cover, mit einem Licht am Ende eines Tunnels, kam mir seltsam bekannt vor. Als ich die Titelzeile las, geriet der Knallfrosch in meiner Brust außer Rand und Band: Warum Selbsttötung keine Lösung ist – Erste Hilfe bei Depression.

Zunächst dachte ich: Das muss ein sehr populäres Buch sein, es wurde auch Martha untergejubelt. Dann sah ich das Datum der Expresslieferung. Hielt die Luft an. Rechnete nach. Und stellte fest: Es war der Tag, in dessen Nacht Tante Martha unerwünschten Besuch erhalten hatte.