Tante Martha konnte nicht fassen, was ich ihr da erzählt hatte. Sie nippte an ihrem Tee, zweimal nacheinander, und setzte ihre Drachentasse wie in Zeitlupe ab. »Soll ich ehrlich sein, Kind? Für mich klingt das wahrlich nach einer Räuberpistole. Welchen Grund hätte Marion gehabt, in meine Wohnung einzudringen? Warum hätte sie an den Gashahn gehen und das Buch über die Selbsttötung hinterlassen sollen?«
»Ich weiß es nicht sicher. Aber ich weiß, dass sie an einen Schlüssel gekommen wäre.« Ich dachte an das Alstergrundstück mit dem Boot, zu dem sie mir problemlos Zugang verschafft hatte.
Energisch setzte sie ihre Tasse ab. »Aber Susanne, was ist denn das für eine hanebüchene Logik! Du würdest doch auch nicht sagen: Der Täter ist im Auto geflüchtet – und weil sie Auto fährt, muss sie es gewesen sein. Unser Professor hat uns immer eingebläut, dass man nicht verifizieren soll, also Beweise für die eigene These sammeln – sondern falsifizieren, also sich selber fragen, was dagegenspricht.«
»Aber ich muss die Tatsachen doch zur Kenntnis nehmen! Dass sie ausgerechnet dieses Buch bestellt, ausgerechnet am passenden Tag, ehe es in deinem Sekretär landet – soll ich das für Zufall halten?«
»Spiel diese Möglichkeit einfach einmal durch.«
»Aber das setzt voraus, dass Marion depressiv ist. Doch diesen Eindruck macht sie beim besten Willen nicht.«
»Nicht jedes Menschenkind trägt seine Seele auf der Zunge.«
»Aber sie war das blühende Leben, hat Mitarbeiter eingestellt, Konferenzen geleitet, ist Joggen gegangen – das kriegt jemand mit Antriebsschwäche nicht mehr hin.«
»Was macht dich so gewiss, dass sie das Buch für sich selbst bestellt hat? Ich habe bei meinem Buchhändler um die Ecke juristische Standardwerke gekauft, ohne deshalb Juristin zu sein.«
»Du meinst: Sie hat das Buch für einen nahen Menschen mit Depression besorgt?«
»Zum Beispiel.«
»Aber für wen?«
»Denk mal nach, wer da infrage kommt.«
Ich überlegte, aber mir fiel nichts ein. Der Duft ihres Chanel N° 5 umspielte meine Nase, als wollte er meine Gedanken wach kitzeln. Und dann machte es klack: »Du willst doch nicht etwa sagen, dass sie das Buch für Heiner Stagemann …«
»Das ist eine Möglichkeit. Er hat sich von der Welt zurückgezogen, hast du mir erzählt. Er hat seine Firma seit Jahren gemieden. Dieser Rückzug könnte fürwahr Anzeichen einer schweren Depression sein.«
Das klang nicht ganz unlogisch. Aber ihre These ließ einen entscheidenden Punkt außer Acht: »Dann erklär mir, warum sie das Buch ausgerechnet an diesem Tag bestellt! Das kann doch kein Zufall sein.«
»Lass uns durch die Brille von Herrn Stagemann schauen: Was genau hat sich zu dieser Zeit in seinem Leben ereignet?«
»Keine Ahnung.«
»Aber Kind, du bist ihm doch tags zuvor begegnet.«
»Na ja, er wollte eine neue Mitarbeiterin anheuern, die in seiner Firma den Mist umgräbt – nämlich mich. Und diese Mitarbeiterin hat ihm einen Korb gegeben. Aber deshalb stürzt ein so mächtiger Mann doch nicht gleich in eine Depression.«
»Womöglich hat er all seine Hoffnungen in deine Ermittlung gesetzt. Und deshalb …«
»Martha, ich bitte dich! Du selbst hast doch gesagt, dass es bessere Detektive als mich gegeben hätte. Ich sage dir: Dieser Mann war nicht depressiv. Mit diesem Thema kenne ich mich aus.« Ich dachte an den tiefsten Punkt meines Lebens zurück, nachdem ich aus der frisch gegründeten Redaktion des Stadtstreichers geflogen und als Brandstifterin verdächtigt worden war. Damals war ich so am Boden zerstört, dass ich keine Energie hatte, um aufzustehen, keinen Hunger, um zu essen. Niemals hätte ich in diesem Zustand ein neues Projekt anschieben können. Aber genau das hatte Stagemann getan – durch den Versuch, mich anzuheuern.
»Susanne, niemand sagt, dass es gewisslich so war – wir prüfen nur die verschiedenen Möglichkeiten. Und mittlerweile ist ja ein gewichtiger Punkt hinzugekommen, der nachträglich für eine schwere Depression sprechen könnte.«
Skeptisch sah ich sie an. »Welcher denn?«
Ihr Zeigefinger im Looping des Tassengriffs verharrte. »Heiner Stagemann lebt nicht mehr.«
»Das war ein Anschlag, Martha! Jemand hat dafür gesorgt, dass er ins Meer stürzt.«
»Und wenn er lebensmüde war? Wenn er nach einem Tod gesucht hat, der posthum keine Schmach über ihn bringt? Dann wäre es eine naheliegende Idee gewesen, einen Suizid mit Flugzeug zu begehen. Erinnerst du dich an den Germanwings-Piloten, der eine voll besetzte Passagiermaschine für seinen Selbstmord in den französischen Alpen benutzt hat?«
»Martha«, sagte ich und spürte, dass Ärger in mir aufstieg. » Du erzählst hier die Räuberpistolen! Alles spricht dafür, dass Marion dieses Buch für dich bestellt hat – und etwas mit dem nächtlichen Besuch in deiner Wohnung zu tun hat!«
»Aber welches Motiv sollte sie geleitet haben? Sie hat dich zu diesem Zeitpunkt doch noch gar nicht gekannt.«
»Das stimmt, wir sind uns erst danach begegnet. Aber was ist passiert, als du mich angerufen und von dem nächtlichen Einbruch erzählt hast? Vor lauter Sorge um dich bin ich zurück nach Hamburg gekommen und habe Stagemanns Job doch noch angenommen.«
»Du meinst, das war kein Anschlag auf mich – sondern ein Köder für dich?«
»Marion hat Dreck am Stecken. Und ich würde wetten, sie hat auch was mit dem Absturz zu tun.«
Sie ließ ihre Tasse los. »Du gehst davon aus, sie hat ihn umgebracht?«
»Falls ja, dann nicht nur ihn«, sagte ich.
»Und was willst du jetzt tun, Kind?«
»Ihr das Handwerk legen«, sagte ich und stand auf.