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Der Straßenlotse

Ich will mich nicht damit schmücken, aber Sie werden es sofort einsehen: Meine exotische Freizeitbeschäftigung weist etliche Parallelen zur Tätigkeit eines Filmregisseurs auf. Nicht nur, weil ich großes Kino liefere – denken Sie an den spektakulären Absturz des Milliardärs! –, sondern vor allem, weil eine Begleitung über die Straße inszeniert sein will. Dieser letzte Gang muss ein Höhepunkt sein, der eine Lebensgeschichte glaubwürdig abrundet. So glaubwürdig, dass die faszinierten Zuschauer den Regisseur im Hintergrund vergessen.

Ein Film ist missraten, wenn die Zuschauer, während sie ihn schauen, dauernd daran denken, dass sie ihn schauen. Der Gag besteht darin, dass sie diesen Umstand vergessen und die Handlung als natürlich betrachten. Und bei mir besteht der Gag darin, dass ein Mensch die Straßenseite wechselt, ohne dass die Zuschauer meine freundlich helfende Hand dabei wahrnehmen.

Niemand wundert sich, wenn ein exzentrischer Milliardär eines Tages an seiner Exzentrik stirbt – warum musste er auch in einem kleinen Privatflugzeug übers Meer brummen? Niemand wundert sich, wenn ein gigolohafter Mieterschützer seinen Kick nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Drogen sucht und es dabei einen Schritt zu weit treibt. Und niemand hätte sich gewundert, dass ein Mütterchen von 94 Jahren eines Nachts von einem gnädigen Tod abgeholt worden wäre, hätte mir nicht ein Hund dazwischengebellt.

Nun will ich einmal testen, welchen Lerngewinn Sie aus meinen bisherigen Ausführungen gezogen haben. Was schlagen Sie vor: Wie kann ich die besagte Frau – Sie wissen schon, die Immobilienschnüfflerin – über die Straße begleiten, ohne dass meine Regie dem Zuschauer auffällt? Diese Frau, die in das brennende Haus einer Immobilienfirma spaziert ist und sich dort so lange aufhielt, bis sie ohnmächtig von der Feuerwehr hinausgetragen werden musste? Diese Frau, die sich nachts zum Schnüffeln ins Gebäude derselben Firma schlich, dabei aber völlig übersah, dass die Kameras ihren Einbruch gerichtsfest dokumentierten?

Also, meine Preisfrage an Sie: Welcher Gang über die Straße ist für diese Frau so natürlich, dass jedermann sagen wird: »Es musste ja so kommen!« Für mich liegt die Lösung auf der Hand: Eine Frau, die beim Schnüffeln Kopf und Kragen riskiert, die immer wieder Gebäude betritt, wo höchste Gefahr auf sie lauert – eine solche Frau muss beim Schnüffeln die Straßenseite wechseln, in einem Gebäude, wo höchste Gefahr auf sie lauert. Ein solches Ende wird für jeden Zuschauer schlüssig sein, verbunden mit der Moral: »Selber schuld!«

Was halten Sie von folgendem Filmfinale: Unsere tragische Heldin wird von ihrer krankhaften Neugier erneut über den Rand der Vernunft hinausgetragen. Diesmal schleicht sie sich in ein Haus, das alle anderen Menschen gezielt verlassen haben – ein Haus, dessen Betreten strengstens verboten ist. Weil es in wenigen Minuten gesprengt wird. Ganz offiziell.

Offenbar will sie – irrational, wie immer – die Sprengung in letzter Sekunde verhindern. Anders ist es kaum zu erklären, dass sie sich noch im Gebäude aufhält, als die Sprengladung explodierte.

Der Anblick ihrer Leiche – Sie wissen schon, ich bin feinfühlig – bleibt aller Welt erspart. Lediglich die Einzelteile ihres Menschenpuzzles finden sich beim Abfahren der Sprengreste. Nach einigem Hin und Her wird die polizeibekannte Frau identifiziert. Weitere Spuren sind in diesem Trümmermeer leider, leider nicht mehr zu ermitteln.

Angenommen, Sie wären Polizist und müssten diesen Fall untersuchen: Würden Sie einer Frau, die freiwillig in ein brennendes Haus rannte, nicht auch zutrauen, dass sie erneut zu weit gegangen ist? Ob der Suizid gewollt oder ungewollt war, wird für Sie keine Rolle spielen. Denn für Fremdverschulden werden Ihnen keine Anhaltspunkte ins Auge stechen. Und da Ihr Polizeirevier chronisch unterbesetzt ist, werden Sie glücklich sein, die Akte rasch zu schließen und Ihren Lieblingsstempel »Gelöst!« auf den Fall zu drücken.

Wahrscheinlich ahnen Sie es, dass ich den Drehort meines Films bereits besichtigt habe: Ich kenne ein Haus, das diese Tage gesprengt wird – ein Haus mit verwinkeltem Keller. Und ich kenne einen Grund, der unsere tragische Heldin veranlassen wird, diesem Haus unmittelbar vor der Sprengung einen Besuch abzustatten. Es wird ein kurzer, schmerzloser, wenn auch etwas lauter Wechsel der Straßenseite.

Gönnen Sie mir diesen Knalleffekt einfach; ich arbeite ja ansonsten lautlos genug.